Tiere und Schöpfung
Die Erde ist schön. Gottes Schöpfung in ihrer ganzen Pracht ist wunderbar, besonders, wenn man die Schönheit der eigenen Heimat bedenkt. Der Mensch darf zwar über alles verfügen, er sollte sich jedoch nicht für die alleinige Krone der Schöpfung halten, denn außer ihm gibt es noch die Tierwelt zu Wasser, zu Land und in der Luft. Völlig autark bevölkerte diese die Erde; des Menschen hätte es im Grunde gar nicht bedurft. Aber Gott hat es gefallen, uns zu erschaffen. Vielleicht hatte er Verlangen nach einem Wesen, das ihm verwandt ist?
Die Menschen hatten allerdings nichts Eiligeres zu tun, als die Herrschaft über alles an sich zu reißen. Statt dessen hätten sie sich die Schöpfung besser in Respekt mit der Tierwelt geteilt. Leider fällt ihnen der Gedanke an Ausbeutung bis hin zur Ausrottung leichter als an Achtung und Verantwortung. Ohne Tiere wäre das menschliche Leben gar nicht vorstellbar. Sie bereichern unser Leben auf vielfältige Weise. Längst haben verantwortungsvolle Menschen erkannt, welchen Nutzen sie aus dem pfleglichen Umgang mit Tieren ziehen können, und wie sehr wir auch von ihnen abhängig sind.
Wenn ich etwas länger einem Tier in die Augen schaue, z.B. einem Hund, bin ich überzeugt: hinter diesen Augen muss doch ein Denken stattfinden. Aber der Mensch glaubt das ja besser zu wissen.
Als junges Mädchen hatte ich vor vielen Jahren im Frankfurter Zoo sehr lange mit einem Orang Utan Augenkontakt, der mich neben mehreren Leuten ernst und ruhig anschaute. Seine hoheitsvolle Erscheinung und sein weiser Gesichtsausdruck faszinierten mich. Ich war gebannt und unfähig, den Blick von ihm zu wenden. Als ob er mich erkannte und durchschaute, fühlte ich auf einmal tiefe Zuneigung zu ihm und blieb noch sehr lange am Gitter seines Geheges stehen. Diese intensive Begegnung hat mich so tief berührt, dass ich sie mein Leben lang nicht vergessen habe.
Ein Leben mit Samtpfoten
Vor Hunden habe ich immer noch Angst, habe nie Zugang zu ihnen gefunden. Mein Favorit dagegen ist die Hauskatze. Ich kann mit ihr reden, und sie antwortet mir auf ihre Art. Ein Haus auf dem Land wäre ein Unding, ohne die Mitbewohnerin „Samtpfote“. Eine Katze auf dem Schoß zu haben, ist tröstlich, wärmt, spendet Wohlgefühl und beruhigt ungemein. Nur erziehen lässt sich eine Katze nicht.
Katzen sind Persönlichkeiten mit eigenem Willen; sie entscheiden, wer sie anfassen und ihnen das Fell streicheln darf. Gegen Übergriffe wehren sie sich mit ihren Krallen oder ihren scharfen Zähnen. Wendet man ihnen den Rücken zu, springen sie flugs auf den Esstisch und laben sich an Butter und Sonstigem.
Einmal hatte ich ein tiefgefrorenes Hähnchen zum Auftauen auf die Spüle gestellt, während wir zum Sonntagsgottesdienst fuhren. Wieder zu Hause, hatte unsere Katze versucht, sich von dem noch eisigen Braten ihre eigene Mahlzeit zu sichern. Wir nahmen mit dem Rest vorlieb.
Katzen sind neugierig. Sie ruhen nicht eher, bis sie das gesamte Terrain und den letzten Winkel eines Hauses erkundet haben. So auch an einem frühen Morgen, an dem die ganze Familie noch schlief, als plötzlich Klavier-Geklimper zu hören war. Unsere Katze hatte Spaß, immer wieder über die Tasten des Klaviers zu laufen. Das Tier war offensichtlich musikalisch.
Als mein jüngstes Kind ein paar Wochen alt war und die warme Frühlingssonne herrlich mildes Wetter versprach, legte ich das Baby in den Kinderwagen und stellte es in den Garten. Nach einer Weile nach dem Rechten schauend, erschrak ich. Zu meinem schlafenden Söhnchen war die Katze in den Kinderwagen gesprungen und schlummerte seelenruhig neben dem Kleinen. Meine Sorge, das Tier könne das Kind am Atmen hindern, war jedoch unnötig. Bis heute verbindet die beiden, den längst erwachsenen Sohn und die Katzen, eine intensive Zuneigung zueinander.
Harte Schale, weicher Kern
Einmal fragte mich eine Bekannte, ob ich für eine Weile ihre Katze in Pflege nehmen könnte, während sie zur Entbindung in die Klinik wollte. Gutgläubig sagte ich Ja, obwohl mir die Katze als sehr schwierig und eigenwillig geschildert wurde. Meiner langjährigen Erfahrung mit diesen Tieren vertrauend, scheute ich keineswegs die Begegnung mit dem stattlichen schwarzen Fell namens „Callas“ und seinen großen bernsteinfarbenen Augen.
Callas ließ sich zwecks Gewöhnung ungern in den ihr noch fremden Raum einsperren. Sie war eine Diva, genau wie ihre Namensvetterin und fauchte beängstigend. Ich stellte ihr Wasser hin und Futter, doch verschmähte sie beides. Jeden Tag erneuerte ich ihr Futter, doch sie fauchte und drohte, sobald ich mich ihr näherte. Ich bekam Angst. Als sie auch am dritten Tag noch alle Nahrung verweigerte, überwand ich mich und wagte mich zu ihr. Laut und streng redete ich mit ihr: „Callas, du benimmst dich unmöglich, aber wir meinen es gut mit dir. Wenn du weiter die Nahrung verweigerst, wirst du nicht überleben. Also, reiß dich zusammen!“ Dann ließ ich sie allein. Nach einigen Stunden waren ihre Futternäpfe tatsächlich leer und ich fühlte mich schon als erfolgreiche Katzen-Dompteuse.
Nach und nach fassten wir und die Katze Vertrauen zueinander. Als sie nach einigen Wochen wieder abgeholt werden sollte, war uns ganz bang vor dem Abschied von diesem außergewöhnlichen „Stubentiger“, der unser aller Herzen erobert hatte. Callas’ Herkunftsfamilie hatte mit dem neuen Baby genug zu tun und fragte, ob wir sie vielleicht sogar behalten könnten. Da haben wir nicht lange überlegt, sondern spontan Ja gesagt.
Ein Glück, dass Katzen aller Art, große wie kleine, von Anfang an in der Schöpfung vorgesehen waren. Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber nicht annähernd so interessant und abwechslungsreich.
Herma Brandenburger
Bild: namaki/iStock
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