Auch aus diesem Heft:

Die Schöpfung ist geworden, weil Gott sprach. Auch Menschen können in diesem Sinne schöpferisch werden.

Was ist göttlicher Original-Ton?

Gottes Wort liefert nicht nur Antworten, sondern löst auch Fragen aus. Wie ist etwas gemeint? Muss ich alles wörtlich nehmen? Was darf man interpretieren? Hier einige Fragen und die Antwort darauf.

Ist es richtig, dass etliche Worte Jesu gar nicht von ihm stammen?

Als Gymnasiast habe ich zum erstenmal durch den Kaplan im Religionsunterricht gehört, dass nur sehr wenige Worte auf den historischen Jesus zurückgingen. Ich war entsetzt und sah meinen Glauben bedroht. Aber nach einigen Erklärungen und eigenem Nachdenken wurde mir immer verständlicher: Jesus selbst sprach ja aramäisch und hebräisch, aber seine Worte wurden erst eine Generation später in griechischer Sprache wiedergegeben. Übersetzungen können nie eins zu eins erfolgen, sondern sind immer vermischt mit gewissen Bedeutungseinfärbungen.

Doch damit nicht genug. Die Evangelisten konnten sich nicht auf exakte Gesprächsprotokolle stützen, sondern nur auf mündliche Überlieferungen, bestenfalls auf vereinzelte Notizen. Aber dies sind Glaubenszeugnisse von Einzelnen und auch von ganzen Gemeinden, die in den Worten und im Wirken Jesu wurzeln.

In letzter Zeit wird öfters das Jesus-Wort zitiert: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde.“ (Mt 18,6). Hat Jesus einem Kinderschänder oder Kinderquäler wirklich den Tod im Wasser ohne Wiederkehr gewünscht?

Im Anschluss an dieses Jesuswort finden wir noch die nicht minder drastische Aufforderung zum Abhacken von Hand oder Fuß oder vom Ausreißen des Auges, um ein Ärgernis zu verhindern. Da bieten sich viele Überlegungen an. Eine wurzelt in der Erinnerung, dass Jesus stets Partei ergriffen hat für das Schicksal von Kindern und Schwachen, von Kranken und Verachteten. Das wird auch schon im Alten Testament als Kennzeichen Gottes bezeugt. Also: wie der Vater so auch der Sohn!

Dass Matthäus mit scharfen Worten für Gedemütigte und Missbrauchte eintritt, lässt vermuten, dass er sich durch entsprechende Verfehlungen in seiner Gemeinde zu dieser apokalyptischen Strenge veranlasst sah. Damit ist aber nicht aufgehoben, dass Jesus auch die Not der Sünder kennt und ihnen wieder Ansehen schenkt.

Wie kann man echte von falschen Jesus-Worten unterscheiden?

Von falschen Worten möchte ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Es geht eher um die Frage, welche Worte wohl am ehesten dem Originalton Jesu entsprechen und welche aus der Erinnerung und dem Glauben im Geiste Jesu geformt sind.

Der Wunsch, möglichst nah am Mund Jesu zu sein, ist verständlich. Bibelwissenschaftler aller Konfessionen haben sich darum mit großem Fleiß bemüht, allerdings mit dem bescheidenen Ergebnis, dass sie Jesus nur relativ wenige Worte als „ipsissima vox“ (das heißt vom historischen Jesus wörtlich so gesprochen) zuschreiben können. Diese sind vor allem in einer frühen Sammlung von Worten Jesu (Logienquelle Q) zu finden. Darin kommt den Worten in der aramäischen Sprache besondere Bedeutung zu. Davon sind einige auch im griechisch verfassten Neuen Testament enthalten.

Uns vertraut ist der Gebetsruf Jesu in Getsemani: „Abba!“ (Mk 14,36). Mit dieser vertrauten familiären Anrede Gottes macht Jesus knapp und treffend sein Verhältnis zu Gott in einer Weise deutlich, dass es auch seine Jünger verstehen können.

Am Kreuz schreit Jesus nach Markus auf Aramäisch: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“ (Mk 15,34; vgl. Mt 27,46). Es ist urmenschlich, sich bei spontanen Gebeten in extremen Situationen der Muttersprache zu bedienen. Darum dürfen wir hier den Originalton Jesu vermuten.

Weitere aramäische Worte sind uns überliefert. „Talita kum!“, sagt Jesus zu der Tochter des Jaïrus, um sie von den Toten aufzuwecken (Mk 5,41). Bekannt sind auch aramäische Einzelworte wie Mammon oder Kephas oder Pascha und etliche mehr. Viele sind in den Evangelien zugleich auch in griechischer Sprache wiedergegeben und über diese in unsere Sprache gelangt.

Viele der Worte Jesu sind auch schon in der Tradition oder im Volksmund gebräuchlich gewesen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind vor allem jene Worte jesuanischen Ursprungs, die nicht aus anderen Quellen ableitbar sind, sondern etwas ganz und gar Anderes und Neues enthalten.

Wie kann dann in der Predigt behauptet werden, Jesus habe dies oder jenes gesagt?

Der Prediger oder die Predigerin muss sich sorgfältig prüfen, ob das eigene Wort wirklich dem Geist Jesu entspricht oder nur einer eigenen Idee. Letztlich stehen sie vor der gleichen Aufgabe wie die Evangelisten: im Studium von Schrift und Glaubensgut der Kirche das zu erfassen und zu künden, was im Einklang mit dem Wort und Wirken Jesu steht.

Ist es gerechtfertigt, wenn im Gottesdienst am Ende der Lesung – vor allem einer alttestamentlichen – gesagt wird: „Wort des lebendigen Gottes“?

Viele haben damit eine Schwierigkeit. Manche wählen darum lieber die Schlussformel: „So weit die heutige Lesung.“ Aber Grundbekenntnis der ganzen Bibel ist es, dass in allem, was in der Welt geschieht, Gott am Werk ist. Daher ist die ganze Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen immer auch eine Botschaft Gottes an die Menschen, „ein Wort des lebendigen Gottes“.

Peter Hinsen

Bild: Peter Friebe

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