Fällt altes Brauchtum dem Klimawandel zum Opfer?
Nach Aufruf zu Mariä Himmelfahrt wegen Trockenheit: Frauentreff St. Marien von reichhaltigen Kräuterspenden überwältigt
Die weit verbreitete Dürre hat Felder, Wiesen und Gärten austrocknen lassen, sodass die katholischen Kirchorte in diesem Jahr befürchten mussten, dass der am Festtag Mariä Himmelfahrt seit über tausend Jahren gepflegte Brauch der Kräutersegnung den Folgen des Klimawandels zum Opfer fällt. Doch ein Aufruf zur Kräuterspende in der Nassauischen Neuen Presse stieß in St. Marien auf ungeahnte Resonanz. Der dortige Frauentreff sah sich einer so reichhaltigen Vielfalt gegenüber, dass die Frauen 240 Sträuße binden konnten, 20 mehr als im vergangenen Jahr.
Wenn die Limburger Pallottiner und der Kirchort St. Marien am 15. August 2026 zum Hochfest „Mariä Aufnahme in den Himmel“ einladen, strömen Katholiken aus dem ganzen Umland herbei. Denn in der Pallottinerkirche kommt der Gottesmutter eine besondere Wertstellung zu. Für Vinzenz Pallotti, den Gründer der Vereinigung des Katholischen Apostolates, war Maria die Königin der Apostel, Botin des Evangeliums und Verkünderin der Hoffnung. Sie ist damit Schutzpatronin der Gemeinschaft, die seit 1892 in Limburg ansässig ist und eine Marienkirche gebaut hat, deren hundertjähriges Jubiläum am 2. Oktober 2027 gefeiert werden kann.
Dankbarkeit für das Heil, die Schönheit und das Gute in der Schöpfung
Der Rektor des Pallottiner Missionshauses, Pater Alexander Holzbach, dankte in seiner Predigt den vielen Gartenbesitzern, die nach dem Aufruf in der Nassauischen Neuen Presse 23 Frauen des Kirchorts in der Südstadt in die Lage versetzten, im wahrsten Sinne des Wortes „im Schweiße ihres Angesichts“ stundenlang die beliebten Kräuterbuschen zu binden und dafür zu sorgen, dass der uralte Brauch um die Aufnahme Mariens in den Himmel auch in diesem problematischen Klimajahr fortgesetzt werden konnte.
Die Gläubigen verbinden damit die Hoffnung, dass von den Heilkräutern, die auch als „Würzwisch“ bezeichnet werden, eine schützende wie heilende Kraft ausgehen möge. Laut Pater Holzbach gilt es an diesem Tag, Kräuter und Blumen als Zeichen unserer Dankbarkeit für das Heil, die Schönheit und das Gute in der Schöpfung zu segnen. Der Brauch sei aus einer schönen Legende um die Aufnahme Mariens in den Himmel entstanden, die viele Künstler gemalt haben. Es handele sich gewissermaßen um Sommerostern. Demnach habe der Apostel Thomas, der beim Tod Mariens nicht dabei war, die Mutter Jesu nochmals sehen wollen. Doch ihr Sarkophag sei leer gewesen; stattdessen seien darin wohlriechende Blumen und Kräuter gewachsen. Holzbach: „Wir weihen die Kräuter in der Tradition der Kirchenväter und einer Beschreibung in der Bibel, Maria sei die Blume auf den Wiesen und die Lilie der Täler …“
Die reiche Kräuterernte sowie die von weiteren Gläubigen zur Segnung mitgebrachten Sträuße finden in den Häusern ihren ausgewählten Platz. In diesem Jahr standen – mit Ausnahme von Rainfarn, Goldrute und Schafgarbe – überwiegend Gartenkräuter zur Verfügung. Dazu gehörten unter anderem Zitronenmelisse, Bohnenkraut, Salbei, Pfefferminze, Basilikum, Johanniskraut, Wermut, Rosmarin und Thymian. Die Frauen bedanken sich bei allen, die Kräuter gesammelt, mitgebracht und beim Binden und Aufräumen tatkräftig mitgeholfen haben.
Den festlichen Gottesdienst feierten die Pallottiner mit den Gläubigen, die sich an der Mitwirkung der stimmkräftigen gemischtstimmigen Schola unter der Leitung von Wolfgang Haberstock und der Orgelbegleitung durch Frank Sittel erfreuen durften. Sie und die fleißigen Frauen ernteten einen kräftigen, dankbaren Applaus.

Bericht und Foto: Dieter Fluck

Was muss in einen Limburger Würzwisch?
Für den traditionellen Kräuterstrauß zu Mariä Himmelfahrt am 15. August, regional auch „Kräuterbuschen“ oder „Würzbüschel“ genannt, gibt es keine überall verbindliche Zusammenstellung. Je nach Region und Pfarrort werden unterschiedliche Heil-, Würz- und Feldkräuter gebunden.
Sehr typisch ist eine Königskerze in der Mitte, darum beispielsweise Johanniskraut, Schafgarbe, Kamille, Salbei, Minze, Beifuß, Wermut, Baldrian, Dost/Oregano, Thymian, Frauenmantel, Labkraut und Rainfarn. Oft kommen außerdem Getreideähren, etwa Weizen, Roggen, Hafer oder Gerste, sowie Blumen aus Garten und Feld dazu.
Je nach Tradition spielt auch die Anzahl der Kräuter eine Rolle. Häufig sind es 7, 9, 12 oder 15 Kräuter. Die Zahlen werden christlich oder volkstümlich gedeutet; eine einheitliche Regel gibt es aber nicht.
Für Limburg an der Lahn bzw. das Limburger Land heißt der Kräuterstrauß traditionell häufig „Würzwisch“. Eine fest vorgeschriebene Pflanzenzahl gibt es nicht. Traditionell werden auch hier meist Heil- und Würzkräuter, Wiesenblumen und Getreide gebunden.
Sammelbild Würzwisch: Josef Eberhard / ChatGPT Image
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