Ein ganz besonderes Abschiedsritual
Sowohl in der Literatur als auch in der Musik befasst man sich mit dem Motiv des Abschiednehmens. Das ist nicht verwunderlich, handelt es sich hierbei doch um eine menschliche Grunderfahrung. Verbunden damit kann man feststellen, dass es den Menschen ein Bedürfnis ist, den Situationen des Abschiednehmens eine bestimmte wiederkehrende und wiedererkennbare Form zu verleihen, zu der eine leicht einprägsame Melodie, ein einfacher, refrainartiger Text oder besondere Gesten gehören.
Da ich selbst lange Zeit Mitglied der Pfadfinderbewegung (DPSG) war, kann ich mich noch gut an ein Abschiedsritual erinnern, das besonders am Ende eines Zeltlagers oder eines größeren Treffens (Jamboree) gepflegt wurde: Es war das Lied „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss…“ Dabei bildeten alle einen Kreis und verdeutlichten ihre Zusammengehörigkeit dadurch, dass man einander die Hände reichte und gemeinsam sang. Dieses Lied war aufgrund seiner eingängigen Melodie und seines tiefgründigen Textes bald bei vielen Jugendvereinen Standardrepertoire, nicht nur bei der katholischen Jugend.
Doch die Wenigsten wissen vielleicht um seine Entstehung. Es basiert melodisch auf dem alten schottischen Volkslied „Auld Lang Syne“, dessen Text der Dichter Robert Burns im Jahr 1793 auf der Grundlage einer alten schottischen Melodie von 1687 verfasst hatte.
Dieses Lied ist mittlerweile zum kulturellen Gut in vielen Ländern geworden.
Man kennt das Lied bevorzugt aus Großbritannien, den USA, Kanada, Irland und Schottland, wo es an Silvester traditionell das alte Jahr verabschiedet. Kurz nach Mitternacht bildet man einen Kreis, fasst sich an den Händen und singt gemeinsam. Aber auch bei Abschiedsfeiern in Universitäten und Schulen in den USA ist es Symbol des Abschieds der gemeinsam verbrachten Zeit, ebenso markiert es den Abschied von Gästen, Vereinsmitgliedern oder auch das Ende militärischer Zeremonien. Auch auf Trauerfeiern oder bei dem Auslaufen von Schiffen wird es gespielt.
Es gibt mehrere französische Varianten mit gleicher Melodie, die bekannteste ist „Ce n’est qu’un au revoir“ („Es ist nur ein Wiedersehen“). Auch sie wird bevorzugt bei Treffen der Pfadfinder am Ende des Zeltlagers, sogar bei Wallfahrten oder Schulentlassungen gesungen.
Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich eine ganz eigenständige Tradition: Hier hat es bevorzugt seinen Platz in der Pfadfinder- und Jugendbewegung und nicht als Lied bei Jahreswechsel. In ganz klassischer Form wird es beim letzten Lagerfeuer eines Zeltlagers und nach dem Erlöschen des Feuers gesungen. Es findet sich ebenso bei Jugendgottesdiensten, dem Abschluss von Kirchentagen und ähnlichem.
Wie aber kam es nun dazu, dass es zu einem Lied der Pfadfinderbewegung wurde?
Bereits 1920 hatte der Gründer der Pfadfinderbewegung Lord Baden-Powell „Auld Lang Syne“ als offizielles Abschiedslied bei dem Weltpfadfindertreffen eingeführt. Man bildete dabei einen Kreis und reichte sich die Hände.
Die deutsche Fassung des Liedes stammt von Carl Ludwig Laue, der selbst
Pfadfinder war. Er lernte als ehemaliger Stalingradüberlebender in der Kriegsgefangenschaft von britischen Soldaten dieses Lied kennen. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen wundert es nicht, dass sein Text aus dem Jahr 1946 wesentlich mehr Tiefgang erhält als das alte Lied auf Freundschaft und vergangene schöne Zeiten. Er veröffentlichte den Text erstmals im November 1950 in der Verbandszeitschrift „Die große Fahrt“. Danach fand das Lied über Liedsammlungen der „Mundorgel“ schnell Verbreitung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Betrachtet man den Text genauer, so fällt sein tieferer Sinn auf, der weit über die Erinnerungen an vergangene Zeiten des Ursprungsliedes hinausgeht.
So handelt es in der ersten Strophe von der Zukunft, die „in Finsternis“ liegt und das Herz schwermacht – dies sicher eine Anspielung auf die damals ungewisse Zukunft in der Heimat. Viele Kameraden waren im Krieg gefallen, und ob man die Heimat jemals wiedersehen würde („ungewiss ist alle Wiederkehr“) konnte niemand vorhersagen. Deutschland lag in Trümmern, die politische und persönliche Lage war ungewiss. Aber gerade deshalb sollte das Lied Hoffnung vermitteln. Deshalb enthält der Refrain eine tiefe christliche Hoffnung: „Wir ruhen all in Gottes Hand“. Er wird mehrfach wiederholt. Natürlich verwendet der Autor auch Naturmetaphern, die in der Wandervogel- und Jugendbewegung gebräuchlich waren, zum Beispiel das Sinken der Sonne und das Aufsteigen der Nacht, die erwachende Nachtigall oder der Himmel, der sich über das Land wölbt.
Am Schluss endet der Text mit einem positiven Ausblick: Das Leben ist letztendlich ein Spiel, das es „recht zu spielen“ gilt, damit man am Ende „zum großen Ziel“, einem Wiedersehen bei Gott gelangt.
Werner Enders
Bild: Kobby Mendez/Unsplash
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