Viele Wohnungen im einen Haus…

"Apostel heute" - Impulse für Mitglieder der weltweit tätigen UNIO

Seit einigen Monaten lebt eine Muslima in unserem Haushalt, die Pflegerin meiner alten Mutter. Sie kommt aus Bosnien und versteht sich als moderne Frau, trägt kein Kopftuch und ist modisch und geschmackvoll gekleidet. Zugleich ist sie ernsthaft gläubig und hält sich an die Regeln des Islams. Sie betet schon vor Sonnenaufgang, wie es der Islam vorscheibt, und der ist Mitte Mai in Wien etwa um 5 Uhr morgens. Als am 24. April der Fastenmonat Ramadan begann, erlebte ich, wie sie von diesem Tag an von der Dämmerung bis nach dem Sonnenuntergang keinerlei Getränk oder Speise mehr zu sich nahm. Mittlerweile sind die Tage lange, die Dämmerung beginnt schon vor 4 Uhr morgens, die Sonne geht um 20.30 unter – ein langer Tag und der Ramadan dauert 30 Tage! Ein bescheidenes, aber nahrhaftes Mahl nimmt sie in der Nacht zu sich. Es ist nicht leicht für sie, so wenig zu schlafen und den Tag durchzuhalten. Auf meine Frage, wie ich es ihr erleichtern könne, antwortete sie, dass sie das strenge Fasten gerne für Gott auf sich nehme, dass es nicht der Gesundheit oder der Gewichtsreduktion diene, sondern einzig und allein Gott. Auch Zakat, das Almosengeben, nimmt sie als Verpflichtung ernst und spendet von ihrem bescheidenen Einkommen regelmäßig einen beachtlichen Teil an verschiedene Einrichtungen und Personen. – Ich bin bewegt von ihrem Glaubenszeugnis. – Als Theologin im interreligiösen Bereich weiß ich, dass der Islam – wie jede Religion – viele verschiedene Gesichter und Richtungen hat, nicht anders als das Christentum auch. Die Erfahrung, als Christin mit einer Muslima in einem Haushalt zusammen zu leben und über Gott und den Glauben auszutauschen, ist jedenfalls eine faszinierende Bereicherung, ein Lernprozess. Wenn ich beobachte, wie regelmäßig sie betet, erinnert mich das an den Lebensrhythmus von Mönchen und Nonnen. Von dort hat ja Mohammed auch eine Inspiration bezogen.

Natürlich nehme ich auch die Unterschiede unserer beiden Glaubenstraditionen wahr. Ich gehöre nicht zu jenen, die meinen, bei den Muslimen wäre noch jene Ordnung und Hochschätzung des Familienlebens zu finden, die Christen in der westlichen Welt angeblich verloren hätten, jene religiösen Werte, die Europa missen lässt … Die Thematik ist weitaus komplexer, aber eines ist klar: Es ist ein Lernweg gegenseitigen Gebens und Nehmens. Hohe Wertschätzung ist angesagt (So das Zweite Vatikanische Konzil in Nostra Aetate 3: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“) – Sendung als Spurensuche nach Gottes Wirken im Anderen!

Kümmern
Es ist ein Lernweg gegenseitigen Gebens und Nehmens. Hohe Wertschätzung ist angesagt.
Gebet - ein Lebensrhytmus
Ein jedes Geschöpf ist seinem Wesen nach ein betendes. Mensch sein heißt, ein Beter oder eine Beterin zu sein.

Jedenfalls kann ich gut mitvollziehen, wie Franz von Assisi beeindruckt gewesen sein musste, als er 1219 von Ende August bis Mitte September anlässlich des 5. Kreuzzuges für drei Wochen in Ägypten im Heerlager des Sultans Al-Kamil zu Gast war und dort mitten unter Muslimen lebte, nicht vor allem, um sie „zu bekehren“,
sondern um ein Zeichen für die allen Menschen gemeinsame Heiligkeit aufgrund ihres Geschöpfseins zu setzen. Während in der christlichen Welt damals fast nur in Klöstern regelmäßig gebetet wurde, beteten beim Ruf des Muezzins alle Muslime. Der franziskanische Historiker und Theologe Michael Cusato ofm hat über die reiche Wirkungsgeschichte dieser folgenschweren Begegnung des Franz von Assisi mit den Muslimen interessante Einsichten festgehalten: „In der Kirche war das Gebetsleben ein Privileg der geistlichen Stände geworden. Es wurde als Ehrenpflicht der Kanoniker und Kleriker angesehen, ebenfalls der Mönche und Nonnen, wobei damals die Teilnahme von Laien an dieser Würde bereits ihren Anfang nahm. Franziskus aber hatte während seines Aufenthaltes als Gast des Sultans beobachtet, dass die islamische Gemeinschaft als ganze regelmäßige Gebetszeiten einhielt. Zusätzlich war der Bettler aus Assisi davon beeindruckt, dass jeder Bürger zu bestimmten Zeiten zum Gebet aufgerufen war. So kam dann Franziskus zu folgendem Schluss: Ein jedes Geschöpf ist seinem Wesen nach ein betendes. Mensch sein heißt, ein Beter zu sein. Franziskus konnte nicht anders, als zutiefst beeindruckt zu sein von einer Gesellschaft, die fünf Mal am Tag zusammenkam, Gott zu danken und zu loben…“ (Vgl. Michael Cusato: Franz von Assisi (1182-1226) – Wie einsam er als Zeuge islamischer Frömmigkeit im Abendland geblieben ist, in: Bsteh/Proksch: Wegbereiter des interreligiösen Dialogs, Band III, Wien 2020). Diesen Impuls gab Franz v. A. in sein christliches Umfeld hinein weiter, und hier liegt der Anfang des Mittagsgebets (des „Angelus“) und des Rosenkranzbetens. Die Glockentürme auf dem Dach alter Bauernhöfe in Österreich und Bayern, die dazu dienten, die Feldarbeiter zum Gebet zu rufen, sind eine kulturhistorisch wertvolle Erinnerung daran. Von da an betete die ganze Kirche.

Franziskus beim Sultan
Franz von Assisi war 1219 im Heerlager des Sultans zu Gast, um ein Zeichen zu setzen "für die gemeinsame Heiligkeit aller Menschen".
Franziskus
Franziskus war beeindruckt von einer Gesellschaft, die fünf Mal am Tag zusammenkam um Gott zu danken und zu loben.

Als Papst Franziskus im Februar 2019 in Abu Dhabi gemeinsam mit Großimam Ahmad Mohammad Al Tayyeb von Kairo ein Dokument über „die Brüderlichkeit aller Menschen“ (‚Human Fraternity‘) unterzeichnete, war dies eine Reminiszenz an den Aufenthalt Franz von Assisis bei Sultan Malek al-Kamil 800 Jahre zuvor. Diese geschwisterliche Zusammengehörigkeit, von der hier die Rede ist, kommt aus der Überzeugung, dass alle Geschöpf Gottes und sein Bild sind – 8 Milliarden Menschen, 8 Milliarden verschiedene Bilder, denn keines gleicht dem anderen. Dieser Gedanke hat auch Vinzenz Pallotti fasziniert, der immer wieder davon spricht, in allen das Bild Gottes, das Bild der Dreifaltigkeit und das Bild des Gekreuzigten wahrnehmen zu wollen. Deshalb will er von allen lernen und alle in sein Engagement einbeziehen. In seiner Spiritualität findet sich ein bemerkenswerter universaler Ansatz, der zu seiner Zeit noch wenig üblich war.

Torah
Das Bild vom „einen Haus" ist jüdischen Ursprungs (beispielsweise 1 Henoch 39), das Johannesevangelium greift es auf (Joh 14).

Das Zusammenleben von Schwestern und Brüdern in der globalen Welt als dem einen Haus bildet in dem vor 5 Jahren veröffentlichten Text der Enzyklika „Laudato si“ den Rahmen. Das Bild vom einen Haus ist jüdischen Ursprungs (beispielsweise 1 Henoch 39), das Johannesevangelium greift es auf (Joh 14): „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen…“, wird in den Abschiedsreden formuliert. Einheit und Vielfalt kommen in dieser Metapher schön zum Ausdruck. In der Geschichte der christlichen wie auch der islamischen (besonders sufischen) Mystik spielen die vielen Wohnungen in der Burg oder im Haus eine wichtige Rolle. Nur, die Menschheit erlebt sich für gewöhnlich wohl eher nicht als ein gemeinsamer Haushalt. Zu groß sind die vielfältigen Eigeninteressen von Ländern, Regionen, Firmen, Parteien und Personen. Bleibt das eine Haus ein eschatologisches Bild? Die Erfahrung der Coronakrise hat in diesen Wochen das Gegenteil erwiesen und die enge Verbundenheit der Menschheit so richtig deutlich werden lassen. Der Globalisierung ist nicht mehr zu entkommen, sie hat dabei ihre guten wie schlechten Seiten. Folglich geht es darum, das gemeinsame Haus als Ganzes in den Blick zu nehmen und den Haushalt darin so zu organisieren, dass aus den vielen Bewohnern Geschwister werden können. „Laudato si“ setzt dabei auf die traditionellen Prinzipien der katholischen Soziallehre, auf die Erziehung zu einem Verständnis von Gemeinwohl, das der ganzheitlichen Entwicklung der Menschen dient. Dazu braucht es die Liebe – nicht als emotionale Zuwendung, sondern als ethisches Prinzip, das in politisches und soziales Handeln mündet – ein hoher Anspruch!

Wenn auch die Überzeugung, dass alle Menschen Bild Gottes sind, aus christlicher Sicht die Grundlage darstellt für die gleiche Würde und in der Folge den Anspruch auf gleiche Rechte aller, so ist doch die Erfahrung der Verschiedenheit oft dramatisch. Ich habe 19 Jahre in einem internationalen Institut in Wien gearbeitet und war deshalb auch viel in Afrika und Asien unterwegs. Neben faszinierenden Ähnlichkeiten der menschlichen Fähigkeiten und Emotionen habe ich dabei oft auch stark die Unterschiede der kulturellen Prägungen wahrgenommen und mich dabei immer wieder gefragt, ob uns mehr verbindet oder mehr trennt. Menschen sind in so vielen Aspekten verschieden, dass vielleicht lediglich die Überzeugung gleicher Würde und Rechte das Verbindende darstellt – und nicht einmal darüber sind sich alle einig. Die christliche Sendung wäre es nach Pallotti, die vielen verschiedenen Bilder des Gekreuzigten in den vielen Menschen zu studieren, zu „kontemplieren“, wie er sagt, daraus zu lernen und dafür zu danken…

Autorin: Dr. Brigitte M. Proksch UAC

Veröffentlicht in:
“Apostel heute”
Monatliche Reflexion für die Mitglieder der
Union des Katholischen Apostolats (UNIO)
Rom, November 2020

Zuletzt noch ein Hinweis:

Dieser Tage wird ein Band über die Spiritualität Pallottis auf Englisch gedruckt, der den Titel trägt „Spread wide the Place of your Tent – Vincent Palotti‘s Inspiration for a Church of Greater Participation, Diversity and Dialogue“ (erhältlich über das deutsch-österreichische Provinzialat).

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Bilder: radekprocyk (Torah), Rawpixel.com (Gebet), godfather (Kümmern), Renáta Sedmáková (Sultan), michael (Türen), tauav (Franz von Assisi), alle über Adobe Stock.

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