Auch aus diesem Heft:

Die Geschichte des Helfens und der Nächstenliebe ist auch eine Geschichte der Ordensgemeinschaften. Ihre Gründerinnen und Gründer widmeten sich oft den Armen und Kranken.

Heilende Verkündigung

„Wo fehlt es denn?“ Diese Frage des Arztes ist oft gar nicht so leicht zu beantworten, da es viele Baustellen gibt. Mal zwickt es da, mal dort. Wer einen Arzt aufsucht, offenbart damit schon wie von selbst seine Bedürftigkeit.

Die schmerzhafte Einsicht, dass eigenes Bemühen allein nicht mehr ausreicht, um vom Übel befreit zu werden, lässt nach Hilfe suchen. Wenn gute Erfahrungen, die Flüsterpropaganda oder ein „Tatsachenbericht“ in den Medien einen vielversprechenden Tipp liefern, kann dies überraschend schnell eine Bewegung auslösen. Weder Kosten noch Mühen werden gescheut, um sich der Quelle der erhofften Heilung zu nähern.

Sie kommen von überall

Das ist nichts Neues. Diese Erfahrung kannten auch die alttestamentlichen Propheten. Das zeigen die Bilder, mit denen sie die messianische Zeit ankündigen. Häufig beziehen sie sich auf Krankenheilungen (vgl. Jes 35,5 u.a.). Da wallfahren Völker aus allen Himmelsrichtungen zum Zion (Micha 4,1-5), um miteinander in Frieden zu wohnen, aus den berühmten Schwertern Pflugscharen zu schmieden und schließlich in Ruhe unter dem Weinstock oder Feigenbaum zu sitzen. Und in all dem Gott zu suchen und nach seiner Weisung zu leben.

Da wird verständlich, warum die Evangelisten bald auf jeder Seite auf das heilende Wirken Jesu als das augenfälligste Zeichen seiner Messianität hinweisen. Mehrfach finden sich Sammelberichte wie: „Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden“ (Mt 4,23; 9,35). Von überall her strömten die Menschen herbei, auch wenn sich ihre Hoffnung auf Heilung zuweilen nur auf die Berührung des Saums seines Gewandes stützte (Mk 5,28).

Seine Verkündigung der Gottesherrschaft stand im Einklang mit seinem Wirken. Wenn er in der Synagoge, in der freien Natur oder beim Essen mit Sündern und Gerechten davon sprach, dass Gott unser Befreier und Heiland ist, dann war dies in seiner Nähe – wenigstens exemplarisch und ansatzhaft – wirklich erfahrbar. Niemand fühlte sich mehr ausgeschlossen, sondern aufgenommen. Die Ankündigung des Messiasreiches durch Jesaja wurde durch Jesus nachprüfbar bestätigt: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt, das ihr eben gehört habt!“ (Lk 4,21)

„Aber ich bin doch nicht Jesus!“

Die Zeugnisse der Bibel von Gottes heilendem Wirken in der Welt sind nicht primär zu unserer Erbauung überliefert, auch nicht zuerst wegen eines historischen Interesses. Sie wollen zur Nachahmung anregen. Wir alle sollen das Reich Gottes so verkünden, dass sein Nahen erlebt werden kann. Natürlich ist der Einwand bekannt: „Aber ich bin doch nicht Jesus!“ Darauf antwortet der Evangelist Johannes mit einem Jesuswort: „Amen, amen, ich sage euch: ‚Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater‘ (Joh 14,12)“. Warum also so kleingläubig?

Trotz aller Bereitschaft zum Glauben ist es für Verkündiger und Leidende schmerzlich, wenn „nichts zu machen ist“. Was bedeutet es für einen Erblindeten, wenn er von der Blindenheilung hört (Lk 18,35-43)? Wenn ein Schwerkranker von Heilungen liest, selbst aber keine Besserung in seinem Leiden erfährt? Ist das alles vielleicht doch nur Opium für das Volk oder Gefühlsduselei, leeres floskelhaftes Geschwätz?

Der Evangelist Lukas überliefert das kühne Wort Jesu, dass wir das Reich Gottes suchen sollen, dann werde uns alles andere dazugegeben (Lk 12,31). Dies hat die Urgemeinde Jesu von Anfang an begriffen. Für sie gehörte der Beistand für die Alten und Kranken, die Armen und die Verfolgten zu ihrem Grundauftrag (vgl. Mt 25,31ff). Alle sind zusammen aufgerufen, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes „Entwicklungshilfe“ für das Reich Gottes in der Welt zu leisten.

Suchen mit Mühen verbunden

Dieses Suchen ist jedoch mit allerhand Mühen verbunden. Die Evangelisten illustrieren dies in den Heilungsgeschichten öfters in der Sprache des Mythos mit Dämonen, die Menschen in Besitz nehmen. Wir erfahren diese als Ängste, Misstrauen, Bequemlichkeit, Eifersucht, Minderwertigkeitsgefühle, Machtgehabe und viele andere Übel. Nicht zu vergessen: die mangelnde Glaubwürdigkeit der Verkündigung. Hier weist die Kirche ein überdeutliches Defizit auf. Wer Barmherzigkeit predigt, aber selber unbarmherzig ist, behindert die Kraft des Evangeliums. Wer Wahrheit, Güte, Vergebung ankündigt, aber dies die Menschen nicht erleben lässt, tut dem Himmelreich Gewalt an (Mt 11,12).

Jesus selbst wurde durch diese Gewalt grausam ans Kreuz gehängt, aber Gott hat durch Jesu Auferweckung vom Tod die Begrenztheit von Bosheit, Krankheit und Tod aufgezeigt. Das ist jedoch nicht nur für das so genannte „Jenseits“ bedeutsam, sondern auch für hier und heute. Jesus, der „Christus medicus“ sagt uns, was zu tun ist: im Grunde nichts anderes als das, was er getan hat. Wenn wir den Menschen so begegnen wie er, dann zeigt die Verkündigung der uralten biblischen Geschichten von der Vergebung und Heilung durch Gott auch heute reale Wirkung.

P. Peter Hinsen

Bild: Adobe Stock

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