das zeichen 2026/06: Schönheit

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Rund und schön

Eines der bekanntesten deutschsprachigen Gedichte ist das „Abendlied“ von Matthias Claudius: „Der Mond ist aufgegangen“. Bewundernd wird darin dieser Himmelskörper gepriesen als „rund und schön“.

Schon seit vielen Generationen wurde das Abendlied von Paul Gerhardt (1647), dem Schöpfer zahlreicher geistlicher Liedtexte, sehr geschätzt: „Nun ruhen alle Wälder“.

Ausgestattet mit der viel älteren sehr populären Melodie von Heinrich Isaak um 1495 („Innsbruck, dich muss ich lassen“) gehörte es zum festen Schatz protestantischer Frömmigkeit. Doch der nachgeborene Pfarrerssohn Matthias Claudius (1740-1815), Vater von zwölf Kindern, empfand den Gerhardt-Text wohl als zu vorschnell erwachsen. Er wollte mit einem frommen Einschlaflied auch die Kinder erreichen. Nicht nur aus didaktischen Gründen stand er der rationalistischen Aufklärung skeptisch gegenüber. Er fühlte sich in der naiven Naturbetrachtung der Romantik der Wahrheit näher. Der Mond hatte es Matthias Claudius besonders angetan. Das vereinnahmende „wir“ in den einzelnen Strophen lässt die Vermutung des Dichters erkennen, dass der schwarze schweigende Wald, der Nebel und die trügerischen Luftgespinste „uns alle“ als kalter Abendhauch berühren. Selbst wenn wir längst das Erwachsenenalter erreicht haben, können wir spontane Anmutungen in unserem inneren Kind nie ganz unterbinden. Dafür ist das Netz unserer Sinne viel zu nachhaltig.

Der halbe Mond

„Seht ihr den Mond dort stehen?“ Ja, den sehen die Kinder und wir alle genauso, doch „er ist nur halb zu sehen.“ Warum? Muss er noch wachsen, ist er etwa verletzt oder krank, wer schränkt ihn ein, erlischt er gar? Gerhardt übersieht das Licht des Mondes, er beschreibt in seinem Lied „die Nacht als des Tages Feind“, um dann als gläubiger Theologe rasch an „ein andre Sonne“ zu erinnern: „mein Jesus, meine Wonne, gar hell in meinem Herzen scheint“.

Das geht Claudius zu schnell. Er will den zweiten Schritt nicht vor den ersten setzen. Zunächst nimmt er den Augenschein als Faktum ernst: „Der Mond ist nur halb zu sehen“. Gerne würde er etwas mehr von ihm sehen, denn so vieles ist ihm unbegreiflich. 1779, als er sein alternatives Lied schreibt, leidet seine eigene Familie unter den tödlichen Wellen von Hungerkatastrophen und Infektionskrankheiten. „Des Tages Jammer“ kommt nur schwer zum Schweigen. Dennoch will Claudius trösten, aber wie? Wie soll er begreiflich machen, dass die sichtbare Mondsichel nicht Zeichen des Untergangs und Todes (abnehmender Mond) ist? Wie kann das bruchstückhaft Sichtbare als Ankündigung der Vollendung (zunehmender Mond) begriffen werden? Wer den Vollmond nicht kennt, der hat es schwer.

„Gott, lass uns dein Heil schauen!“

Matthias Claudius belehrt nicht von oben herab mit seiner Lebenserfahrung im Wechsel der Zeiten oder vorgefertigten Sätzen aus dem Religionsunterricht, sondern er stellt sich in die Reihe seiner Zeitgenossen: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel.“ Im Glauben steckt für ihn der Hinweis: der Mond ist allem Augenschein zum Trotz „rund und schön“. Diesen Glauben, dass es mehr gibt als wir sehen können, erfleht er im Gebet für sich, für seine Kinder, für den kranken Nachbarn und uns alle: „Gott, lass uns dein Heil schauen!“

Während für Paul Gerhardt nur Bilder der Sterblichkeit sichtbar sind, auch wenn er um das verheißene Osterlicht weiß, erkennt Matthias Claudius schon im halben Mond dessen wirkliches Wesen, abgerundet ohne Ecken und Kanten. Wer in Demut anerkennen kann, dass die Schöpfung mehr beinhaltet als der Mensch in seiner Begrenztheit begreifen kann, wird getröstet und befreit.

Freundschaft leben, unsere Weise der Verkündigung

Manche Beziehungen in meinem Leben dauern über viele Jahre. Sie sind durch gemeinsame Arbeit oder Nachbarschaft entstanden. Sie haben mich bereichert. In Klagenfurt habe ich einige Jahre in einer Wäscherei gearbeitet und Suada kennengelernt. Sie hat mich im Winter oft mit ihrem Auto mit in die Arbeit genommen. Bei ihr zuhause habe ich den türkischen Kaffee lieben gelernt. Wir haben einander gestärkt, wenn das Arbeitsklima rau und der Druck groß war. Suada hat viel von ihrer anstrengenden Ehe mit mir geteilt. Sie wusste, dass ich für sie bete. Von ihrer eigenen Religion, dem Islam, kannte sie wenig. Einmal war ich mit ihr im Kino. Es lief ein Film über die Wallfahrt nach Mekka. Davon spricht Suada heute noch, weil es ihr half, ihren Glauben zu vertiefen.

In Graz war ich Reinigungskraft im Krankenhaus. Die Pause verbrachte ich gern mit Jana. Ihr origineller Humor war mir sehr sympathisch. Oft war Jana aber auch deprimiert. Sie glaubte nicht mehr an sich. Eine tyrannische Beziehung machte sie total kaputt. Aber sie konnte sich nicht lösen. Meine Nähe gab ihr Kraft. Schließlich konnte sie sich aus der Abhängigkeit befreien, eine neue Wohnung finden, eine Ausbildung machen, ein neues Leben beginnen. „Ohne dich hätte ich das nie geschafft!“ Eigentlich war ich nur ermutigend da.

Verkündigung geschieht ganz unmittelbar durch unser Lebenszeugnis. Die Früchte unserer Absicht, in Liebe da zu sein, bleiben jedoch oft unsichtbar.

Leid und Kontemplation, stärkende Gemeinschaft

Manchmal halte ich die Not der anderen schwer aus. In unserer Nähe ist eine Frau aus dem Fenster gesprungen. Ich kannte sie nicht, aber ihr Schicksal rührte mich zu Tränen. Was war passiert? Welche Verzweiflung hat sie durchgemacht! Ich spüre meine Ohnmacht vor solchem Leid.

Regelmäßig ziehe ich mich zu stillen Stunden oder Tagen des Gebets zurück, nicht nur, um mich neu zu sammeln. Beim Herrn sein, in der Stille aushalten, Fürbitte halten, sein Wort und seine Zuwendung empfangen – das ist mir ein lieber Ort der Geborgenheit geworden. Hier findet auch meine Ohnmacht Raum. Im Schweigen wächst eine Verbundenheit, die mich im Alltag trägt.

Ohne die Gemeinschaft wäre meine Berufung unmöglich. Hier gehöre ich dazu und weiß mich in einer gemeinsamen Sendung. Hier bin ich angenommen mit Stärken und Schwächen und darf mich zuhause wissen, sei es in Wien oder überall in der Welt, wo Kleine Schwestern Jesu leben. Die Art und Weise unseres Daseins und Betens schafft ein solides gemeinsames Fundament. Ehrliche Kommunikation und Dialog helfen die Herausforderungen miteinander zu bestehen. – Eine „starke Frau“ in der Kirche? Wird schon so sein, aber die wahre Stärke kommt allein von Gott und den Menschen, mit denen ich lebe.

Peter Hinsen SAC

Weitere Informationen:
Das Lied von Matthias Claudius und von Paul Gerhardt ist im katholischen „Gotteslob“ (GL 93 und 101) und im evangelischen Gesangbuch (Nr. 482 und 477) zu finden.

Bild: Lisa Bahnmüller

Bild: Lisa Bahnmüller

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