Wem dient die Kirche?

Auch aus diesem Heft:

Diese Szene steht jedem Christen vor Augen: Jesus vor Pilatus. Im Verhör. Der zum Tode Verurteilte trotzt der Weltmacht: „Warum schlägst du mich?“, fragt Jesus und zeigt damit den schmalen Grat zwischen Demütigung und Hochmut auf. Der Gequälte leistet keinen Widerstand, aber er verliert auch nicht seine Selbstachtung. Das ist Jesu Demut.

Wem dient die Kirche?

„Der Größte unter euch soll der Diener aller sein.“ Kein anderes Wort Jesu ist im Neuen Testament so häufig überliefert. Der Auftrag ist eindeutig: Es muss immer erkennbar sein, woran sich die Kirche orientiert – auch in ihrem öffentlichen Auftreten.

Bei einer Festveranstaltung fragte mich der Landrat, der neben mir in der ersten Reihe saß, wie er denn in seinem Grußwort den Weihbischof ansprechen müsse: mit „Eminenz“ oder „Exzellenz“. Ich flüsterte ihm zu: „Sagen Sie einfach: ‚Lieber Herr Bischof‘.“ Aber der Landrat traute wohl meinem Vorschlag nicht und begann seine Ansprache vorsichtshalber mit: „Eminenz“. Der Weihbischof schmunzelte über seine unverhoffte Beförderung zum Kardinal.

In vielen Regionen ist es immer noch ein ungeschriebenes Gesetz, dass die „Geistlichkeit“ zuerst erwähnt wird, natürlich der kirchlichen Hierarchie folgend: Bischof, Prälat, Dekan, dann die politischen Honoratioren, die wichtigsten Vertreter aus der kirchlichen Edel-Laienriege und Vereinsvertreter und, und … Das kann schon einige Zeit beanspruchen, vor allem wenn die wichtigsten „Diener“ auch noch den entsprechenden Beifall erhalten. Jesus würde da wohl lauthals lachen oder voller Zorn dazwischen rufen: „Schon vor zweitausend Jahren habe ich den Unfug kritisiert, dass die Geistlichen Gewänder mit langen Quasten tragen, bei Festveranstaltungen die Ehrenplätze einnehmen, sich auf den Straßen schon von Weitem grüßen lassen oder auf das Lob für die letzte Predigt warten. Habt ihr immer noch nicht kapiert: Ihr sollt euch nicht Rabbi oder Lehrer nennen lassen oder hier auf Erden jemanden als euren Vater anreden. Der Größte von euch soll euer Diener sein!“ (vgl. Mt 23, 8-11)

Kirchliche Kleidermode

Inzwischen sind die privilegierten Ehrenplätze für Kleriker nicht mehr die Regel. Die hohen Gipskrägen der Kleriker und die leuchtenden Bauchbinden der Prälaten reizen eher zu Spott. Aber letztlich ist das wie auch sonst bei der Kleidermode: Dem einen gefällt es, der anderen nicht. Entscheidend ist, ob in diesen Klamotten einer drinsteckt, der überzeugend in Wort und Tat auf Gott hinweist. Dementsprechend besitzt er Autorität oder nicht. Bei Jesus war immer die dienende Geisteshaltung seines himmlischen Vaters spürbar. So soll es auch bei der Kirche sein.

Die allgemeine Relativierung des Glanzes von herausgehobenen geistlichen und gesellschaftlichen Stellungen führt von alleine dazu, dass die amtsherrlichen Strukturen der Kirche immer mehr aufgebrochen werden. Im öffentlichen Gespräch muss der „Herr Marx“ seinen Kardinalstitel ebenso in der Garderobe lassen wie „Herr Scholz“ den des Ministers oder Vizekanzlers. Die eine findet es gut, der andere weniger. Auf den Menschen kommt es an.

Alles nur Illusion?

Ich war einige Jahre Seelsorger bei einer Wallfahrtskirche. Wenn Ausflügler die Rokokokirche betreten, kommt regelmäßig der Ausruf: „Oh, das ist aber eine schöne Kirche! Wie das Licht die Kirche durchstrahlt. Und dann die Säulen, die nahe beim Eingang die Orgelempore stützen. Ist das echter Marmor?“ Nein, echter Marmor ist es nicht, auch wenn es so aussieht.

Niedlich sind die vielen im Fresko der Apsis lustig herumpurzelnden Engelchen. Geht es so im Himmel zu? Wenn man all dem auf den Grund geht, dann wird klar: „Alles nur Illusion!“ Vorsicht, nicht alles! Der Barock und Rokoko verstand es prächtig, mit vielem, was heute abbröckelt, etwas darzustellen, was sonst in der Welt nicht sichtbar ist. Prahlerische Fassaden versuchten zwar oft die „hohen Herrschaften“ vom wirklichen Dienen zu dispensieren, um es dann von den Niedrigen einzufordern. Aber letztlich zählt nur, was wahrhaftig ist, unabhängig von Mode und Zeitgeist. Dann kann durchaus auch manche stuckverzierte Säule überzeugend himmelwärts zeigen.

Dienen ist anstößig!

Das Wort „dienen“ beschreibt immer noch wie kein anderes die Sendung der Kirche. Und es gibt diesen demütigen Dienst vieler Christen trotz aller eitlen kirchensprachlichen „Illusionsmalerei“. „Die Kirche dient, wenn sie sich tatkräftig auf die Seite der Ausländer, der Arbeitslosen, der Gefangenen, der Ausgestoßenen, der Minderheiten stellt… Glaubwürdig sein verlangt, dass man in jeder Situation wahrhaftig ist. Dann kann man nicht mit doppeltem Boden arbeiten. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ So sagte schon vor über dreißig Jahren Jacques Gaillot, damals Bischof der französischen Diözese Èvreux. Er versuchte den Menschen mit aller Konsequenz zu dienen, oft in geradezu anstößiger Weise. Papst Johannes Paul II. hat ihn 1995 angeblich auf Druck der französischen Regierung als Bischof von Évreux abgelöst und auf den Titularsitz von Partenia versetzt. Diesen im 5. Jahrhundert untergegangenen Bischofssitz in Algerien ließ Bischof Gaillot im Internet als „Diözese ohne Grenzen“ wiederaufleben. In Corona-Zeiten ein geradezu prophetisches Zeichen. Heute arbeitet der 85-jährige Bischof in Paris vor allem für Ausländer, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen, für obdachlose Familien, für junge Arbeitslose und vereinsamte Menschen in Altenheimen – und als Seelsorger im Internet. Der Präsident der französischen Bischofskonferenz schrieb in einem offenen Brief an Bischof Gaillot: „Es ist wichtig, dass die Katholiken und auch die Öffentlichkeit im Allgemeinen wissen, dass uns sehr wohl ein brüderliches Band vereint, wenn diese Verbundenheit auch auf besondere Art gelebt wird.“ Spricht daraus ein schlechtes Gewissen, Ratlosigkeit oder Einsicht in den Aufruf von Papst Franziskus, an die Ränder zu gehen?

Humorvoll und zugleich wehmütig berührte mich eine frohe Singrunde im Altenheim:

„Sag ich: Ade, nun, ihr Lieben, die ihr nicht mitfahren wollt.
Ich wäre so gern noch geblieben, aber der Wagen, der rollt.“

Ich habe spontan mitgesungen und spürte: Das war ein guter Dienst.

Peter Hinsen SAC

Foto: Rudolf Baier

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