Zum Altar Gottes will ich treten

Die äußere Form des Altares hat sich öfters geändert, doch wie im alten Israel, so ist auch in der Kirche der Altar ein Ort der intensiven Begegnung der Gläubigen mit ihrem Gott.

Geheimnisvoll

„Zum Altare Gottes will ich treten. Zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf.“ Selbst in der lateinischen Version führte dieses Psalmwort (Ps 43,4) meine kindlichen Blicke die Altarstufen empor. Am liebsten hätte ich in meiner kleinen Heimatkirche den Priester hoch begleitet, dorthin, wo an der Vorderseite des Altares drei Bilder vom Opfer Abrahams, dem Opfer des Königs Melchisedek und der Schlachtung des Paschalammes am Vorabend des Ausbruchs aus der ägyptischen Sklaverei erzählen. Diese Geschichten kannte ich aus dem Religionsunterricht und wusste, dass damit erklärt werden sollte, was auf dem Altar geschehe. Verstanden habe ich es nicht, aber ich spürte, dass dies ein großes Geheimnis ist. Das genügte mir.

Das Erbe der Kirche

Ähnliches haben wohl auch die ersten Christen empfunden. Größtenteils waren sie Juden und kannten diese Geschichten in- und auswendig. Die Tempelfrömmigkeit war ihre geistliche Heimat. Zwar wussten sie um die kritische Einstellung Jesu zum jüdischen Kult, ihnen war sogar bewusst, dass damit seine Verurteilung zum Tod begründet worden war, aber das änderte nichts daran, dass sie sich als Erbe des Bundesvolkes verstanden. Wie ein Scharnier zwischen alt und neu wirkt das Jesuswort (Joh 2,19): „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“

Der Kult der Brand- und Schlachtopfer war spätestens nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 erledigt. Aber die Offenbarung des Johannes zeigt (Offb 21,11–27), dass die Sehnsucht nach einem zentralen Heiligtum in einem neuen Jerusalem weiterlebte. Mit den allseits bekannten Bildern des Tempelkultes wurde die Bedeutung des irdischen und erhöhten Christus erklärt. So schlägt schon am Ende des 1. Jahrhunderts der Hebräerbrief eine theologische Brücke vom Kult des alten Bundes zum Opfer Christi. Da wird auf Jesus, den Sohn Gottes, verwiesen, der als Hohepriester des neuen Bundes (Hebr 5-7) mit seinem Lebensopfer (Hebr 9-10) auf dem Altar des Kreuzes die Versöhnung mit Gott eröffnet hat. Eine Zusammenfassung finden wir heute noch in der 5. Präfation der Osterzeit: „Er (Christus) selbst ist der Priester, der Altar und das Opferlamm.“ Damit ist nicht nur das Geschehen am Kreuz gemeint, sondern alles, was Jesus gesagt und getan hat – seine Menschwerdung, sein Leben, bis hin zu seinem Sterben. All dies ist eine Offenbarung der Liebe Gottes, die uns den Zugang zur ganzen Fülle des Lebens (Joh 10,10) schenkt.

Der christliche Altar

Die Anfänge der Kirche müssen wir uns als Hauskirche vorstellen. Zwar trafen sich die Apostel und ihr Freundeskreis zunächst noch nach wie vor „einmütig“ im Tempel zu ihren Gebetszeiten, doch vorrangig versammelten sie sich „in ihren Häusern“, um das Brot zu brechen (Apg 2,46; 3,1). Nach dem Verlust des Tempels und der Entstehung vieler neuen Gemeinden in der Diaspora pflegten sie „um den Tisch“ die Gemeinschaft in der Liebe zum Herrn. Als später wegen der größer werdenden Gemeinden für diese Tische eigene Häuser erbaut wurden, zeigten sich wieder Parallelen zum jüdischen Tempel und Opferaltar. Zu sehen ist das heute noch in Krypten, Kapellen und Kirchen der verschiedenen romanischen Epochen.

Ab der Zeit der Gotik erhielt der Altar in den christlichen Kirchen vor allem durch eine reiche Ausgestaltung mit Bildern oder Schnitzwerk immer mehr das Gesicht eines „Andachts- oder Anbetungsaltars“, meist verbunden mit dem „Allerheiligsten“ im Tabernakel.

Heute ist in einer katholischen Kirche meist sofort der „Tisch des Herrn“ als wichtigster Ort zu erkennen, selbst wenn ein noch so eindrucksvoller Altar aus früherer Zeit bestaunt werden kann und in diesen oft sogar der Tabernakel eingefügt ist. Manch großer Steinaltar aus neuerer Zeit erinnert zwar wieder an den alten Opferaltar, doch die Intention des 2. Vatikanischen Konzils favorisiert die Form des Tisches, weil das gemeinsame Mahl das eigentliche Vorbild der Eucharistiefeier ist.

Die Altarweihe

Am augenfälligsten wird die Bedeutung des Altares bei seiner Weihe. Sie ist engstens verbunden mit der Weihe einer Kirche und bildet deren Höhepunkt. Das ist jedoch oft nicht mehr im Bewusstsein, da in den letzten Jahrzehnten vor allem die Weihe vieler neugestalteter Altäre in bereits bestehenden Kirchen anstand.

Durch die Weihe wird der Altar zum Sinnbild für Christus und so dem Weltlichen ein Stück weit entzogen. Im Weihegebet kommt zum Ausdruck, dass der Altar für immer dem Herrn geweiht wird. Die wichtigste und allein notwendige Handlung einer Altarweihe ist die erste Eucharistiefeier auf dem neuen Altar.

Weitere ausdeutende Riten erinnern teilweise an die Feier der Taufe oder der Priesterweihe. So wird der neue Altar mit Weihwasser besprengt. Die Salbung der Tischplatte mit Chrisam erhebt ihn zum Symbol Christi, des „Gesalbten“. An fünf Stellen wird auf dem Altar Weihrauch verbrannt. Das ist ein Hinweis auf die Wundmale Christi verbunden mit dem Wunsch, dass von hier aus die Gebete der Gläubigen wie Wohlgeruch zu Gott aufsteigen mögen.

Meist erfolgt noch eine Beisetzung von Reliquien im Altar. Sie sollen daran erinnern, dass unser Glaube an Christus mit dem Zeugnis vieler Christen verbunden ist, die schon vor uns waren. Schließlich wird das Altartuch aufgelegt und Kerzen werden entzündet, denn künftig wird hier das eucharistische Mahl gefeiert.

„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

Ich erinnere mich noch gut an die heftigen Diskussionen in den ersten nachkonziliaren Jahren über die Trennung von Altar und Tabernakel. Das mutete teilweise wie ein fundamentaler Glaubensstreit an. Inzwischen ist auch in meiner kleinen Heimatkirche der neuromanische „Hochaltar“ aus dem 19. Jahrhundert durch einen Zelebrationsaltar ergänzt worden. Die äußere Gestalt des Altar ist wandelbar, auf keinen Fall entscheidend für das „Geheimnis des Altares“. Von größerem Gewicht ist die Frage, was den Menschen hilft den Wunsch des Herrn zu erfüllen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11,24f).

P. Peter Hinsen

Bild: P. Peter Hinsen

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