Wenn Schmerz keine klare Ursache hat

Dr. Michael Petermeyer spricht in der Reihe „Zeitzeichen“ über körperlichen und sozialen Schmerz

Klagen heute mehr Menschen über Schmerzen als vor 50 oder 100 Jahren? Es gibt nicht wenige, die von Arzt zu Ärztin laufen, und keine*r kann eine Ursache finden. Für den Leiter des regionalen Schmerzzentrums in Diez, Dr. Michael Petermeyer, ist es oft ein mühsames und belastendes Geschäft, wenn Patientinnen und Patienten zum fünften oder sechsten Mal im Quartal bei ihm anklopfen. Nicht etwa, weil er dafür nur einmal eine Behandlungspauschale bekommt. Er sagt: „Sie leiden ganz massiv, aber häufig stehe auch ich als Arzt hilflos da.“ Es sind Zeichen der Zeit, weshalb sich die am Limburger Kirchort St. Marien etablierte Vortragsreihe „Zeitzeichen“ mit diesem Problem unserer Zivilisation näher befasst.

Das große Interesse an diesem Thema machten rund 60 Besucherinnen und Besucher deutlich, die im Missionshaus der Pallottiner den Pater-Andreas-Stock-Raum füllten. „Schmerzen lassen sich nicht objektiv messen. Sie sind immer subjektiv. Frage ich einen Patienten, wie er seine Schmerzen auf einer Skala von null bis zehn einordnen würde, bekomme ich schon mal die Antwort: zwölf“, führte Petermeyer aus. Ein Ruderer im Team habe doppelt so viele Schmerzen, als wenn er alleine trainiert.

„Alles, was wir Ärzte machen, hat zu 30 Prozent einen Placeboeffekt“

„Kinder haben in der Regel nur Bauchschmerzen, ältere Menschen haben Rücken“, weiß der Schmerzdoktor. Oft seien Patientinnen und Patienten schon entlastet, wenn eine Ursache festgestellt werden konnte. Dennoch stünden Ärztinnen und Ärzte bei 85 Prozent ihrer Patientinnen und Patienten vor einem Rätsel. Beispielsweise, wenn eine Patientin klagt: „Mir tut alles weh.“ Viele Befunde seien altersentsprechend. „Ob jemand gesund ist, hängt davon ab, wie viele Untersuchungen man macht“, gibt Petermeyer mit einem Augenzwinkern an seine Zuhörer weiter und fügt hinzu: „Alles, was wir Ärzte machen, hat zu 30 Prozent einen Placeboeffekt.“

Mit Fragebögen versucht der Facharzt, den Schmerz visuell zu messen. Dabei bestätigt sich in vielen Fällen: Es bedarf keiner körperlichen Ursache, um Schmerzen zu haben. „Dahinter verbergen sich Depressionen, Angst, Schlafstörungen oder Gewalterfahrungen“, weiß Petermeyer und berichtet von Aussagen wie: „Wenn ich keine Schmerzen hätte, dann hätte ich auch keine Depressionen.“ Dabei verlaufe die Ursache gerade umgekehrt.

Existenzielle Bedrohung: Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen realem und sozialem Schmerz

„Grundsätzlich ist der Schmerz ein existenzieller Schutzfaktor unserer Existenz. Er ist hochdynamisch und bewahrt uns vor einer Bedrohung“, führt Petermeyer aus und fügt hinzu: „Vor 20 Jahren wurde der soziale Schmerz ein Thema.“ Studien hätten zu der Erkenntnis geführt, dass durch soziale Ausgrenzung ähnliche Hirnregionen aktiviert werden wie beim körperlichen Schmerz, ja sogar chronische Schmerzen verursacht werden können. Das Gehirn unterscheide nicht zwischen realem und sozialem Schmerz. Beides stelle für den Menschen eine existenzielle Bedrohung dar. Was im Gehirn passiert, wenn wir ausgegrenzt sind, stellte der Facharzt anhand einer MRT-Untersuchung bildlich dar. Gleiches erführen Betroffene bei Mobbing, dem Tod eines Angehörigen oder anderen schmerzlichen Ereignissen. Diese würden bei der Suche nach den Ursachen körperlicher Schmerzen unterschätzt. Der soziale Schmerz ist eine unsichtbare Wunde.

„Wir sind soziale Wesen. Vereinzelung ist eine existenzielle Bedrohung“, sagt der Diezer Facharzt, der bei vielen seiner Patientinnen und Patienten eine psychosoziale Indikation diagnostiziert. Da helfe oft eine Reha-Gruppe, sich aus dem Tief zu befreien. Im kirchlichen Bereich sei es das gemeinschaftliche Erleben, das über schmerzliche Einschnitte des Lebens hinwegtrage, führte Petermeyer mit Blick auf den Veranstaltungsort seines Vortrags aus. Eine Studie mit 90 Frauen in den USA sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Suizidrate unter den Probandinnen, die mit der Kirche nichts am Hut hatten, höher lag als bei regelmäßigen Kirchgängerinnen.

„Sie entwickeln lieber Rückenschmerzen, als ihr Muster aufzugeben“

Schmerz entstehe auch bei Menschen, die nicht Nein sagen können: die bis zum Umfallen arbeiten, weil sie geliebt werden wollen oder um ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen. „Sie entwickeln lieber Rückenschmerzen, als ihr Muster aufzugeben“, weiß der Diezer Mediziner aus langjähriger Erfahrung und spricht von einem unmenschlichen Selbstbild. „Eigentlich wollen wir alle geliebt werden und dazugehören.“ Zusammen zu kochen und gemeinsam zu essen, das sei die beste Therapie. Zum Schluss hatte der Therapeut noch einen nützlichen Tipp an alle Chefs: „Sorgen Sie in Ihrem Betrieb für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Das trägt immens zum Wohlgefühl und zu einem geringen Krankenstand bei.“

Die Vortragsreihe „Zeitzeichen“ gibt es seit über 30 Jahren. Sie geht auf eine Idee und Initiative von Pater Bernhard Pieler zurück und wird heute von Dr. Peter Jentzmik gestaltet. Es ist eine Veranstaltung des Kirchorts St. Marien der Pfarrei Katharina Kasper Limburger Land und des Missionshauses der Pallottiner in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Limburg und Wetzlar, Lahn-Dill-Eder (KEB). Veranstaltungsort ist der Pater-Andreas-Stock-Raum im Missionshaus der Limburger Pallottiner, über der Pallottiner-Buchhandlung. Das Zeitzeichen: „Sozialer Schmerz – die unsichtbare Wunde unserer Zeit“ fand am Montag 20. April 2026, von 20.00 bis 21.30 Uhr statt.

Beitrag und Foto: Dieter Fluck

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