Rückzugsort: Der Dom

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Nicht für alle ist bei heißen Temperaturen das Schwimmbad oder das Ufer eines Sees ein Wohlfühlort. Manche suchen lieber einen Garten und den Schatten unter einem Baum auf.

Stille Übereinkunft

Der Dom: Er ist der Sitz des Bischofs. Zentrum einer Diözese. Eine große Kirche meist. Ruhestiftend. Einladend den Raum zu meditieren. Befindet er sich in der Nähe der Stadtmitte lädt er geradezu dazu ein, ihn nach dem Einkaufen aufzusuchen und sich im Trubel einen Rückzugsort zu gönnen.

Es war mir eine vertraute Gewohnheit, ein starkes Bedürfnis, nach einem Einkauf in verschiedenen Geschäften der Stadt „mit Sack und Pack“ den Dom aufzusuchen, mich immer am gleichen Platz niederzulassen, um vor dem riesengroßen naturalistischen Kruzifix an einem Seitenaltar zur Ruhe zu kommen. Irgendwie ergab es sich seit frühester Zeit, dass mich mein Leben immer in Domstädten landen ließ, und die jeweilige Domkirche mein Zufluchtsort wurde.

Die Kühle des Raums mitten im Sommer, seine Stille, die den Stadttrubel aussperrte, und die Ahnung verwehten Weihrauchs setzten eine Zäsur zwischen notwendigen Besorgungen, Begeisterung über Neugekauftes und später das Warten auf das Unterrichtsende der eigenen Kinder, die einzusammeln und nach Hause zu chauffieren waren.

Wäre nicht mit unverhofft eintretenden Besuchern zu rechnen gewesen, hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte dem Gekreuzigten auch noch das frisch erworbene Paar Schuhe, oder das traumhaft schöne, herabgesetzte Seidentuch ausgepackt und zur Begutachtung präsentiert. So, wie er auf mich herabblickte, war unzweifelhaft zu entnehmen, dass er es gut mit mir meinte, und sich mit mir freute. Vielleicht erfreuten ihn, der da so einsam und verlassen in seiner dunklen Nische unweit eines Seiteneingangs hing, sogar meine regelmäßigen Besuche.

Die Welt Mammons ausgeklinkt

Der Mann am Kreuz wirkte lebensecht und war mir vertraut, dass mich nichts daran hinderte, alles vor ihm auszubreiten; selbst das Zugeben gelegentlicher Frustkäufe, die manchmal postwendend umgetauscht wurden. In ihm hatte ich einen Verbündeten gefunden, von dem ich mich erwartet fühlte, lange bevor ich meine Schritte Richtung Dom lenkte. Dann saß ich, mehr unter als vor dem Kreuz und wurde zunehmend ruhiger; die pulsierende Hektik war fern. Die stickige Stadtluft konnte die dicken Mauern nicht durchdringen. Die Welt Mammons war auf unbestimmte Zeit ausgeklinkt.

Das Holzkreuz ist nicht mehr da

Gegenüber die rötliche Sandsteinstatue der Madonna mit dem Jesuskind auf dem Arm und dem Tintenfass in der Hand zeigte eine glückliche Mutter mit einem quirligen Baby, das ihr jeden Moment vom Arm herunterspringen und davonkrabbeln konnte, und dessen bittere Zukunft jeder davor Betende kannte, die junge Gottesmutter jedoch noch nicht im geringsten ahnen konnte; die an Jahren und Erlebtem erfahrene Beterin indes wissend um den Schmerz, den jede Menschenmutter übermannt, wenn Kinder erst groß geworden sind und sich die Gefahren der Welt zu eigen machen.

Mittlerweile ist eine ganze Reihe von Jahren vergangen, und mein Heimatdom hat grundlegende, wesensverändernde Sanierungen hinter sich. Das überlebensgroße Holzkreuz hat man weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man es geschafft hat; vielleicht an einen Ort, wo mir der Zutritt verwehrt ist? Als ich es gewahr wurde, war mir wie einer der drei Frauen, die am Ostermorgen zum Grab Jesu geeilt waren, und man ihnen gesagt hat, dass sie ihn hier vergebens suchen würden, weil er dort nicht mehr sei.

Ich denke noch oft an diese kleine Weltflucht zu meiner damaligen Dom-Insel, die ich mittlerweile wo anders verorten musste, aber keineswegs weniger intensiv erlebe.

Herma Brandenburger

Bild: mikael kristenson/unsplash

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