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Bischof Ulrich gilt als Retter des christlichen Abendlandes – aber was ist das christliche Abendland eigentlich?

Das christliche Abendland ist heute wieder in vieler Leute Munde. Leider vor allem in erster Linie als Abgrenzungs-, ja Kampfbegriff und weniger positiv im Sinne des Christentums, das eine Religion der Gottes- und Nächstenliebe ist. Das Christentum fühlt sich der Barmherzigkeit verpflichtet, die alles Leben von Anfang an schützt und ehrt, auch und gerade in seinen Grenzen und Beeinträchtigungen. Umso deutlicher muss die Frage gestellt werden: Das christliche Abendland, was ist das eigentlich?

Bischof Ulrich und die Schlacht auf dem Lechfeld

Ulrich (890 – 973), einer der drei Patrone des Bistums Augsburg, wird als Retter des christlichen Abendlandes geehrt. In den Jahren 2023/2024 begeht das Bistum Augsburg als Doppeljubiläum den 1100. Jahrestag der Bischofsweihe von Ulrich und seinen 1050. Todestag. Auf dem Domplatz zu Augsburg ist Ulrich in der Mitte der beiden anderen Bistumspatrone als Bronzefigur zu sehen, hoch zu Ross und ein Kreuz über sich schwingend.

Der auf einem Pferd sitzende Ulrich soll am 8. August 955 die Verteidigung Augsburgs gegen die Ungarn geleitet haben. Die ungarischen Reiterscharen beendeten am nächsten Tag die Belagerung der Stadt und zogen den sich nahenden Kämpfern Königs Otto I. entgegen. Der gewann mit seinem Heer aus Abordnungen des ganzen ostfränkischen Reiches am 10. August 955 die berühmte Schlacht auf dem Lechfeld gegen die heidnischen Ungarn. Vermutlich war Bischof Ulrich in der Stadt Augsburg geblieben und hat den Kampf lediglich aus der Ferne mit seinem Gebet begleitet. Dennoch wird er aufgrund der Ereignisse in jenen Augusttagen des Jahres 955 als Retter des christlichen Abendlandes bezeichnet und geehrt.

Der Sieg bei Augsburg über die Ungarn verhalf Otto zum römischen Kaisertitel. Als mächtigster König Europas sollte er zum Beschützer der Christenheit werden. Der Kaisertitel, den der Sieg auf dem Lechfeld möglich machte, prägte die deutsche Geschichte über viele Jahrhunderte.

Im Wandel der Geschichte

Ursprünglich wird die Bezeichnung „Christliches Abendland“ verwendet für die ehemaligen römischen Provinzen des westlichen Europas, also für das Gebiet, in dem heute Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal liegen. Es wurde gewählt als Gegenbegriff zum griechischen Patriarchat und war deckungsgleich mit dem römischen Patriarchat, dem Einflussgebiet des Vatikans gegenüber dem von Byzanz/Konstantinopel, das heute Istanbul heißt und in der Türkei liegt. Es bleibt unscharf, was das christliche Abendland eigentlich ist.

In der Romantik, etwa ab 1800 wandelt sich der Begriff. Er soll nun die gemeinsame kulturelle Tradition des germanischen und christlichen Erbes bezeichnen. Der Begriff des christlichen Abendlandes nimmt damit Bezug sowohl auf das heidnische Germanentum wie auch auf die christliche Religion und ist so offen auch für Missbrauch durch ein neuheidnisches Germanentum. Amerika wird ebenfalls in das christliche Abendland miteinbezogen, weil es von Westeuropa geprägt worden ist. Karl der Große wird in dieser Zeit zum Begründer Europas und zum Herrn des christlichen Abendlandes umgedeutet. So funktioniert der Begriff als Gegenentwurf zu einem islamisch gesehenen Orient.

Das ist mehr Fantasie als eigentliche Wirklichkeit, weckt aber viele Emotionen. So versuchen Rechtspopulisten heute unter dem Vorwand, das über 2000 Jahre hinweg gewachsene Projekt des christlichen Abendlandes schützen zu müssen, Hass zu säen, ihre eigene Machtbasis zu stärken und Anhänger und Wähler für sich zu gewinnen. Die Religion liefert hier nur den Anstrich, um die hässliche Fassade einer völkischen und fremdenfeindlichen Politik mit einem freundlicheren Farbton zu übertünchen.

Christliches Abendland darf nie als Kampfbegriff missbraucht werden. Das christliche Abendland ist kein feststehendes Faktum, das es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gilt, sondern eher eine Standortbestimmung und ein Anspruch, den es immer wieder neu in die Wirklichkeit umzusetzen gilt.

Ein christliches Abendland steht ein für Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit. Ein christliches Abendland beruft sich auf Jesus Christus, auf den sich die christliche Religion zurückführt. Im Christentum geht es zentral um Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, um Barmherzigkeit und Mitgefühl. Menschen, die sich unter diesem Schild sammeln und Teil einer solchen Gesellschaft sein wollen, werden einen Wertekanon akzeptieren müssen, auf den sich unsere Gesellschaft mehrheitlich geeinigt hat, sei er nun abendländisch, christlich oder gleich beides. Es geht um religiöse und politische Toleranz, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter und über allem die Achtung der Menschenwürde.

P. Heinz-Willi Rivert

Bild: AdobeStock

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