Frieden unter den Jüngsten
Ein Reflexionsimpuls von Louis Shu aus Australien
„Die Freude und Unbefangenheit derer, die dem Leben ohne Vorurteile und Vorbehalte begegnen, trägt dazu bei, echte Beziehungen in Jesus aufzubauen – der vollkommenen Liebe, die Gott ist. Lebenserfahrungen teilen.“
„Friede sei mit euch.“ Das sind die Worte des auferstandenen Herrn. Im Johannesevangelium wiederholt Jesus diese Worte nach seiner Auferstehung dreimal (Joh 20,19.21.26). In der gesamten Heiligen Schrift ist der Friede ein wiederkehrendes Thema, das sowohl im Alten als auch im Neuen Testament hunderte Male vorkommt. Es ist auch der Gruß, den Papst Leo XIV. in seiner ersten Ansprache an die Gläubigen gewählt hat:
„Friede sei mit euch allen. Es ist der Friede des auferstandenen Herrn. Ein Friede, der unbewaffnet und entwaffnend, demütig und beharrlich ist. Ein Friede, der von Gott kommt, dem Gott, der uns alle bedingungslos liebt.“
Wenn wir das Wort „Friede“ hören, denken viele von uns ganz natürlich an Frieden im weltlichen Sinne: Frieden auf Erden, keine Kriege, keine Gewalt, keine Konflikte. Das ist zwar sicherlich wichtig, doch: Was bedeutet innerer Friede?
Um den inneren Frieden zu verstehen, müssen wir zunächst darüber nachdenken, dass wir „imago Dei“ sind – nach Gottes Bild und Gleichnis Gottes geschaffen. Die Bibel vermittelt eine Sicht des Menschen, in der die spirituelle Dimension neben den körperlichen, sozialen und historischen Dimensionen unseres Lebens besteht. Frieden des Herzens gründet auf der Gewissheit, dass Gott uns liebt. Es ist ein Frieden, der uns im Innersten berührt und aus einer rechten Beziehung zu Gott entspringt.
Aber seien wir ehrlich: Was bietet uns Frieden eigentlich?
Im Alten Testament wird Frieden als Geschenk Gottes dargestellt (Psalm 29,11), als Ergebnis der Treue zum Bund (Lev 26,6) und als Vision der zukünftigen Herrschaft des Messias (Jes 9,6-7). Im Neuen Testament wird Frieden nicht nur als Abwesenheit von Konflikten dargestellt, sondern als Ganzheit, Versöhnung und die aktive Gegenwart der Gnade Gottes. Er wird als Geschenk Jesu (Joh 14,27), als Ergebnis der Versöhnung mit Gott (Röm 5,1) und als Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5,22) gezeigt.
Auch heute noch bringt uns der Friede Gott näher. In einer Welt, in der Macht oft mit Stärke verwechselt wird und Konflikte manchmal im Namen des Friedens gerechtfertigt werden, bietet uns Jesus einen anderen Weg an. Sein Beispiel fordert uns heraus, nicht nur über Frieden zu sprechen, sondern zu Werkzeugen des Friedens zu werden, nicht nur zu reden, sondern aktiv mitzuwirken, dass Frieden werde und wir so unserer Berufung entsprechen, Friedens-Stifter zu sein. Dann können wir mit Recht, Kinder Gottes genannt werden (vgl. Mt 5,9).
Um Frieden zu schaffen, reicht es nicht, nur einer Routine zu folgen. Als katholische Christen legen wir zu Recht Wert auf geistliche Disziplinen, wie das Gebet, die tägliche Gewissenserforschung, die Teilnahme an den Sakramenten, den Besuch der Hl. Messe und die Zeit, die wir in Stille vor Gottes Angesicht verbringen. Doch der Glaube ist keine Checkliste. All dies soll uns in eine lebendige Beziehung zu Christus führen. Wahrer Frieden entsteht, wenn wir uns mühen, in der Gegenwart Gottes zu leben und wenn wir uns unseren Mitmenschen begegnen, unabhängig von Sympathie oder Antipathie, ohne Vorurteile oder vorgefasste Meinungen. Wenn wir wissen, dass uns Christus auch in den gewöhnlichen Momenten des Lebens wirklich begegnet, dann wird unser Glaube lebendig, dynamisch und verwandelnd.
Wenn dieser Frieden uns erfüllt, dann ist dies ein Zeichen, dass wir gelernt haben, unser Leben zu entschleunigen. Wir beginnen, in allen Menschen Kinder Gottes, unsere Schwestern und Brüder zu sehen, legen vorgefasste Meinungen und Vorurteile ab, die uns so leicht vereinnahmen können. Wir bringen den Lärm und die Ablenkungen um uns herum zum Schweigen und Werden fähig zuzuhören – auf unser Gewissen, auf den immer rufenden Geist Gottes.
In Pater Jacques Philippes bescheidenem, aber tiefgründigem Buch „Auf der Suche nach dem Frieden und wie man ihn bewahrt: Eine kleine Abhandlung über den Frieden des Herzens“ bietet er diese schöne Metapher an:
„Betrachten Sie die Oberfläche eines Sees, über dem die Sonne scheint. Ist die Oberfläche des Sees friedlich und ruhig, spiegelt sich die Sonne in diesem See wider; und je friedlicher der See ist, desto vollkommener wird sie sich darin widerspiegeln. Ist die Oberfläche des Sees hingegen aufgewühlt und wellig, kann sich das Bild der Sonne nicht darin widerspiegeln.“
Es ist eine äußerst einfache und doch so wichtige Erkenntnis. Unser Leben kann nur dann Gottes Gnade und Erbarmen widerspiegeln, wenn unser Herz in Gott verankert ist. Der Friede, den uns Jesus Christus vor zwei Jahrtausenden versprochen hat, erblüht nur auf dem Boden eines ruhigen Herzens.
Ein ruhiges Herz erfordert, dass wir loslassen und auf alle Menschen zugehen, in der Erkenntnis, dass wir Brüder und Schwestern in Gottes Familie sind – ermöglicht durch das erlösende Blut Jesu Christi (Heb 10,19).
Eines der großartigsten Beispiele dafür, wie man dem Leben ohne Vorurteile begegnen kann, ist der heilige Vinzenz Pallotti. Lange bevor viele Menschen von Inklusion und Zusammenarbeit sprachen, erkannte der heilige Vinzenz, dass alle – unabhängig von sozialer Schicht, Bildung, Geschlecht oder Status – dazu berufen sind, Apostel zu sein. Er bemühte sich, die Barrieren abzubauen, die die Menschen trennen, und sie in der Mission Christi zu vereinen.
Seine Worte hallen bis heute nach:
„Wir sind dazu berufen, den Glauben neu zu entfachen und die Nächstenliebe in den Herzen aller wieder zu wecken.“
Diese einfache Aussage trifft den Kern der Friedensstiftung. Ohne Glauben, ohne Gottes- und Nächstenliebe kann es keinen Frieden geben. Wenn der Glaube neu entfacht wird, entdecken wir unsere Identität als geliebte Kinder Gottes wieder. Wenn die Nächstenliebe wiedererweckt wird, sehen wir die Mitmenschen nicht als Fremde, Konkurrenten oder Gegner, sondern als Brüder und Schwestern in Christus.
Wenn wir die Barrieren der Hierarchie, des Reichtums, des Status und all der Dinge, die uns von unseren Mitmenschen trennen, überwinden, dann beginnen wir, einander als Mitglieder der Familie Gottes wahrzunehmen. Vor Gottes Angesicht sind wir alle gleich. Oft ist es so, dass in unserer Werte-Skala nicht Gott und nicht der Nächste, sondern das „liebe Ich“ an erster Stelle steht.
Für mich war das Pallottiner-Jugendtreffen während des Jubiläums der Jugend im Heiligen Jahr 2025 ein wunderschönes Beispiel dafür, wie die Vision des heiligen Vinzenz Pallotti Wirklichkeit wurde. Junge Menschen aus aller Welt kamen in Rom zusammen – aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Lebenswegen, unterschiedlichen Herausforderungen sowie unterschiedlichen Hoffnungen und Erwartungen – und alle waren in Christus vereint.
Zu erleben, wie Tausende junger Menschen ihre Unterschiede beiseitelegten und als eine Gemeinschaft zusammenkamen, um Gott zu verehren, war zutiefst bewegend. Ein Moment ist mir besonders lebhaft in Erinnerung geblieben. Während der eucharistischen Anbetung in Tor Vergata vor den Toren Roms knieten Tausende junger Menschen in völliger Stille vor Jesus im Allerheiligsten Sakrament. In einer Welt, die so oft von Lärm und Ablenkung geprägt ist, sprach diese Stille lauter als jedes Wort.
Dieser Moment schenkte mir Frieden – einen Frieden, den ich durch die Gegenwart Christi und das Zeugnis der durch Gottes Liebe vereinten, jungen Menschen tief erfahren durfte. Er erinnerte mich daran, dass Frieden nicht einfach nur ein Ideal oder ein Traum für die Zukunft ist. Er ist Realität, wann immer Menschen Jesus begegnen, einander als Brüder und Schwestern anerkennen und zulassen, dass Gottes Liebe ihre Herzen verwandelt.
Als „Apostel für heute“ sind wir dazu berufen, nicht nur über Frieden zu sprechen, sondern ihn zu leben. Wir sind dazu berufen, dem Leben mit jener Offenheit, Frische und Aufrichtigkeit zu begegnen, die junge Menschen so oft verkörpern. Wir sind dazu berufen, unsere Vorurteile und Vorbehalte abzulegen, um Christus tiefer zu begegnen und zu Werkzeugen seines Friedens in der Welt zu werden.
Denn erst wenn der Glaube neu entfacht und die Nächstenliebe wiedererweckt wird, dann wird unserem Herzen der Friede Christi geschenkt und die Kraft, ihn mit unseren Mitmenschen zu teilen.
Fragen zur Reflexion
- Welche Vorurteile hindern mich daran, andere als Brüder und Schwestern in Christus zu sehen?
- Wie kann ich in meinem Alltag mehr Raum schaffen, um auf Gott zu hören und dafür sorgen, dass sein Frieden mein Denken, Reden und Tun bestimmt?
- Im Sinne des Aufrufs des heiligen Vinzenz Pallotti, „den Glauben neu zu entfachen und die Nächstenliebe in den Herzen aller wieder zu wecken“, wie kann ich ein Werkzeug des Friedens sein, in meiner Familie, meiner Pfarrei, an meinem Arbeitsplatz oder wo immer ich bin?
Louis Shu aus Australien
Jugendkoordinator der Pfarrei St Christopher’s in Syndal, Erzdiözese Melbourne

Quelle: Apostel heute, Monatliche Reflexion für die Mitglieder der pallottinischen UNIO im Juli 2026, Hrsg.: Union des Katholischen Apostolats (Pallottinische Unio), Rom. Übersetzung: Pater Wolfgang Weiss. Symbolbilder: paulaphoto (Hände halten Kreideerde) lizenziert über istock.
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