Auch aus diesem Heft:

Hat es uns Jesus nicht schon immer gesagt? Hört auf, lange Quasten an den Gewändern zu tragen, die ersten Plätze einzunehmen und euch Rabbi nennen zu lassen. Und trotzdem erliegt die Kirche immer wieder der Versuchung der Eitelkeit. Nur: Wenn die Kirche nicht dient, dient sie zu nichts.

Dienen, ohne sich aufzugeben

Demut, so sagt man, kommt vom Dienen. Jesus war demütig, er hat gedient, bis in den Tod. Ganz einfach also: Jesus will, dass wir auch dienen. Bis in den Tod.

So mancher oder manche hat sich schon „zu Tode gedient“. Hat sich abgearbeitet, aufgearbeitet. „Mache sie glücklich: Eltern, Kinder, Partner, alle!“ Gerade auch die „dienenden Berufe“ dienen sich in die Depression. Die „Mutter Teresas“, die alles geben und nichts wollen. Das sind doch die Demütigen, die, die sich auffressen lassen bis zum Tod? Die kommen in den Himmel, die hat Jesus lieb!

Ist das wirklich so? Sich Tag und Nacht abrackern, um zu dienen, um so demütig zu sein, wie Jesus. War Jesus wirklich so?

Zwischen Annahme und Ablehnung

Jesus war sein ganzes Leben zwei Grundhaltungen seiner Mitmenschen ausgesetzt: Annahme durch Jünger und Anhänger und Ablehnung durch jene, die an ihn und seine Botschaft nicht glaubten. Bereits als Kind war er mit dem Tod bedroht. „In der Herberge“ war kein Platz für ihn (Lukas 2,7). Feindseligkeit, aber auch schwärmerische Zuneigung findet er, wohin er kommt. Widersprüche, Gefahren und erdrückende Erwartungshaltung wurden von ihm ausgehalten. Die Größe, die „Demut“ Jesu, besteht darin, dass er sich der göttlichen Vorrechte entäußert und alles Elend der Menschen teilt. Auch den Tod.

Dabei bleibt Jesus Realist: Weder Ablehnung noch brandende Sympathie können ihn von seinem Weg abbringen. Er spricht Klartext: die Herrlichkeit der Kinder Gottes, ihre Berufung zum „ewigen Leben“ verkündet er genauso wie die Existenz von Sünde, Tod und Hölle. Er beschönigt nichts, er übertreibt nicht, weder im Guten noch im Bösen. Er ist „echt“. „Stimmig“ würde man heute sagen. Und er zeigt Selbstbewusstsein.

„Jesus will sich nicht den Himmel verdienen, sondern er will uns den Himmel verdienen.“

Aber er ist kein Angeber, er ist die Wahrheit: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Johannes 14,6) Deshalb kann er zu Pilatus sagen: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Johannes 18, 23) Ganz schön mutig, so zu dem Vertreter einer Weltmacht zu sprechen! Jesus ist aber kein tollkühner Superheld, der das Risiko zu eigener Selbstdarstellung benutzt. Er spricht einfach, schlicht, logisch. Demütig. Er weiß, was er ist, wem er dient und welchen Weg er gehen soll. Ohne Prahlerei, aber auch ohne unterwürfige Angst.

„Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Matthäus 11, 27) Dieses Wissen macht Jesus sicher. Sanft. Demütig. Und selbstbewusst. Er nimmt das Kreuz freiwillig und ohne Vorwürfe. Er leidet, aber nicht, damit wir ihn demütig heißen. Er will sich nicht den Himmel verdienen, sondern er will uns den Himmel verdienen.

Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht

Was wollen wir, wenn wir demütig sein wollen? Bewunderung, Lohn, Aufmerksamkeit, den berühmten „Lebensberechtigungsschein“? Demut ist Dienen in Wahrheit. Wenn ich diene, dann mache ich keinen Extremsport. Dann diene ich mich nicht ins Burn-out. Dienen in Freude ist nicht sich kaputtmachen. Wer dient, weiß, was er selbst ist, wem er dient und welchen Weg er gehen soll. Wie Jesus.

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Jesus kennt unsere Mühe, Arbeit und Dienst. Er will uns entlasten. Nicht, dass er uns alle Aufgaben abnimmt. Aber er will, dass wir in Wahrheit sind. Sehen, was wir sind und können. Er beurteilt uns nicht nach Leistung, nach Superman-Dienen. Er überfordert uns nicht. Zu glauben, dass man sich mit Perfektionismus und Selbstaufgabe den Himmel oder was auch immer verdienen kann, ist nicht fromm. Jesus, der Realist, sieht diese Haltung mitnichten als Demut an, sondern als Hochmut.

Im Wissen, dass er bei uns mit seiner Liebe ist, können wir uns und unseren Aufgaben stellen, ohne uns zu überfordern. Demut ist: sich sanft auf der Erde von Jesus helfen zu lassen; und von der Erde in den Himmel. Im Himmel aber wird alle Last fallen und die völlige Ruhe sein, die wir so ersehnen.

Vera Novelli

Foto: Dr. Wilfried Bahnmüller

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