das zeichen 07/08 2026: Kraftorte

Auch aus diesem Heft:

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Im eigenen Inneren das Weite suchen

In jedem von uns findet sich ein innerer Quellort, der aufleben und aufatmen lässt. Dieser Ort lässt sich auch im Getriebe der Welt von heute entdecken. Eine Spurensuche.

Einfach mal das Weite suchen, den Alltag mit seiner Geschäftigkeit und seinem Lärm hinter sich lassen – wer hat sich nicht schon in manchen Momenten an einen ganz anderen Ort gesehnt? An einen Ort der Ruhe, der Stille. An einen Ort, an dem all das, was so bedrängt, was Kraft kostet, für eine Weile draußen bleiben kann. An einen Ort, wo nichts ist. Na ja, fast nichts.

Es gibt solche Orte, sei es in Klöstern, sei es in Exerzitienhäusern, die dazu einladen, sich einmal für ein paar Tage zurückzuziehen, wieder Atem zu holen und in der Stille zu sich zu kommen, vielleicht auch wieder neu einen lose gewordenen Kontakt mit Gott aufzunehmen. Allerdings – solche Auszeiten an einem anderen Ort kann man sich ja  nicht immer dann nehmen, wenn man sie bräuchte. Deshalb kann es hilfreich sein, sich auch seines eigenen inneren Kraftortes bewusst zu werden, der sicherlich in jedem von uns steckt, aber leicht in Gefahr gerät, verschüttet zu werden vom Allerlei des Alltags, von all dem Sollen und Müssen, dem man sich nicht einfach entziehen kann. Oder doch?

Sich selbst hat man immer „dabei“

Von der heiligen Katharina von Siena wird erzählt, was auch uns vielbeschäftige Menschen ins Nachdenken bringen kann: Katharina hatte sich als junges Mädchen entgegen dem Wunsch der Eltern gewehrt, zu heiraten, weil sie ihr Leben ganz Jesus Christus geweiht hatte. Die Eltern suchten ihre Tochter am Gebet zu hindern, indem sie sie so sehr mit häuslichen Aufgaben überschütteten, dass ihr ein Rückzugsort in die Zwiesprache mit Christus unmöglich gemacht werden sollte. Was aber nicht gelang, denn Katharina zog sich in ihr „inneres Zimmer“ zurück, wo sie ganz in der Gegenwart Gottes verweilen konnte. Dies nicht trotz, sondern inmitten all ihrer Aufgaben.

Dieses „innere Zimmer“ als einen Rückzugsort finden und es immer wieder aufsuchen, das kann auch für uns Menschen heute segensreich sein. Wie kann das gehen?

Eine Übung: Wenn Sie sich an einem Ort mit vielen Menschen bewegen, wo Sie da und dort Gesprächsfetzen aufnehmen, wo der Lärm der Geschäftigkeit herrscht, öffnen Sie gedanklich für eine Weile Ihren eigenen inneren Herzensraum und schließen Sie hinter sich die Tür. Dieser innere Raum kann zum Gesprächszimmer mit Gott werden – und auch zu einem Ort, an dem Sie nur verweilen, nichts planen, nichts denken müssen. Wo alles andere draußen bleibt.

Eine weitere Weise zur Entdeckung des eigenen inneren Kraftortes kann es sein, sich in einem ruhigen Moment – bei einem Spaziergang, bei einer Tasse Kaffee – in einen Modus der Wahrnehmung zu versetzen. Das setzt natürlich voraus, dass Sie sich Pausen gönnen. In solchen Unterbrechungszeiten kann es gut tun, einmal bewusst nicht auf die äußeren Dinge zu schauen, die beschäftigen, sondern die Blickrichtung zu wechseln hin zu dem, was im eigenen Inneren da ist. Was nehme ich an „inneren Regungen“ wahr? Wir kennen diesen Begriff aus der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Nach Innen zu hören, kann uns erkennen lassen, was die äußeren  Geschehnisse in uns auslösen: Etwa eine Anspannung, oder eine Grundfurcht wie die, nicht genügen zu können in dieser Welt mit ihren vielen Stimmen, die uns antreiben, die uns zurufen, perfekt sein zu müssen, die uns überfordern. Welche Stimmen hören Sie? Und was ruft Ihnen Ihre innere Stimme zu? Gibt es Möglichkeiten, gegenzusteuern?

Der Weg ist oft das Ziel

In solchen Momenten des Nachdenkens mag auch etwas vom Wesenskern sichtbar werden, der Sie als Mensch, als einzigartiges Individuum ausmacht. Als Mensch, als den Gott Sie sieht mit seinem wohlwollenden, liebenden Blick. Schauen Sie mit Gott auf das, was Sie ausmacht: auf das, was Sie lieben, was zu Ihrem Leben gehört; auf Ihre Freuden, auch auf Ihre Sehnsüchte; auf das, was Sie aufleben und aufatmen lässt.

Für diesen kostbaren, unzerstörbaren Kern im Inneren des Menschen haben die großen Gestalten der christlichen Mystik unterschiedliche Bilder gefunden: Meister Eckhart spricht vom „Seelengrund“, Teresa von Avila beschreibt den inneren Weg der Seele in die „Seelenburg“, wo Seele und Gott ganz eins sind. Und der Jesuit Alfred Delp schreibt 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel:  „Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“ Dieser innere Quellort, an dem der Mensch sich mit sich selbst und mit  Gott ganz eins weiß, ist und bleibt ein verborgener Ort. Aber allein darum zu wissen, dass es ihn gibt, zu suchen, sich ihm zu nähern, kann lebens-, und kraftspendend sein.

Gerlinde Knoller

Bild: Releon8211/Unsplash

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