Auch aus diesem Heft:

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann auf der anderen Seite der Erde ein Erdbeben auslösen. An diesem Bild ist tatsächlich etwas dran.

Das geheime Netzwerk

Spätestens seit Peter Wohllebens Bestseller „Das geheime Netzwerk der Natur“ und „Das Seelenleben der Tiere“ wissen wir über die erstaunliche Kooperation pflanzlicher und tierischer Existenzen. Es ist also endgültig erwiesen, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch alle anderen Lebewesen komplexe Beziehungsgeflechte bilden.

Die Erkenntnis über das Beziehungsgeflecht des Lebens sollte uns hoffentlich zu einem versöhnlichen und verantwortungsvollen Verhalten der Schöpfung gegenüber hinführen. Es muss ein Ende haben mit qualvollen Tiertransporten, mit der Vertreibung der Tiere aus ihren angestammten Gebieten und mit der Ausrottung natürlicher Ressourcen. Die Natur braucht uns nicht, aber wir sie.

Das soziale Miteinander der Tiere

Nicht jeder kann es mit jedem. Da gibt es auch Sympathie, Konkurrenz und Ablehnung. Einzelgänger sondern sich ab, Kontaktfreudige bilden den Kern des Sozialgefüges. Die Wagemutigen spähen nach Feinden, und die Vorsichtigen profitieren davon. Die Charakterunterschiede führen dazu, dass die Tiere unterschiedlich stark vernetzt sind. Die Damen sind dabei aber durchaus wählerisch. Sie suchen sich aus, mit wem sie umherziehen.

Geschlecht oder Verwandtschaft spielen keine Rolle, vielmehr der Charakter. Rastlose Tiere schwimmen gern mit Rastlosen. Tiere, die immer auf der Futtersuche sind, bevorzugen ebensolche. Gesellige suchen sich wieder Gesellige. Kurzum: Gleich und gleich gesellt sich gern. Mutige und schüchterne Süßwasserfische kommen gemeinsam schneller an mehr Futter. Und gemischte Vogelschwärme informieren sich wechselseitig über frische Körner. Dabei müssen sie zwar das Futter miteinander teilen, können aber gemeinsam nach Feinden Ausschau halten.

Von Ratten wissen wir, wie emphatisch und hilfsbereit sie sind; ja sie unterstützen ihre schwachen Mitbewohner, teilen das Futter und warnen sich gegenseitig, wenn Feinde in Sicht sind. Das gilt auch für Erdhörnchen, Vögel, Affen und viele andere Tiere. Es gibt dokumentierte Berichte und Filmaufnahmen, wo Affen einen Löwen verjagen, der eine Gazelle verfolgt. Ein anderer rettet einen Hund aus einem Wasserstrudel, indem er ihm einen Stock reicht. Eine Katze schmust mit zwei Papageien, leckt ihr Gefieder und spielt mit ihnen. Und Försters Waldi massiert den Bauch eines Rehkitzes, um dessen Verdauung anzuregen.

Aber auch das Verhältnis zum Menschen zeigt enormes Mitgefühl. So marschierte eine komplette Elefantenherde zum Haus ihres verstorbenen Pflegers, um trauernd Abschied zu nehmen. Sie informieren sich untereinander mit bestimmten Tönen. Wenn australische Ratten in einem Labyrinth das Futter suchen und nach mehreren Anläufen den kürzesten Weg gefunden haben, dauert es nicht lange, bis auch ihre amerikanischen Genossen im selben Labyrinth auf Anhieb den richtigen Weg ablaufen. Woher wissen sie das? Man denkt an ein morphisches Feld, ein Energiefeld, das grenzüberschreitend Informationen weiterleitet.

Differenzierte tierische Sprache

Wale haben über hundert Tonvariationen, Vögel passen sich den Lauten ihrer Genossen an, Bienen geben Wegbeschreibungen, Delfine können lästern und Nashörner legen anrüchige Spuren: Auch wenn die wenigsten Tiere Wörter verstehen oder von sich geben können, ist ihre Kommunikationsfähigkeit doch erstaunlich. Der wohl wortreichste Kandidat unter ihnen ist der Papagei. Afrikanische Graupapageien wurden dank Studien über ihre Intelligenz weltberühmt.

Im Lauf der letzten Jahre sind die Töne der Wale tiefer geworden. Man vermutet, dass sie sich so aufgrund des wachsenden Lärms im Ozean besser verständigen können. Und kleine Vögel, wie der Kolibri, beginnen frühmorgens als erste zu singen, damit sie vor Beginn des allgemeinen Gewitschers ihre Botschaft besser anbringen können, zum Beispiel eine Partnerin zu finden.

Das wood-wide-web der Fauna

Unsichtbar und unhörbar bleibt die Vernetzung innerhalb der Pflanzen. Ihre Kommunikation wird hauptsächlich von Pilzen gesteuert. Der Pilz umhüllt zum Beispiel die feinen Wurzelspitzen eines Baumes und dringt mit seinen Fäden sogar in die Wurzel ein. Beide Organismen gehen eine Symbiose ein. Der Pilz holt Mineralstoffe, Stickstoff und Phosphor aus dem Boden und gibt sie an den Baum weiter. Umgekehrt gibt der Baum dem Pilz Zucker, den er mit Hilfe der Photosynthese herstellt. Beide profitieren also voneinander und könnten ohne einander nicht leben.

Zusammen bilden Pilze und Baumwurzeln auf diese Weise ein riesiges Netzwerk im Wald. Manche vergleichen das Netzwerk mit dem Internet und bezeichnen es deshalb als „Wood Wide Web“. Und tatsächlich gibt es schon seit längerer Zeit Hinweise darauf, dass über dieses Wald-Netzwerk nicht nur Pilz und Baum Nährstoffe tauschen, sondern auch Bäume untereinander. Ein Baum, der weniger gut wächst, weil er im Schatten steht, könnte so vom Zucker eines gut wachsenden Baumes profitieren. Auch der Nachwuchs könnte auf diese Weise von älteren Bäumen unterstützt werden.

Doch geht es unter Pflanzen nicht immer friedlich zu: Es wird ausgebeutet, betrogen und sogar getötet; ein Kampf um die begrenzten Ressourcen. Wenn Stickstoff Mangelware ist, beginnt die Kooperation zwischen Pilzen und Pflanzen rasch zu bröckeln – falls denn beide Seiten vorher überhaupt profitiert haben. Denn tatsächlich beginnen manche Pilze oder Pflanzen eine „Partnerschaft“ von vornherein nur, um sie auszunutzen. Und die Bäume schützen nicht nur sich selbst vor den Fressfeinden. Wenn Tiere an ihren Blättern knabbern, sondern die Blätter Ethylen ab. Die flüchtige Chemikalie benachrichtigt andere Akazien, die daraufhin Tannin zur Abwehr produzieren. Da können wir noch manches von der Natur lernen.

Jörg Müller

Bild: Adobe Stock

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