das zeichen 2026 – Tiere: Adler und Taube

Auch aus diesem Heft:

Gottes Schöpfung in ihrer ganzen Pracht ist wunderbar, besonders, wenn man die Schönheit der eigenen Heimat bedenkt

Adler und Taube

Über einer Wiese am Waldrand zieht ein Rotmilan seine Kreise, er ist ein wahrer Luftakrobat und spielt mit den Aufwinden. Er lässt er sich mit aufgespannten Flügeln fallen und segelt dabei elegant mit dem Wind. Es ist eine Freude, ihn dabei zu beobachten und seine Flugkünste lassen bei mir den Wunsch aufkommen, auch so frei durch die Luft fliegen zu können.

Die Beobachtung der Vögel und ihrer Flugkünste war für die Menschen schon immer faszinierend. Ihr Gesang, ihre bunte Federpracht und ihre Möglichkeit sich hoch in die Lüfte zu erheben hat sie zu einem Symbol für die Boten zwischen Himmel und Erde, zwischen göttlicher und irdischer Welt gemacht. Sie verkörpern Freiheit und Leichtigkeit, Kraft und Stärke. Besonders die großen Greifvögel und hier speziell der Adler symbolisiert eine göttliche Macht und Souveränität. Das Bild des Adlers wird in der Bibel oft verwendet um die göttliche Fürsorge und den göttlichen Schutz zu verdeutlichen.“ Ihr habt gesehen, wie ich Euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe“ (Ex. 19,4) Mit diesem Bild bietet Gott dem Volk Israel am Sinai seinen Bund an und verweist auf seine Rettungstat aus der Sklaverei in Ägypten. Hier nun am Sinai will er mit seinen zehn Weisungen dem Volk eine Orientierung geben und mit ihm einen Bund schließen. Später dann vor dem Einzug ins gelobte Land singt Moses vor dem versammelten Volk ein Loblied auf Gott: „Gott nahm sein Volk als Anteil, er hütete ihn, wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt, der seine Schwingen ausbreitet, ein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt“ (Dtr. 32,11) So beschreibt Moses die Einzigartigkeit Gottes, der sein Volk über alle Widrigkeiten hinweg trägt und schützt. Seine Kraft und sein Weitblick gleichen die eines Adlers, er lässt sein Volk nicht fallen, sondern trägt es, wie der Adler sein Junges, mit seiner Fürsorge durch die Zeit.

An anderer Stelle werden auch die Menschen, die auf Gott vertrauen mit Adlern verglichen: Die aber, die dem Herrn vertrauen schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. (Jes40,31) Der Prophet Jesaia will den Menschen, die in der babylonischen Gefangenschaft müde geworden sind und sich kraftlos fühlen, Mut zusprechen. Wer auf Gott vertraut, bekommt neue Kraft, er kann wie ein Adler die Schwingen erheben und in Freiheit durch die Luft nach Hause segeln. Das Geheimnis des Adlerfluges ist nämlich, dass er gezielt die Thermik nutzt, seine Schwingen ausbreitet und sich tragen lässt, ohne sich anzustrengen. So wie der Adler nicht nur durch eigene Kraft lange fliegen kann, sondern sich von dem Wind tragen lässt, so können auch die Menschen Gottes Geist vertrauen, diese Kraft nutzen und lange aushalten ohne zu ermüden oder zu resignieren.

Wie der majestätische Adler ein kraftvolles Symbol darstellt, so ist das Symbol der Taube ein Gegenstück dazu. Im Alten Testament lässt Gott eine große Flut über die Menschen kommen, weil sie sich weit von ihm entfernt haben und nur noch Böses taten. Allein Noah und seine Familie überlebten in einer Arche, die auf dem Wasser schwamm. Nach einiger Zeit, als der Regen nachließ schickte Noah eine Taube aus, um zu erkunden, ob die Flut zurückgegangen ist und wieder Land in Sicht war. Die Taube kam zurück und hatte einen frischen Ölzweig im Schnabel (Gen 8,11) ein Zeichen, dass Gott die Flut zurückgehen ließ und bereit war, sich wieder mit den Menschen, mit Noah, einzulassen. Die Taube mit dem Ölzweig wird so zu einem Symbol für den Frieden und Versöhnung zwischen Gott und den Menschen und zwischen den Menschen untereinander.

Als Jesus sich im Jordan taufen ließ und damit sein öffentliches Wirken begann, kam der Geist Gottes in Gestalt einer Taube auf ihn herab und eine Stimme sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden (Mk 1,11). Die Taube als Symbol für Reinheit, Wehrlosigkeit und Liebe bietet sich an, um dem Geist Gottes eine Gestalt zu geben. So wird die Taube in der christlichen Tradition ein Symbol für den Geist Gottes, der sich besonders in der Taufe und in der Firmung mit dem Geist des Menschen verbindet.

Adler und Taube, Vögel, ganz unterschiedlicher Prägung werden zu Bildern der göttlichen Kraft und des göttlichen Geistes. Es sind Tiere, die zwischen Himmel und Erde leben, die sich in die Lüfte schwingen und dadurch die Welt ganz anders wahrnehmen können. In der Geschichte der Menschheit und in vielen Kulturen sind sie die Boten der himmlischen Welt. Vielleicht auch deshalb werden die Engel oft mit Flügel dargestellt.

Die  Menschen hatten allerdings nichts Eiligeres zu tun, als die Herrschaft über alles an sich zu reißen. Statt dessen hätten sie sich die Schöpfung besser in Respekt mit der Tierwelt geteilt. Leider fällt ihnen der Gedanke an Ausbeutung bis hin zur Ausrottung leichter als an Achtung und Verantwortung. Ohne Tiere wäre das menschliche Leben gar nicht vorstellbar. Sie bereichern unser Leben auf vielfältige Weise. Längst haben verantwortungsvolle Menschen erkannt, welchen Nutzen sie aus dem pfleglichen Umgang mit Tieren ziehen können, und wie sehr wir auch von ihnen abhängig sind.

Wenn ich etwas länger einem Tier in die Augen schaue, z.B. einem Hund, bin ich überzeugt: hinter diesen Augen muss doch ein Denken stattfinden. Aber der Mensch glaubt das ja besser zu wissen.

Als junges Mädchen hatte ich vor vielen Jahren im Frankfurter Zoo sehr lange mit einem Orang Utan Augenkontakt, der mich neben mehreren Leuten ernst und ruhig anschaute.  Seine hoheitsvolle Erscheinung und sein weiser Gesichtsausdruck faszinierten mich. Ich war gebannt und unfähig, den Blick von ihm zu wenden. Als ob er mich erkannte und durchschaute, fühlte ich auf einmal tiefe Zuneigung zu ihm und blieb noch sehr lange am Gitter seines Geheges stehen. Diese intensive Begegnung hat mich so tief berührt, dass ich sie mein Leben lang nicht vergessen habe.

Gertrud Brem

Bild: namaki/iStock

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