„Der Mensch hat Anteil am Leben Gottes“

Vor 60 Jahren wurde Vinzenz Pallotti heiliggesprochen

Als Vinzenz Pallotti am 20. Januar 1963, in Rom heiliggesprochen wurde, hatte in der römisch-katholischen Kirche das II. Vatikanischen Konzil begonnen. Papst Johannes XXIII. rief die Kirche zum „aggiornamento“ zur „Verheutigung“ auf. So war es kein Zufall, dass Vinzenz Pallotti, der das Apostolat aller Getauften gepredigt hatte, als Vorbild herausgehoben wurde. Zum 60. Jahrestag seiner Heiligsprechung hat die Leiterin des „Zentrum für Spiritualität – Pallotti Institut“ Brigitte Proksch UAC eine Jubiläumsakademie zum Thema „Phänomen Heiligkeit – theologische und religionswissenschaftliche Perspektiven – Sehnsucht und Projektion, Faszination und Manipulation – zur Ambivalenz des Heiligen“ vorbereitet. Der Termin war für den 20. und 21. Januar geplant, wurde jetzt aber verschoben. Ein neues Datum steht noch nicht fest.

Frau Proksch, gemeinsam mit der Provinzleitung der Pallottiner haben Sie im Pallotti Institut, dem Zentrum für Spiritualität, eine Jubiläumsakademie anlässlich der Heiligsprechung vor 60 Jahren vorbereitet. Worum geht es Ihnen dabei?

In den Schriften Pallottis spiegelt sich seine Überzeugung, dass der Mensch als Bild Gottes an den Attributen und Wesenszügen Gottes teilhat, also seinem Wesen nach heilig ist, heilig durch Teilhabe am Leben Gottes. Diese seinshafte Heiligkeit ist jeder moralischen vorgeordnet. Das ist ein Aspekt, der oft weniger im Bewusstsein ist. Eine sogenannte „Heiligsprechung“ hat im alltäglichen Verständnis immer zuerst die Konnotation einer moralischen Qualität, selbst, wenn das theologisch betrachtet nicht so ist. Nicht zuletzt aus diesem Grund sollte das Heilige thematisiert werden, verbunden mit einem kurzen Blick in andere Kulturen und Religionen.

Die Pallottiner richten sich neu interkulturell aus, dabei spielt auch die Vinzenz Pallotti University eine wichtige Rolle. Wie passt das Thema zu Vinzenz Pallotti, der selbst ja nie weit über seine Heimatstadt Rom hinausgekommen ist?

Interkulturalität hängt mit Inkulturation zusammen: christlicher Glaube ist so unfassbar vielgestaltig, dass man kaum Überblick gewinnen kann – sei es innerhalb der katholischen Kirche vor Ort und weltweit, sei es innerhalb der christlichen Ökumene. Mit Ökumene hatte Pallotti damals noch nichts zu tun, die Vielfalt innerhalb der katholischen Kirche nahm er in Rom bewusst wahr und förderte unter den Studenten, den Priesteramtskandidaten verschiedener katholischer Ostkirchen die Pflege ihrer eigenen liturgischen Riten und Bräuche, nicht zuletzt bei der berühmten Epiphanieoktav.

Wie können wir das auf unsere heutige Situation anwenden?

Übertragen auf heutige Gegebenheiten ist die Auseinandersetzung mit der weltkirchlichen Vielfalt und den vielen Ungleichzeitigkeiten, die es da parallel gibt, das zentrale Bemühen des weltweiten synodalen Prozesses. Gerade im internationalen Austausch müssen die Kulturdifferenzen zum Thema werden. Das betrifft sowohl Migranten in Europa, damit verbunden die Internationalisierung der Orden, als auch die Beschäftigung mit den anderen Weltgegenden und den sie prägenden religiösen Traditionen. – Vielfalt war für Pallotti jedenfalls kein Problem, ihm ging es immer um „alle“ in der Überzeugung, dass jede und jeder einen Beitrag zum Ganzen habe.

Vinzenz Pallotti ist keiner der bekannten Heiligen. Wie haben Sie ihn kennengelernt und was gefällt ihnen an dieser Persönlichkeit besonders?

Bevor ich den Pallottinern begegnete, kannte ich Vinzenz Pallotti nur dem Namen nach – so viel war mir vom Studium noch im Gedächtnis geblieben –, und auch, dass er etwas mit Laienapostolat zu tun hatte. Als die Pallottiner zum 50-Jahr-Jubliäum der Heiligsprechung eine Pallotti-Studie zu seiner Spiritualität machen ließen und das mir zugefallen war, lernte ich diese Persönlichkeit langsam besser kennen.

Was hat Sie damals am meisten beeindruckt?

Pallottis universale Offenheit und Weite bewegten mich zunehmend. Ich sehe ihn als jemanden, der das Charisma des Ignatius von Loyola, das Konzept der Teilhabe an der Sendung, am Apostolat Jesu, von seiner klerikalen Engführung ausweitet auf alle. Mein Vorgänger im Pallotti-Institut, Pater Ulrich Scherer, der ein wirklich hervorragender Kenner aller Schriften Pallottis war, hat immer hervorgehoben, dass es Pallotti um ein universelles Apostolat ging und um die Zusammenarbeit aller. Das geht weit über die Förderung der Mitarbeit von sogenannten Laien hinaus.

Würde Vinzenz Pallotti heute leben, was würde er uns in der Gegenwart mit auf den Weg geben?

Das ist die Frage nach der aktuellen Bedeutung seines Charismas und dieses liegt in der Teilhabe an der Sendung Jesu durch den Vater in die Welt. Es ist also sehr weit gefasst. Pallotti reagierte auf alle Anfragen mit großem Einsatz und grenzenlosen Engagement, oft jenseits seiner physischen Kräfte. Er nahm Aufgaben wahr, die auf ihn zukamen. Wenn wir heute die Zeichen der Zeit immer wieder neu zu erkennen und zu deuten suchen, dann geben diese uns die Richtung für unseren Einsatz an. In diesem Sinn kommt die Sendung „von unten“, aus den Nöten der Zeit.

Was hat Pallotti besonders ausgezeichnet?

Kennzeichen der Haltung Pallottis war, wie schon erwähnt, die Universalität und Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Er nennt sie „die göttlichste aller Gaben“. Auch der große Respekt vor anderen und ihrer Meinung charakterisierten Pallotti. Er wollte allen zuhören, um von allen zu lernen. Diese Fähigkeit zur Kommunikation müssen Menschen immer neu üben und lernen. Austausch und Zusammenarbeit, wie sie auf der Synode weltweit oder in Deutschland holprig versucht werden, zeigen die Dringlichkeit solcher Fähigkeiten. Pallotti hatte jedenfalls keine Berührungsängste, sprach und arbeitete mit jedem und jeder, mit Menschen ganz unterschiedlichen Milieus. Ihm ging es um die Vertiefung der Gottesbeziehung, der Spiritualität, aber auch um eine „weltweite Caritas“ wie er es ausdrückte. Heute würde man das globale Gerechtigkeit nennen und um das Glaubenszeugnis, die Verkündigung, die jedenfalls auch den Dialog mit verschiedenen Kulturen und Religionen einschließt.

Zum Schluss noch kurz gefragt: Gibt es einen besonderen Impuls für unsere Spiritualität in der Krise der Gegenwart?

Aus mehreren würde ich den folgenden hervorheben: Ein wichtiger Punkt ist Pallottis Überzeugung von der Gegenwart Gottes in jedem Menschen – nichts Neues, könnte man sagen, alte biblische Theologie. Und doch hat es heute große Bedeutung, dies neu zu entdecken und den Wert der persönlichen Gotteserfahrung ernst zu nehmen. Die Dimension der Erfahrung wurde zu lange, nicht zuletzt durch den Antimodernismus, gänzlich zurückgedrängt, weil sie sich der Struktur und Verwaltbarkeit durch Institution entzieht. Pallotti mahnt dazu, die Gegenwart Gottes „in der eigenen Seele“, wie er es ausdrückt, immer wieder und ständig zu betrachten.

Frau Dr. Brigitte Proksch

Zur Person

Dr. Brigitte M. A. Proksch ist promovierte Theologin (Patrologie und alte Kirchengeschichte) und lebt in Wien. Ihre Schwerpunkte sind der interreligiöse und interkulturelle Dialog, sie ist im Forum für Weltreligionen tätig und leitet seit 2022 das „Zentrum für Spiritualität – Pallotti Institut“ in Vallendar. Brigitte Proksch ist seit 2019 die Vorsitzende des Nationalen Koordinationsrats der Unio (UAC) in Österreich.

Interview: Andreas Schmidt

Neuigkeiten aus dem "Zentrum für Spiritualität"

Das Pallotti-Institut: Die Wiener Theologin Brigitte M. A. Proksch gehört zur Vereinigung des katholischen Apostolats (UAC). Sie ist seit Sommer 2022 Leiterin des Pallotti-Instituts, das nun mit einer Ergänzung „Zentrum für Spiritualität – Pallotti Institut“ heißt. Hinter der Namensergänzung steckt die Überzeugung, dass christliche Spiritualität, die sich aus den reichen Quellen christlicher Überlieferung nährt, immer gefragt ist und sich kontinuierlich um neue Ausdrucksformen und neue Sprache bemühen muss, um verständlich zu werden. Pallotti und sein Charisma im Kontext seiner Zeit bleiben im Aufgabenspektrum des Instituts ein zentrales Thema. Die Übertragung in gegenwärtige Diskurse hinein ist die Herausforderung.

Online-Gespräche: Das Zentrum hat sowohl einen wissenschaftlich-akademischen als auch einen pastoralen Auftrag. Eine online-Schiene an Vorträgen, Workshops und anderen Angeboten wird gerade entwickelt. Geplant sind auch themenzentrierte Studientage und Publikationen. Neu sind ab Februar die „Pallotti-Abende“, Online-Gespräche, die zwei Pallottiner oder auch andere Pallotti-Freunde miteinander führen, um ihre Kenntnisse und Erfahrungen mit Pallotti zu erzählen. Das erste Gespräch wird am 10. Februar um 17 Uhr online stattfinden (mit Edward Fröhling SAC und Sascha Heinze SAC).

Pallotti-Exerzitien: Mindestens einmal pro Jahr wird das Institut Pallotti-Exerzitien in Vallendar anbieten – Anleitung zum kontemplativen Gebet mit Impulsen aus der Spiritualität Pallottis. Thomas Lemp SAC hat für Februar 2024, Erik Riechers SAC für Februar 2025 zugesagt.

Newsletter: Neu ist die Produktion eines online-newsletters, die in Vorbereitung ist (Anmeldungen dazu bitte an Proksch@pallottiner.org).

Jubiläumsveranstaltung: Anlässlich 60 Jahre Heiligsprechung Vinzenz Pallottis war vom 20. bis 21. Januar 2023 eine Jubiläumsakademie geplant. Sie wurde nun aktuell verschoben. Ein neues Datum steht noch nicht fest. Titel: „Phänomen Heiligkeit – theologische und religionswissenschaftliche Perspektiven“ – Sehnsucht und Projektion, Faszination und Manipulation – zur Ambivalenz des Heiligen.

Beiträge aus der pallottinischen Unio (UAC)

Es gibt viele Worte des heiligen Vinzenz, die uns tief berühren
Papst Benedikt erwähnte den heiligen Vinzenz Pallotti in zwei Reden
Die pallottinische Familie lädt wieder ganz herzlich zu verschiedenen Epiphaniefeiern ein.
Synodalität ist eine Haltung, mit der die Kirche ihre Sendung in der Welt erfüllt
Pater Edward Fröhling ist Flughafenseelsorger am Airport in Frankfurt und Unio-Präsident
Bei diesem Thema geht es nicht zuletzt auch um die Vorbeugung gegen geistlichen Missbrauch. Eine aktuelle Kooperation mit dem Bistum Limburg.
Pater Donio vom Catholic Apostolate Center in Washington stellt "Sieben Schlüssel zur christuszentrierten Zusammenarbeit" vor
Unio Gruppe im Ammerland trifft sich seit 2004 jeden Monat in privaten Räumen
Wie kann die pallottinische Familie zu einer geschwisterlichen Weggemeinschaft in der Kirche beitragen?
Der synodale Weg ist ein entscheidender Schritt für die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und das Leben der Christenheit
Die Pallottinerinnen feierten ihr Limburger Seniorenheim „Haus Felizitas“
Unio unter neuer Führung
Die Unio war mit einem eigenen Stand auf der Kirchenmeile vertreten
Movimento Pallotti Berlin hat ein neues Mitglied in die Unio aufgenommen: Johannes Wogram UAC
Der 4. April 1835 gilt als offizieller Geburtstag der Vereinigung des Katholischen Apostolates.
In Rom wurde der internationale Rat der Unio, das zehnköpfige "General Coordination Council (GCC)", neu gewählt
Überall versammelten sich die pallottinischen Gemeinschaften und gedachten ihres Gründers Vinzenz Pallotti
Die Pallottinerinnen und die Pallottiner entsenden im Sommer junge Menschen nach Ruanda, Tansania und Bolivien
Einladung zu einem besonderen Online-Seminar des Pallotti-Instituts
"Jugendliche begeistern. Schauen, was sie brauchen“, das ist der Ansporn für Christoph Scheppe UAC. Er ist Lehrer an der Franziskus-Schule in Olpe.
Einladung des Pallotti Instituts zum Online-Vortrag am 1. Dezember
Einladung zum Dialog über Papst-Wort: „Es geht nicht darum, eine andere Kirche zu schaffen, sondern eine Kirche, die anders ist.“
Stefan Heuel verpflichtet sich der Vereinigung des Katholischen Apostolates
Mit Leidenschaft für eine Kirche, die anders ist. Seien Sie mit dabei!
Die monatliche Reflexion für UNIO-Mitglieder kam im Oktober von Cäsar Szwebs UAC aus Dänemark
Die monatliche Reflexion für UNIO-Mitglieder kam im September von Isabel Bolhuis UAC aus Kanada
Von Vinzenz Pallotti bis heute - pallottinische Impulse und Erfahrungen mit Zeiten von Krankheit
Bei der Einweihung des St. Vinzenz Pallotti Quartiers in Stuttgart wurde die Pallotti-Stele enthüllt
Einladung zum Radio-Vortrag über die selige Elisabetta Sanna
„Pallotti, Buddha und Maria“, lautet der Titel des Online-Vortrages von Prof. Pater Paul Rheinbay
Christliche Spiritualität als Quelle für Lebensqualität und eine Erneuerung der Kirche: "Spiritualität für die Gegenwart" erscheint in der 2. Auflage.
Paderborner Ordensmitglieder setzen große Hoffnung auf den Synodalen Weg
Maria, die Königin der Apostel, führt uns zu Jesus – Gedanken zum Fest Regina Apostolorum
Dieses Symbol setzt ein Zeichen für Geschwisterlichkeit und Achtung vor der Schöpfung.
Das Mutterhaus der Theresienschwestern vom Katholischen Apostolat wird umgebaut und schafft neuen Wohnraum im bayerischen Mering.
Das deutsch-österreichische Pallotti-Institut lädt zum Online-Vortrag.
Online-Vortrag: Die "Geschichte von der Mitverantwortung aller" in der Kirche leben und erzählen.
Der Reflexions-Impuls für UNIO-Mitglieder (und Interessierte) kommt im Februar von Sr. Monika Jagiello aus Polen.
Gottes Schöpfung ist voller lebendiger Gegensätze. Pallotti wollte ein neues Miteinander in Vielfalt.
Künstlerin gestaltet eine Stele zu Ehren des heiligen Vinzenz Pallotti.
Online-Vortrag: „Jedermann“ bei Ezechiel und Pallotti – Eine alttestamentlich fundierte, spirituelle Sicht auf den Menschen.
Es geht darum, das "gemeinsame Haus" so zu organisieren, dass aus den vielen Bewohnerinnen und Bewohnern Geschwister werden können.
Online-Vortrag: „Pfarrei-Leitung im Team – (un)vereinbar mit katholischem Amtsverständnis?“
Papst Johannes Paul II. kannte Vinzenz Pallotti und war ein Freund der pallottinischen Familie.
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Die deutsche Unio traf sich zur Vollversammlung im Haus St. Ulrich in Hochaltingen.
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Bei der diesjährigen Vollversammlung der UNIO, vom 08. bis 10. Juni 2018 im Apostolatshaus Hofstetten, wurde ein neues Präsidium gewählt.
Beim UNIO-Kongress machten sich Mitglieder und Freunde der UNIO gemeinsam auf den Weg.

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