Maranhão Bundesstaat in Brasilien

Die Reichen leiden Langeweile,
die Armen Hunger

Brasilien: Wie Pallottiner-Pater Sepp Wasensteiner die Corona-Krise erlebt

Brasilien wird allmählich zum Brandherd in der Corona-Krise, die Totenzahlen schnellen nach oben, die Regierung versucht, die Lage zu verharmlosen und die am meisten Betroffenen sind die Armen. Mittendrin: der Pallottiner-Pater Sepp Wasensteiner. Er lebt seit 28 Jahren in Brasilien und hat dieses Jahr eine neue Pfarrei in Timbiras übernommen, der pallottinischen Wiege im Bundesstaat Maranhão.

Die Corona-Welle hat den Pater und seine Pfarreiangehörigen seit über zwei Monaten voll erfasst. Es gibt Tote, Kranke, Isolierte, Einsame und psychische Kranke. Angst und Depression greifen um sich. In einem Brief an seine deutsche Heimatprovinz schreibt Pater Wasensteiner vor kurzem, dass etwa einen Monat nach seiner Einführung als Pfarrer im Februar die Covid-19-Krise voll begann. Von heute auf morgen hätten die Fälle von Corona-Infizierten „dramatisch zugenommen“.
„Die Welle kommt jetzt hier an“, erzählt er. Zuvor sei Maranhão der einzige Bundesstaat ohne Infizierte gewesen, Ende Mai seien bereits weit über 21.000 Infizierte, bei über 800 Toten gezählt worden. Der Lockdown in São Luis habe nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Wie der Nachrichtensender ntv jetzt Mitte Juni berichtet, nähert sich die Zahl der Corona-Toten in Brasilien der Marke von 50.000.

Der Aufruf zu Hause zu bleiben, verweht im Wind

In Timbiras, wo Wasensteiner Pfarrer ist, habe es Ende Mai bereits über hundert Fälle von Coronavirus-Erkrankten gegeben. „Aber es werden rasch noch viel mehr werden“, prophezeit Wasensteiner und fügt hinzu: „Was man so von vielen Bekannten hört, die, inzwischen infiziert sind, ist die Dunkelziffer mit Sicherheit noch viel höher. In den großen Städten heißt es, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten bei etwa sieben Mal höher liegt als die offiziellen Statistiken berichten.“
Und immer wieder sind es die Armen, die leiden, wie Pater Wasensteiner berichtet: Die brasilianische Regierung habe zwar eine finanzielle Spritze für die Armen von je hundert Euro für drei Monate freigestellt. „Wenigstens das, aber auf der anderen Seite haben wir kilometerlange Menschenschlangen vor den Banken, um das Geld zu bekommen, und der Aufruf, zu, Hause zu bleiben, verweht im Wind“, klagt Wasensteiner und verweist auf das katastrophale Gesundheitssystem in Brasilien. Es gebe keine Betten, keine Beatmungsgeräte, und die schwächeren Personen seien automatisch dem Tod preisgegeben. „Ärzte im Krankenhaus in São Luis sehen machtlos zu, wie ihnen die Leute aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten wegsterben und ein guter Teil von Ärzten und Krankenpersonal ist inzwischen auch schon angesteckt“, berichtet der Pallottiner und fragt: „Wie wird es weitergehen?“ Zu allem Überfluss zur Krise auf dem Gesundheitssektor komme nun auch noch eine politische Krise, bei der er einen Bürgerkrieg nicht für ausgeschlossen hält.
„So leben wir seit 20. März, also, über zwei Monate schon in Quarantäne, ohne Schulunterricht, ohne öffentliche Gottesdienste oder Versammlungen, geschlossene Läden, das öffentliche Leben liegt still“, so Wasensteiner. „Wie lange werden es die Menschen aushalten, die zum Großteil von der Hand in den Mund leben, ohne Gehalt und ohne festes Einkommen.“ Als Fazit zitiert Pater Wasensteiner einen Politiker, der auf die krasse soziale Ungleichheit in Brasilien hingewiesen habe: „Die Reichen leiden Langeweile, und die Armen leiden Hunger.“

Pater Sepp Wasensteiner
Pater Sepp Wasensteiner

Die deutsch-österreichische Pallottinerprovinz hat eine Spendenaktion „Corona-Hilfe“ ins Leben gerufen, die weltweit Corona-Opfer unterstützen soll.

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Bilder: Josef Eberhard, Sepp Wasensteiner, Negro Elkha Adobe Stock (Flagge von Maranhão)

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