das zeichen 07/08 2026: Kraftorte

Auch aus diesem Heft:

In jedem von uns findet sich ein innerer Quellort, der aufleben und aufatmen lässt.

Der Baum ein Sinnbild des Lebens

Seit jeher haben Bäume eine besondere Bedeutung für uns Menschen. Ihre Wurzeln symbolisieren unsere Herkunft und geben Halt, während die Äste nach oben wachsen und für Entwicklung und Zukunft stehen. Im Wechsel der Jahreszeiten verkörpern sie den Kreislauf von Werden, Reifen, Loslassen und Neubeginn – eine Quelle von Ruhe und neuer Kraft. Und das Schöne daran ist: Um diese Kraft zu spüren, muss ich nicht in die Ferne reisen, ein Baum in meiner Nähe genügt.

Wenn ich an meinem Esstisch sitze und aus dem Fenster schaue sehe ich auf eine wunderschöne alte Rotbuche. Sie steht da am Rande einer Wiese und hatte viel Platz um sich auszubreiten, ihre Baumkrone ist breit und wuchtig und ragt über die Wiese, auf der Kühe weiden, die manchmal darunter Schatten suchen. Sie begleitet mich durch die Jahreszeiten im Frühling mit zart grünen Blättern, die später in ein sattes Sommergrün wechseln und im Herbst rötlich schimmern, bis sie abfallen und dann im Winter nur der starke Baum mit den kahlen Ästen, die manchmal mit etwas Reif oder Schnee bedeckt sind, majestätisch in der Landschaft steht. Er wirkt so unerschütterlich und stark und wenn ich ihn betrachte merke ich, wie ich dabei ruhig werde. Der Baum ist um Jahre älter als ich und hat in dieser langen Zeit schon viel aushalten müssen. Starke Stürme oder lange Trockenphasen, empfindliche Kälteperioden oder starke Hitze und viele Veränderungen, die um ihn herum durch die Menschen geschehen sind. Bisher hat er alles bewältigt. Diese Widerstandskraft und diese feste Verwurzelung und sein hohes Alter machen ihn zu etwas ganz Besonderem für mich.

Faszination Baum durch die Jahrhunderte

Bäume haben in der Geschichte der Menschheit immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Heute pflanzt man demonstrativ Bäume um unser Klima zu schützen, mancher pflanzt einen Baum zur Geburt seines Kindes und viele wollen heute unter einem Baum ihre letzte Ruhe finden.

Die Germanen glaubten, dass ein Weltenbaum, der das Universum wie eine Säule durchdringt die verschiedenen Ebenen der Welt: die Welt der Toten, die Welt auf der die Menschen leben und die Welt der Götter, miteinander verbindet. Und aus dem Holz von Bäumen, so wurde es überliefert sind die ersten Menschen geschnitzt.

Bäume, die an besonderen Orten standen wurden zu Versammlungsstätten, an denen heilige Rituale vollzogen, oder Recht gesprochen wurde und an denen Friedensverhandlungen stattfanden.

Heilige Haine, kleine Wäldchen außerhalb von Ansiedlungen dienten als Gebetsorte und Grabstätten.

Viele Dörfer hatten eine Dorflinde, oft an einem Brunnen oder einem Bach, die zum verweilen einlud oder unter der sich die Menschen trafen um Neuigkeiten auszutauschen.

Auch in den Klöstern im Mittelalter spielten Bäume eine wichtige Rolle. Nach einer Regel der Zisterzienzer, diente der Friedhof zugleich als Obstgarten. Die Doppelnutzung ist nicht aus Raummangel zu erklären, sondern aus dem Symbolverständnis. Obstbäume mit ihrem Lebensrhythmus von Winterruhe, Frühling und Frucht galten als Sinnbild der Auferstehung.

Auch vor Kirchen und Kapellen wurden Bäume gepflanzt. Sie sollten ein Sinnbild für das ewige Leben sein. Aus der Wurzel Jesse (Jes 11,1) wächst ein junger Trieb hervor, der Frucht bringt, aus dem Kreuz Jesu wird ein Zeichen des Heils, der Auferstehung und des ewigen Lebens.

Aufatmen im Grünen

Es ist inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen, dass Bäume unser Wohlbefinden steigern. Der Aufenthalt in einem Wald soll das Immunsystem stärken, den Blutdruck senken und Stress reduzieren. Ein Waldspaziergang hebt die Stimmung und füllt die Energietanks in unserem Inneren wieder auf.

Bäume sind Kraftorte. Das haben wir Menschen schon immer gespürt. Ihre Größe und Wucht, die Beständigkeit und ihre Widerstandskraft beeindrucken uns. Sie haben ein langes Leben und begleiten Generationen von Menschen durch deren Lebensweg. Sie strahlen Ruhe aus und bieten Geborgenheit, sie speichern Erinnerungen und tragen oft Spuren von eingeritzten Herzen und Buchstaben. Und verletzt man ihre Rinde, so fließ Harz, wie Blut aus ihrer Wunde.

Wenn Sie einmal Ruhe brauchen, oder in Stille nachdenken wollen, dann setzen Sie sich unter einen Baum. Sie werden bald spüren, wie gut es tut sich anlehnen zu können, in seinem Schatten zu sitzen und dem leisen Rauschen seiner Blätter zuzuhören.

Wenn ich es mir unter meinem Baum gemütlich mache, dann höre ich manchmal in Gedanken meine Tante, die schon lange gestorben ist, singen: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum, ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum………“

Gertrud Brem

Bild: AVTG/iStock

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