Auch aus diesem Heft:

Ein einsames Kind aus Deutschland, ein einsamer Soldat aus der Ukraine, und ihre kurze Geschichte an einem Weihnachtsfest im Jahre 1945.

Du darfst lieben!

Den Pharisäern war bestens bekannt, was Jesus als wichtigstes Gebot bezeichnet. Mitten im Schlaf hätten sie es aufsagen können: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Mt 22, 37.39). So steht es in der Thora. Und dann?

Seltsam: Als Jesus tatsächlich so zu lieben begann, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all seinen Kräften, begehrten ausgerechnet die Frommen auf. Als er am Sabbat heilte, als er mit den Blutsaugern von Zöllnern und mit offensichtlichen Sündern Feste feierte, als er sich von einer Hure im Überschwang der Gefühle seine Füße streicheln und küssen ließ, da ging ihnen das doch zu weit, über jedes Maß hinaus. Seltsam.

Was ist das Maß der Liebe?

Die Bibel benennt ein Maß: Liebe Gott und den Nächsten – wie dich selbst! Das versuchen viele tatsächlich auch, doch das Problem ist, dass sie sich selbst zu wenig lieben. Schon bei kleinen Kindern kann man feststellen: In Momenten, in denen sie mit sich selbst nicht zurechtkommen, da werden sie quengelig, zuweilen sogar richtig zornig und sadistisch. Und bei Erwachsenen ist es nicht anders. Menschen, die sich selbst nicht mögen, haben es schwer. Sie geraten leicht in Versuchung, andere zu quälen. Man muss sie darum zuerst einmal spüren lassen, dass sie „liebens-würdig“ sind.

Leider sieht die christliche Tradition in der Selbstliebe oft etwas Schlechtes, häufig sogar Sündhaftes. Nicht selten wird sie als Quelle des Stolzes, der Herrschsucht, der Eitelkeit, geradezu jeder Bosheit bezeichnet. Gelegentlich kommt dann noch Prüderie hinzu. Kinder, bei harmlosen Spielen überrascht, werden bestraft, die Freude am eigenen Körper, die Lust an der Schönheit, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit werden als etwas dargestellt, was der „liebe Gott“ nicht will. – Wie soll aber ein Mensch mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all seinen Kräften lieben können, wenn man alles verteufelt, was er an sich lieben könnte?

Man mag nun einwenden: Aber was ist mit dem Egoismus? Den gibt es durchaus als Fehlentwicklung, aber das ist keine Selbstliebe. Im Gegenteil! Der Egoismus tritt gerade dann auf, wenn jemand um seinen eigenen Wert bangt oder meint, ihn erst erwerben zu müssen und daher ständig nach Bestätigung verlangt. Wer sich selbst liebt, für den bricht die Welt nicht zusammen, wenn er mal nicht in der ersten Reihe steht.

Ich bin liebenswert: das Ende der Selbstverachtung

Genau das hat Jesus erkannt. Es ist auffällig, dass oft ausgerechnet jene Leute seine Nähe gesucht haben, denen immer gesagt wurde, sie würden nichts taugen. Jesus ermutigte sie: Ihr braucht euch nicht zu verstecken. Ihr dürft „ja“ zu euch sagen, trotz allem, was nicht so gut an eurem Lebensweg war und ist. – So etwas hatte ihnen bis dahin noch niemand gesagt. Die Menschen spürten: Jesus „lehrte wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,29). Er redete sicher auch anders als manche heutigen Prediger, vor allem wenn sie stets klagen, wie böse die Menschen seien und dass sie zu wenig Opfergeist hätten. Jesus hat für viele das Ende ihrer Selbstverachtung gebracht. Das befreite sie, schenkte ihnen neue Freude am Leben.

Wir Menschen sind immer wieder versucht, uns mit anderen zu vergleichen. Dabei stellen wir fest: Es gibt Menschen, die gesünder sind als wir, die vom Elternhaus her bessere Startbedingungen hatten, die begabter sind oder sonstige Vorteile besitzen. Und wenn man weniger hat, weniger kann, dann wird man unsicher, beginnt am eigenen Wert zu zweifeln, verliert an Mut. Das ist zwar Unsinn, aber es ist so. Jesus ermutigt uns: Nehmt euch so an, wie Gott euch annimmt.

Du darfst dich lieben, auch wenn du dir im Vergleich zu anderen manchmal arm vorkommst. Du darfst dich lieben, auch wenn du auf viele Fragen keine Antwort weißt. Du darfst dich lieben, auch wenn du nicht alle Schönheitsideale erfüllst, wenn du kinderlos oder geschieden bist, auch wenn du „nur“ einen durchschnittlichen Verdienst oder eine kleine Rente hast. Du darfst dich lieben, auch wenn Schwachheit oder Krankheit dich zwingen, mehr zu nehmen als zu geben.

Etliche geraten in eine Depression, weil sie sich für „graue Mäuse“ halten. Denen sei geraten, bei solchen Gedanken in den Spiegel zu schauen, sich genau zu betrachten und zu sich selbst zu sagen: „Ich bin keine graue Maus. Ich bin einmalig, eine ungeheuer interessante Maus.“ Das ist etwas humorvoll ausgedrückt das, was Jesus meint, wenn er uns auffordert: „Liebe dich selbst“ Wer das kann, vermag auch leichter Gott und die Menschen zu lieben.

Ich kann lieben, weil Gott mich liebt

Jesus spricht aus eigener Erfahrung. Er wusste um die Kraftquelle seiner Liebe: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt“ (Joh 15,9). Wer sich so wie Jesus von Gott geliebt weiß, der ist sich seines Wertes sicher, gewinnt die Freiheit, auf andere zuzugehen, kann freudig Gott und den Nächsten lieben. Jesus ist überzeugt: Das kannst du auch! Lerne von mir!

Freilich ist die Liebe nicht immer einfach. Gelegentlich kann sie auch mit Schmerzen verbunden sein, vor allem die Liebe mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit allen Kräften. Das wissen wir aus vielen Gedichten, Romanen, aus den Geschichten großer Liebender, auch aus eigenen Erlebnissen, wenn wir Liebe schon einmal gewagt haben. Wenn wir all das vergessen haben sollten, dann brauchen wir nur auf Jesus schauen, der wegen seiner Liebe gekreuzigt wurde. Aber seine Auferstehung zeigt, dass die Liebe stärker ist als der Tod.

P. Peter Hinsen

Bild: Wilfried Bahnmüller

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