Von der Faszination zur Verantwortung
Nachhaltiges Handeln folgt dem Staunen über die Schönheit der Welt
Sommerzeit ist für viele Reisezeit und eine Zeit, sich an traumhafte Orte zu begeben. Atemberaubende Landschaften werden in Fotos festgehalten und in sozialen Netzwerken geteilt: Bilder von Stränden, Wasserfällen, seichten Hügeln oder rauen Gipfeln, Bergseen oder Lagunen, Kieferwäldern oder Blumenwiesen. Sie alle zeigen, wie unglaublich schön die Erde ist, wie sie uns ins Staunen versetzt und wir das Glück, das wir bei ihrem Anblick erleben, mit vielen Menschen teilen möchten.
Astronaut Alexander Gerst sagt in seiner „Nachricht an meine Enkelkinder“, die er 400 Kilometer über der Erdoberfläche Ende 2018 verfasst hat, er könne sich einfach nicht sattsehen an diesem Blick auf die wunderschöne Erde. Aber: „Wenn ich so auf den Planeten runterschaue, dann denke ich, dass ich mich bei euch wohl leider entschuldigen muss. Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“ Er hoffe sehr, dass wir noch vieles verbessern können, um das „zerbrechliche Raumschiff Erde“ zu erhalten.
Die Schöpfung zu erhalten, sie zu bewahren, zu hüten ist der Auftrag, der in Genesis 2, 15 zu lesen ist. Nachhaltigkeit und Schöpfungsglauben stehen im engen Zusammenhang. Die Welt als Schöpfung zu betrachten, sie zu bestaunen, Gottes Macht und Liebe darin zu erkennen führt unweigerlich zur Verantwortung. Es bedeutet, dafür zu sorgen, dass auch die nächsten Generationen staunen und in die Bewunderung und Ehrfurcht aus Psalm 104 einstimmen können. Der Psalmbeter beobachtet und bewundert das Geschaffene und erblickt darin Gottes Zugewandtheit zu den Menschen. Staunen über die Natur ist ein Staunen über Gott. Bewahren der Natur ist gelebte Ehrfurcht vor dem Schöpfer und ein Dienst an diesem Schöpfergott.
Vor über 40 Jahren richteten sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz mit der gemeinsamen Erklärung „Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung“ an die Öffentlichkeit. Darin heißt es: „Die Welt ist in Gottes Augen nicht nur deshalb ‚sehr gut‘ (Genesis 1,31), weil sie dem Menschen Nahrung und Behausung gibt. Sie soll ihm überdies den überwältigenden Eindruck einer Schönheit vermitteln, welche die Herrlichkeit Gottes und das geheimnisvolle Wirken seines Geistes widerspiegelt.“ Und etwas weiter ist zu lesen: „Wenn die Menschen […] durch ihr Verhalten die Erde zerstören, handeln sie dem Schöpfer und dem Sinn der Schöpfung zuwider. Gottes Verantwortung für sein Volk legt der Menschheit wiederum Verantwortung auf für das Leben der Schöpfung. Nur in dieser Fürsorge wird die Bestimmung der Gottebenbildlichkeit im Gegenüber zur Welt voll verwirklicht.“ Und an welchem Punkt stehen wir jetzt? Es gab und gibt weitere Publikationen der Kirchen, wir hören und lesen in den Medien vom Klimawandel und von unserer Verantwortung, immer drängender.
Nachhaltige Landwirtschaft, bewusster Umgang mit Energie und bewusster Konsum zählen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Nachhaltige Mobilität und ressourcenschonendes Bauen sind als weitere Felder zu nennen. Die von den Vereinten Nationen 2015 ausgerufenen Nachhaltigkeitsziele sollen den Weg ebnen, die Welt lange Zeit nach uns bewohnbar zu lassen und Armut entgegenzuwirken.
Aus christlicher Perspektive sind beide Seiten zu benennen: Der Mensch macht sich schuldig, wenn er seiner Verantwortung nicht gerecht wird, wenn er dem Nächsten – und wohnt er auch noch so weit weg – durch sein Handeln schadet. Denn wo Natur ausgebeutet wird, leiden häufig die Schwächsten. Die andere Seite: Der Mensch ist getragen von der Liebe Gottes und von Hoffnung. Gott will, dass der Mensch Leben „in Fülle“ hat (Johannes 10,10) und Gott den Menschen „auf ewig“ die Treue hält (Psalm 146,6). Zum einen ist da der Realismus: Vieles ist nicht gut. Aber zum anderen sind da Zuversicht und Orientierung. Wir haben die Freiheit, uns zu begrenzen und herauszufinden, wo Verzicht Gewinn sein kann. Mitgefühl und Barmherzigkeit weiten den Blick – auch für die Schönheit der Welt.
Vielleicht kann unser Blick im Urlaub uns helfen: das Staunen über einen Sonnenaufgang am Meer, über das Licht in den Bergen oder über das Glitzern eines Sees. Was wir fotografieren und teilen, weil es uns glücklich macht, ist mehr als ein schöner Moment. Es ist ein Hinweis darauf, dass uns diese Welt anvertraut ist. Wer ihre Schönheit erkennt, kann nicht gleichgültig bleiben. Nachhaltigkeit ist dann kein moralischer Zusatz, sondern eine Antwort der Liebe. Sie ist eine Antwort auf die Schönheit Gottes, die uns umgibt und die auch künftige Generationen noch zum Staunen bringen soll.
Berit Keiser
Bild: Berit Keiser
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