
Das Bierzelt wird zum „Wallfahrtszelt“
Beim Friedberger Volksfest 2026 predigt Pater Lentz darüber, was in Lebensstürmen Halt gibt
Zumindest für eine Stunde lang wurde das Bierzelt beim Friedberger Volksfest zum „Wallfahrtszelt“. So hat es der Rektor der Friedberger Pallottiner, Pater Christoph Lentz, am Ende des von ihm zelebrierten Zeltgottesdienstes genannt. Aus gutem Grund: Kirchgänger, die sonst die Stadtpfarrkirche oder die Pallotti-Kirche besuchen, waren mit anderen „Wallfahrern“ quasi auf den Volksfestplatz gepilgert, da die Hauptgottesdienste in den Kirchen extra pausierten.
Eine gute Viertelstunde vor Beginn hielt sich der Andrang aber noch in Grenzen. „Warte ab“, blieb Pater Lentz zuversichtlich. Und Lektor Michael Busse-Roth sagte zu Recht voraus, dass die Friedberger erfahrungsgemäß erst kurz vor Beginn des Gottesdienstes kämen. Auch die Aretsrieder Musikanten hatten wegen einer Straßensperrung auf der Anfahrt aus den Westlichen Wäldern Verspätung. Sogar Dirigent Thomas Schneider kam auf den letzten Drücker. „Viele rote Ampeln“, erklärte er. Von Nervosität war trotzdem nichts zu spüren. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagte Pater Lentz über die Musikkapelle, die den Friedberger Zeltgottesdienst seit etwa zehn Jahren umrahmt. Pünktlich um 10 Uhr waren alle startklar, und die meisten Bierbänke waren nun besetzt, wenn auch nicht dicht gedrängt. Festwirt Thomas Kempter schätzte die Besucherzahl auf etwa 600 und meinte: „Bestimmt mehr als in der Kirche.“
Zeltgottesdienst-Challenge auch 2026 noch nicht erreicht
Allerdings waren es weniger als am Vorabend an derselben Stelle, als die Alpenrock-Partyband „Rockspitz“ spielte. Der schon in den Jahren zuvor geäußerte Wunsch von Pater Lentz, das Festzelt beim Gottesdienst genauso voll zu bekommen wie bei der Party am Vorabend, war also wieder nicht in Erfüllung gegangen. „Aber wir arbeiten weiter daran“, will der Zelebrant nicht lockerlassen. Jedenfalls freute er sich über den schönen Ausblick auf die bunte Vielfalt der Besucher.
Darunter war auch Friedbergs Zweiter Bürgermeister Richard Scharold. Er kannte noch den Initiator der Friedberger Zeltgottesdienste, Pallottiner-Pater Heinz Peter Schönig (1927-2003). Dieser wirkte als katholischer Zirkus- und Schaustellerseelsorger über Deutschland hinaus. Pater Schönig hat sogar Scharolds Sohn Rainer getauft. Allerdings kam Richard Scharold früher nicht dazu, die Zeltgottesdienste zu besuchen. Stattdessen lieferte der Bäckermeister damals Semmeln und Brezen in das Festzelt. Seit einer Weile holt er die früher arbeitsbedingt ausgebliebenen Messbesuche beim Volksfest nach.
Auf das Haltgebende schauen: „Fürchtet euch nicht“
Zu Beginn seiner Predigt sprach Pater Lentz davon, dass die Besucher vermutlich mal mit Vorfreude auf das Fest, mal mit Sorgen im Gepäck gekommen waren. Der Rektor des Friedberger Pallotti-Hauses stellte die Worte Jesu „Fürchtet Euch nicht“ aus dem Tages-Evangelium in den Mittelpunkt. Jesus beruhigte damit die verängstigten Apostel in deren Boot auf stürmischer See, als er über Wasser zu ihnen wandelte. Der Friedberger Pallottiner-Rektor sagte, dass der Satz „Fürchtet euch nicht“ in verschiedenen Varianten angeblich 365-mal in der Bibel vorkommt – einmal für jeden Tag des Jahres. Und diese drei Worte Jesu galten laut Pater Lentz nicht nur den Jüngern, sondern allen Menschen, auch denen in Friedberg.
Er verglich die heutige Situation mit der der Jünger in ihrem Boot: „Nichts scheint mehr sicher. Alles um einen herum schwankt.“ Er sprach Schicksalsschläge wie Krankheit und Tod sowie globale Herausforderungen wie Klimawandel und Kriege an. Furcht lasse sich nicht auf Knopfdruck überwinden. „Schon gar nicht, wenn sie begründet und die Ursache der Furcht nicht behoben ist“, predigte Pater Lentz. Furcht könne lähmend wirken, handlungsunfähig machen. Dann könne man den Boden unter den Füßen verlieren. Es gehe darum, etwas Haltgebendes zu finden, damit sich die Wogen der Lebensstürme glätten. In der Bildersprache des Evangeliums legte sich der Wind und Jesus streckte die Hand für den ängstlichen Petrus aus. „Viele haben das so erfahren, dass Gottes Hand sie in all ihren Lebensstürmen hält und sich dadurch fester tragfähiger Boden unter die Füße schiebt“, so Pater Lentz. Er ermunterte dazu, die Worte „Fürchtet euch nicht“ als Einladung zu verstehen, „auf das Haltgebende, auf den Haltgebenden zu schauen.“
Nach dem Abschlusssegen wurden die Zapfhähne geöffnet
Nach den geistlichen Worten empfahl der Prediger noch sitzen zu bleiben. Denn zu einer „gscheiten Wallfahrt“ in diesem Fall ins Bierzelt gehöre auch eine Brotzeit dazu. Nach dem Abschlusssegen konnten die Zapfhähne geöffnet werden. Festwirt Thomas Kempter und sein Team hatten bis dahin geduldig gewartet. Pater Lentz hat das andernorts schon anders erlebt. Nach dem ungeduldigen Motto: „Schaut’s, dass ihr endlich fertig werdet mit dem Gottesdienst.“ Und um seinen Wunsch nach einer Besucherzahl wie bei einer Partyband zu erfüllen, bat Pater Lentz die „Wallfahrtszelt“-Kirchgänger: Im nächsten Jahr sollte jeder noch eine weitere Person mitbringen.



Bericht und Bilder: Andreas Schmidt
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