Südamerikareise von Pater Reinhold Maise SAC

Zukunft gibt es nur gemeinsam

Bericht über eine Reise vom 7.12.2023 - 10.1.2024 nach Südamerika
Von Missionssekretär P. Reinhold Maise SAC

Auf den Schnellstraßen in Brasilien sind die Abfahrtsschilder mit „Retorno“ beschriftet. Abfahren gibt die Möglichkeit, umzukehren; zurückzukehren an den Ort, woher man kommt. „Retorno“ – ich finde, das passt sehr gut zu meiner Reise nach Südamerika.

Schon meine Reiseroute beschreibt das Losgehen und das Zurückkommen: Am 7. Dezember 2023 bin ich inmitten von Schnee und Kälte in den Sommer der Südhalbkugel aufgebrochen und in Buenos Aires, Argentinien, angekommen. Von hier aus startete ich meine Rundreise, die mich nach sieben Tagen von Buenos Aires mit dem Schiff über den Rio de la Plata nach Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, führte.

Von dort ging es am 21. Dezember ganz in den Nordosten Brasiliens, in den Bundesstaat Maranhão. Auf dem Weg zurück in den Süden durchquerte ich ab dem 27. Dezember die Staaten Piaui, Bahia und Parana; ich besuchte die Mitbrüder in den Städten Sao Paulo und Londrina, Arapongas, Curitiba, Cornelio Procopio und Porto Alegre. In Ilheus konnte ich sogar einen Tag am Atlantik verbringen. Die Stadt Santa Maria im Zentrum von Rio Grande de Sul war die letzte Station und damit war ich wieder im Süden, an der Grenze zu Argentinien und Uruguay.

Mehrere tausend Kilometer hatte ich mit dem Flugzeug und dem Auto zurückgelegt. Und schließlich, am 10. Januar, kehrte ich aus dem südamerikanischen Sommer in den europäischen Winter zurück. Wieder in Kälte und Schnee.

Südamerikareise von Pater Maise
Regio Argentinien
Friedhof der Regio der Pallottiner in Argentinien
Südamerikareise von Pater Maise 2023/24

Besuch bei den deutschen Mitbrüdern

Der erste Grund meiner Reise war: Ich wollte die fünf deutschen Mitbrüder besuchen, die noch in Südamerika leben. In der Regio Argentinien ist es Br. Edwin Schmitt, der in Munro bei Buenos Aires im Haus der Gemeinschaft lebt und als Diakon in der Pfarrei mitarbeitet; in der Regio Uruguay arbeitet P. Erich Fecher in Durazno in der Pfarrseelsorge mit, dasselbe tut P. Bernhard Godbarsen in der Pfarrei Sao Vincente Pallotti in Montevideo. In Brasilien, in der Sankt Pauls Provinz, in Londrina, versieht P. Franz Schneider mit über 90 Jahren in großer Treue seinen Dienst im Beichtstuhl, und im Nordosten im Bundesstaat Maranhão sorgt sich P. Sepp „Jose“ Wasensteiner als Pfarrer um die Menschen in der Pfarrei Nossa Senhora dos Remedios (Unsere Liebe Frau von den Heilmitteln), in der Stadt Timbiras selbst und in den zahlreichen entfernt gelegenen Dörfern des Interior, die zur Pfarrei dazu gehören.

Zurück zu den Anfängen

Mit den Besuchen tauchte ich ein in die weit zurückreichende Geschichte der deutschen Pallottiner in Südamerika und auch in ihr bedeutungsvolles Wirken: Noch bevor Pater Heinrich Vieter und weitere Mitbrüder in Kamerun im Jahr 1892 ankamen, brachen von Massio in Oberitalien im Jahr 1886 unter anderen auch deutsche Pallottiner auf nach Uruguay und Brasilien. Sie wurden gerufen zur Seelsorge an den deutschen und italienischen Einwanderern in diesen Ländern.

Für mich als ein Pallottiner der jüngeren Generation ist es schon sehr bewegend die Orte der Anfänge zu besuchen: die Lourdes-Kirche in Montevideo und die Pfarrkirche und das Seminar in Vale Veneto bei Santa Maria (im Bundesstaat Rio Grande do Sul).
1925 kam dann P. Zeus als erster nach Buenos Aires und im Jahr 1929 betrat P. Isidor Keppeler in Jacarezinho, Parana, brasilianischen Boden.
Diesen Mitbrüdern und ihrer Bereitschaft, sich auf das Fremde und Ferne einzulassen, ist es zu verdanken, dass es bis heute ein so fruchtbares pallottinisches Leben und Wirken in diesen Ländern Südamerikas gibt.

Letztlich ist auch der süddeutsche Teil der heutigen deutsch-österreichischen Pallottinerprovinz in Südamerika gegründet worden: Das St. Paulusheim in Bruchsal wurde 1915 als Niederlassung der Amerikanischen Provinz in Deutschland gegründet.

An den Gräbern einiger Pioniere in Uruguay, Argentinien und Brasilien habe ich ihnen von Herzen für ihren Einsatz gedankt. Und so bald wie möglich möchte ich auch die Mitbrüder besuchen, die ebenfalls viele Jahre hier in Südamerika verbracht und die Tradition weitergetragen haben, nun aber im Ruhestand nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Was macht Weihnachten aus?

Ich habe Weihnachten in Timbiras erlebt, einer Stadt im Nordosten Brasiliens, im Bundesstaat Maranhão. Ich habe die Feiertage bei meinem Mitbruder Sepp „Jose“ Wasensteiner verbracht. Seit über 30 Jahren lebt er hier in einer der ärmsten Regionen Brasiliens. Er ist nicht nur Pfarrer und Generalvikar, sondern auch Brunnenbauer und Sozialarbeiter. Hier leben auch Pallottinerinnen: Drei Schwestern in Timbiras und drei in Codo.

Im Vorfeld der Reise wurde ich bedauert, Weihachten nicht zuhause in Deutschland mit den gewohnten Traditionen erleben zu können. Doch es gab zu keiner Zeit einen Grund für ein Bedauern meinerseits. Im Gegenteil sah ich darin für mich die Chance, weit entfernt von allen Gewohnheiten das eigentliche von Weihnachten wieder zu entdecken: Wenn es nicht kalt und dunkel ist, wenn es keine Plätzchen, Lebkuchen und Glühwein gibt, sondern bei Asado und Churasco gegrilltes Fleisch und Bier serviert wird bei gleißender Sonne und schwülwarmen 36 Grad Celsius: Worum geht es an Weihnachten? Was feiern wir eigentlich? Was bedeutet es, dass Gott Mensch wird?

Eine Antwort bekam ich beim Besuch des Projektes „Haus der Mutter der göttlichen Liebe“ unseres Mitbruders Padre Orlando: Im Jahr 2007 hat er in Codo ein Haus für suchtkranke Männer eröffnet. Während eines neunmonatigen Aufenthaltes bekommen sie die Chance, frei zu werden von ihrer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Der Therapieansatz geht von der Liebe aus und soll die Männer Fürsorge erfahren lassen: Hier gibt es Menschen, die sich kümmern und sorgen und denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Sie sollen zu Heilung finden, in Freiheit ihr Leben gestalten lernen und wieder zurück finden in Familie, Gesellschaft und Arbeit.
Ist das nicht eine wunderbare Umschreibung dessen, was Gott mit seiner Menschwerdung bezweckt? Dass Menschen wieder ins Leben finden? Gerne hätte ich eine Krippe in die Mitte unserer Gesprächsrunde gestellt, denn im Erleben der Männer und in ihren Erzählungen geschah für mich Weihnachten. Ich bin von diesem Ort Weg gefahren mit dem Gefühl, zur eigentlichen Bedeutung von Weihnachten für mich persönlich (zurück) gefunden zu haben.

Noch lange habe ich nicht die ganze Welt gesehen. Doch inzwischen sind es schon einige Länder und Kulturen, die ich bereisen und erleben durfte. Auf dieser Reise, beim Beobachten der Menschen wurde mir diesmal aber noch einmal mehr bewusst: Überall auf der Welt, egal wo und egal zu welcher Zeit, hat jeder Mensch das Recht auf ein gutes Leben. Warum sonst sollte uns Gott in diese Welt gesetzt haben? Darum gibt es uns Menschen, darum haben wir dieses Leben: Dass wir es gut leben und erleben und wir es schön haben. Die einen haben nicht den anderen zu dienen. Niemand darf auf Kosten anderer leben. Das Leben ist Gottes Geschenk an jeden Menschen. Not, Leid, Elend, Tod haben darin eigentlich keinen Platz und schon gar keinen Sinn. Doch leider gibt es sie. Deshalb wurde Gott Mensch, um seinen ursprünglichen Wunsch für den Menschen kompromisslos einzulösen. Diese Erfahrungen von Weihnachten sind für mich persönlich das schönste Geschenk, dass ich in diesem Jahr bekommen habe.

Verändert heimgekehrt

Im Evangelium zum Fest Erscheinung des Herrn heißt es bei Matthäus, dass die Weisen auf einem anderen Weg zurückkehrten in ihr Land (vgl. Mt 2,1-12).
Ich bin zwar auf die gleiche Art und Weise und auf dem gleichen Weg nachhause zurückgekehrt, und zwar mit dem Flieger über den Atlantik, doch nicht als derselbe. Ich habe intensiv gelebt und vieles erlebt und das lässt mich anders heimkommen: Ich bin zurück mit einer noch größeren Freude darüber, dass wir Pallottiner weltweit miteinander verbunden sind – aufgrund unserer gemeinsamen Spiritualität, aber auch durch unsere vielfach gemeinsame Geschichte. Ich freue mich sehr auf die Zukunft, denn sie gibt es, weil wir zueinander gehören, und wir sie miteinander gestalten. Zukunft gibt es nur gemeinsam.

Reisebericht & Bilder: P. Reinhold Maise SAC, Missionssekretär der Pallottiner

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