Abschiede – immer wieder auf’s Neue
In sich ruhend und nicht dem Vergangenen verhaftet, zufrieden trotz allem, was nicht zu ändern ist, kann man die eigenen Grenzen und verbliebenen Möglichkeiten getrost akzeptieren. Dennoch ist es ein Privileg des Alters, dass es zahlreiche Abschiede verkraften muss; soziale Kontakte dünnen aus; ebenso müssen im biologischen wie im psychischen Bereich Einschränkungen hingenommen werden. Eine Zeit unaufhaltsamer Abschiede ist gekommen. Abschiede, die man nimmt und Abschiede, die man gibt; wobei erstere naturgemäß häufiger vorkommen.
Der Abschied von Freundinnen und Freunden, mit denen ich viele Jahre eng verbunden war, hinterlässt jedes Mal eine spürbare Lücke. Mit jedem Abschied geht ein Teil von mir selbst und unserem gemeinsam Erlebten verloren. Häufig überkommt mich das Verlangen, über bestimmte Themen, oder Begebenheiten mit einzelnen von ihnen zu sprechen, bevor mir einfällt, dass der oder die Betreffende ja nicht mehr lebt. Dann fühle ich von neuem den schmerzlichen Verlust.
Der Dichter Rainer Maria Rilke beschrieb sehr einfühlsam das Stimmungstief, in das man fällt, wenn nicht zu umgehen ist, was einem die Wirklichkeit abverlangt:
Abschied
Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles unverwundnes
Grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
Noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
Für viele alte Menschen, ob Männer oder Frauen, gehört Abschiednehmen zu den häufigsten Ereignissen in ihrem jetzt still gewordenen Leben. Es ist jedoch nicht der Tod allein, der unwiederbringlich zum Abschiednehmen drängt. Die eigenen körperlichen Einschränkungen bieten reichlich Grund, sich von einst geliebten Fähigkeiten zu verabschieden. Der anhaltende Kräfteschwund, die Altersschwäche, ist nicht länger zu leugnen.
Doch so sehr man gezwungen ist, mangels physischer Kraft auf liebgewordene Gewohnheiten zu verzichten, entschädigen einen die späten Jahre mit einer seltsamen Art von Reichtum. Ich meine den Faltenreichtum der Haut, der einem bleibt, obwohl man nichts lieber täte, als ihn zu verabschieden. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. So habe ich an der Tür einer alten Frau im Pflegeheim den Spruch gelesen: „Wenn ich alt bin, werde ich nur noch nörgeln. Das wird lustig!“
Geduld und Gelassenheit sind Eigenschaften, mit denen alte Menschen punkten können. Da ist die Fähigkeit, Jüngeren bei existenziellen Ängsten mit Rat, wenn auch weniger mit Tat zu helfen, ein wohltuender Zug, den sich Junge gern zunutze machen.
Mit zunehmendem Alter wird alles beschwerlicher. Auf den eigenen Körper ist kein Verlass mehr. Von schwächer werdender Sehkraft und deutlicher werdendem Hörverlust ganz zu schweigen. Da nützt es auch nichts zu meinen, im Alter müsse man nicht mehr unbedingt alles hören und sich überall einmischen. Viel zu schnell gerät man mit einer solchen Einstellung an den sozialen Rand der Gesellschaft.
Manch älterem Semester, das hochbetagt noch selbst Auto fährt, würde ich am liebsten sagen, dass es höchste Zeit ist, Abschied von der Teilnahme am heutigen Straßenverkehr zu nehmen. Ich weiß, wie gut es für den eigenen Selbstwert ist, wenn man eigenständig in der Landschaft und in Städten unterwegs sein kann. Die Reaktionsfähigkeit nimmt jedoch mit zunehmendem Alter ab, und es wird Zeit, sich ab jetzt nur noch chauffieren zu lassen.
Jeder, der sich nicht von seinem Gefährt trennen kann, vergisst gern die Verantwortung, wenn er, oder sie, sich hochbetagt und sich selbst überschätzend, in den gegenwärtigen Autoverkehr begibt. Wie will man damit fertig werden, wenn man vielleicht jemandem an Leib und Leben Schaden zugefügt hat? Versicherungen sind nicht dazu da, Gewissensbissen Absolution zu erteilen. Wer einen Rollator hat, ist auch beweglich!
Neues Gewahrsein der Kostbarkeiten
Wenn sich irgendwann herausstellt, dass man, hochbetagt, nicht mehr allein in seiner Wohnung bleiben kann und rund um die Uhr Beaufsichtigung braucht, verabschiedet man sich wehmütig von seiner ursprünglichen Eigenständigkeit. Auf einmal bedient und bevormundet, fühlt man sich wie ein Kleinkind. Damit Körper und Seele nicht in Zwiespalt miteinander geraten, hilft einem nur, sich von den tradierten Gewohnheiten zu verabschieden und das Unabänderliche zu akzeptieren, weil einem der Seelenfrieden doch heilig ist.
Abschiede von abgelebten Verbindungen und Mitgliedschaften, von Konkurrenzdenken, Ehrgeiz oder Neidgefühlen, erleichtern das eigene Freiwerden von negativen Abhängigkeiten. Niemand hindert einen jetzt daran, bei sich selbst zu bleiben, und sich der Kostbarkeit eines jeden geschenkten Tages bewusst zu sein.
„…Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.“
(Hermann Hesse. Stufen)
Herma Brandenburger
Bild: Julia/Adobe Stock
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