Auch aus diesem Heft:

Ein bullernder und wärmender Kohle-Ofen kann eine Wohnung in Duftrausch versetzen und weckt Erinnerungen an die Kindheit.

Immer der Nase nach

Ein Säugling findet gleich nach der Geburt den Weg zur mütterlichen Brust allein durch den Geruchssinn. Da das Baby noch nicht gut sehen kann, riecht es die Milch und folgt der Geruchsquelle. Es ist erwiesen, dass der Geruchssinn im Mutterleib als erster Sinn, noch vor hören und sehen ausgebildet wird.

Die Forschung sagt, dass Embryos schon riechen können und im Bauch der Mutter Gerüche kennenlernen. Düfte, die bei der Mutter bestimmte Emotionen hervorrufen, werden auf das Ungeborene übertragen. So kann es sein, dass junge Menschen auf Düfte reagieren, die sie selbst noch nie gerochen haben.

Der Geruchssinn ist der einzige Sinn, der einen direkten Zugang zum Zentrum der Erinnerungen und Emotionen im Gehirn hat. Damit spielt er oft unbewusst eine große Rolle bei unseren Entscheidungen. Ein Geruch signalisiert uns, ob etwas gut oder gefährlich für uns ist. So riechen wir an Nahrungsmitteln, ob sie noch genießbar sind, oder wir riechen Rauch und vergewissern uns, dass kein Feuer unkontrolliert ausgebrochen ist. Wir entscheiden auch unbewusst, ob wir einen Menschen sympathisch finden oder ihn „nicht riechen“ können.

Heilen mit Düften

Angenehme Gerüche lösen bei uns wohlige und entspannende Gefühle aus. In der Aromatherapie setzt man deshalb ganz bewusst bestimmte Düfte ein, um dadurch Verspannungen zu lösen und Heilung zu unterstützen. Auch unser eigener Geruch verändert sich im Laufe unseres Lebens. Als Baby riecht man anders als ein Teenager oder Erwachsener oder als ein alter Mensch. Aus Angst davor, schlecht zu riechen, waschen und cremen wir uns mit duftenden Kosmetikas oder besprühen uns mit Parfüm. Aber auch da verbinden diese fremden Düfte sich mit unserem Eigenduft und wirken daher bei jedem anders.

Wir sind von Gerüchen umgeben, jedes Gebäude hat einen eigenen Geruch, jede Jahreszeit riecht anders und auch zu vielen Festen gehören bestimmte Düfte. Wie viele Gerüche wir davon unterscheiden können, ist noch nicht abschließend erforscht, aber man weiß, dass Gerüche unsere Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle aktivieren. So riecht das Kölnisch Wasser vielleicht nach Oma und der Duft eines bestimmten Tabaks nach der Pfeife des Opas. Der Geruch von Heu erinnert an die Sommer der Kindheit oder der Geruch von Kamillentee an Schnupfen und Bauchweh.

Die passende Geschichte zum Geruch

Bei jedem von uns werden durch Düfte bestimmte Erinnerungen geweckt und zu vielen Gerüchen können wir eine für uns bedeutende Geschichte erzählen. Die dazu gehörenden Gefühle sind dann auch plötzlich präsent. Geruchserinnerungen sind sehr emotional und lösen unmittelbar stärkere Gefühle aus, mehr als Bilder oder Geräusche. Manchmal riechen wir etwas und spüren Widerwillen oder sogar Panik, weil schlimme Ereignisse aus der Vergangenheit damit verbunden sind.

Andere Gerüche versetzen uns in angenehme Stimmungen, weil sie die Fürsorge der Mutter oder die entspannte Atmosphäre einer Freundschaft vergegenwärtigen. Jeder von uns hat eine individuelle Geruchsgeschichte, denn was für den einen gut riecht, kann dem anderen „stinken“. Mit der Geruchsgeschichte sind auch unsere Lebensgeschichte und unsere Erinnerungen daran verbunden. Es gibt natürlich auch Gerüche, die uns miteinander verbinden, wie z. B. die Düfte des Weihnachtsfestes. Wer in unserem Kulturkreis aufgewachsen ist und lebt weiß, wie Weihnachten riecht und welche Düfte die Stimmung eines feierlichen oder gemütlichen oder friedlichen Festes hervorrufen. Immer der Nase nach, der Duft ist die Spur dazu.

Gertrud Brem

Bild: AdobeStock

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