
Pater Steffen Brühl verlässt Friedberg nach fast 20 Jahren
Mit seinem Abschied endet auch die Zeit von St. Jakob als Einzelpfarrei
„Was haben wir eigentlich früher gemacht, als es das Divano noch nicht gab?“ Als Pater Steffen Brühl diesen Satz in den letzten Tagen gehört hat, war das für ihn eines der schönsten Komplimente. Für den Pallottiner zeigt dieser Satz, dass die Idee einer offenen Kirche mitten unter den Menschen in Friedberg (Bayern) angekommen ist. Doch nun geht seine Zeit hier zu Ende. Nach fast zwei Jahrzehnten in Friedberg, davon 13 Jahre als Seelsorger in St. Jakob und die letzten neun Jahre als Pfarrer, verlässt Brühl Ende August die Stadt. Er wird nach Limburg versetzt und tritt dort zunächst ein Sabbatical an.
Mit seinem Abschied wird ein neues Kapitel der Friedberger Kirchengeschichte aufgeschlagen. Die Stadtpfarrei St. Jakob gehört der Vergangenheit an, Brühl war der letzte Stadtpfarrer. Künftig werden die fünf Pfarreien Derching, Friedberg, Haberskirch, Stätzling und Wulfertshausen zu einer Pfarreiengemeinschaft zusammengeführt. Ein neues Priesterteam mit einem leitenden Pfarrer übernimmt dann die Verantwortung.
„Ich war länger Friedberger, als ich bei meinen Eltern gelebt habe“, sagt Brühl. „Entsprechend schwer fällt mir der Abschied. Ich habe unwahrscheinlich gerne in Friedberg gelebt.“ So ist seine Handschrift auch an vielen Stellen in der Stadt sichtbar.
Klare Kante für Freiheit und Demokratie
Brühl war nie ein Pfarrer, der sich im Pfarrhaus versteckt hat. Wenn es um die Grundwerte unseres Zusammenlebens ging, zeigte er öffentlich Gesicht. Dass ihm dies auch persönliche Anfeindungen und Drohungen einbrachte, hielt ihn nicht davon ab.
Er gehörte zu den Mitbegründern des Friedberger Bündnisses für Demokratie und Vielfalt und war Mitorganisator der Kundgebung „Demokratie verteidigen“ im Januar 2024. Vor rund 2.000 Menschen hielt er eine der Hauptreden und führte anschließend gemeinsam mit vielen Gemeindemitgliedern den Demonstrationszug durch die Friedberger Innenstadt an.
Mit seinem Einsatz für Demokratie und gegen Rechtsextremismus fand der Friedberger Stadtpfarrer bundesweit Beachtung. So berichteten unter anderem die ARD-Tagesthemen über ihn und sein Engagement.
Für Brühl gehört der Einsatz für Menschenwürde, Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit zum christlichen Auftrag.
Das Divano als Wohnzimmer der Stadt
Besonders im „Divano“, dem Ort der Begegnung mitten in der Stadt, wird Brühls Haltung greifbar. Es ist zu einem soziokulturellen Treffpunkt in Friedberg geworden – unabhängig davon, welcher Religion jemand angehört oder welcher Herkunft er ist. Hier ist jeder willkommen, ganz ohne Konsumerwartung, aber mit einem offenen Ohr.
„Hier kommt man viel leichter ins Gespräch als zum Beispiel in einem sterilen Pfarrbüro“, sagt Brühl. Bei einer Tasse Kaffee erzählten die Menschen plötzlich ungefiltert von ihren Sorgen, Brüchen und Hoffnungen.
Zu den letzten Projekten seiner Amtszeit gehörte es, die Stadtbücherei St. Jakob und das Divano räumlich zusammenzubringen und so einen sogenannten Dritten Ort zu schaffen, der jedem offensteht und über Familie und Arbeitsplatz hinausgeht. Die damit verbundene Modernisierung der Bücherei hat Brühl noch maßgeblich begleitet – auch wenn er ihre Fertigstellung selbst nicht mehr miterleben wird.
Kirche nicht irgendwann, sondern jetzt
Ein echter Kraftakt war für den Pallottiner der Aufbau einer eigenständigen, gemeindezentrierten Jugendarbeit. Heute machen die Jugendlichen in St. Jakob nicht nur „ihr Ding“, sie reden in der Pfarrei mit und übernehmen Verantwortung.
Brühls Credo: „Die Jugend ist nicht nur die Zukunft der Kirche. Sie gestaltet schon heute ihre Gegenwart.“







Altes Gemäuer, neue Botschaft
Die dreijährige Generalsanierung der Wallfahrtskirche St. Afra im Felde von 2021 bis 2024 war für Brühl weit mehr als die Sanierung eines historischen Kirchengebäudes.
Die Kirche sollte nicht nur restauriert, sondern auch neu gedacht werden: als ein Ort, an dem die Themen, für die die heilige Afra steht – Flucht und Vertreibung, prekäre und ausbeuterische Lebensverhältnisse sowie das Ringen um die freie Ausübung der Religion –, Raum finden und an dem gleichzeitig deutlich wird, wie aktuell diese Fragen leider bis heute geblieben sind. So wird die älteste Märtyrerin unseres Landes zu einer modernen Mahnerin und die Wallfahrtskirche St. Afra im Felde zu einem Ort, der das Gedenken wachhält.
Brühl spricht rückblickend davon, dass hier „ein barockes Kleinod wachgeküsst“ wurde.
Zwischen Altar, Kunst und Kontroverse
Für Brühl waren die Friedberger Kirchen nie nur Orte für Gottesdienste. Für ihn waren sie Begegnungsräume – für Begegnungen zwischen Menschen und mit Gott. Immer wieder wurden die Kirchen zu Ausstellungsräumen, Konzertorten oder Bühnen für ungewöhnliche Projekte. Mal stieß das auf Begeisterung, mal auf Widerspruch. Für Diskussionen sorgte etwa eine Installation zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche im Frühjahr 2022 in der Stadtpfarrkirche.
Auch Projekte wie „Interstellar“, das aus St. Jakob einen scheinbar entgrenzten Raum aus Klang, Licht und Wort machte, oder die Beschäftigung mit dem Reismiller-Altarbild von 1725 zeigten, dass Brühl Kultur nie als schmückendes Beiwerk verstand. Sie sollte Menschen ins Gespräch bringen – über Geschichte, Glauben und die Fragen der Gegenwart.
Kirche zeigt sich im Handeln
Brühl, der auch Caritas-Pfarrer des Landkreises war, bemühte sich darum, die kirchlichen und sozialen Einrichtungen der Stadt enger zusammenzubringen. „Hier hätte ich noch mehr Zeit gebraucht, aber die ersten Schritte sind getan“, sagt Brühl.
Ihm war es ein großes Anliegen, die Pfarrei als verlässlichen Partner besonders im sozialen Bereich zu etablieren. „Kirche ist kein elitärer Club von Frommen, die nur die Tradition pflegen“, stellt der Stadtpfarrer klar. „Kirche, das sind die, die da helfen, wo Hilfe nötig ist – und zwar ohne Ansehen der Person.“
Abschied ohne großes Tamtam
Auf die Abschiedsfeier angesprochen, sagt Brühl, dass er kein großes „Tamtam“ wolle.
„Wenn ich auf meine Zeit in Friedberg zurückblicke, muss ich an den Apostel Paulus denken: ‚Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen.‘ Ich habe in St. Jakob vieles vorgefunden, das ich weiter begleiten durfte. Ich hatte das große Glück, auch neue Akzente setzen zu können. Jetzt werden andere weitermachen. Und ich bin sicher, dass Gott es weiter wachsen lässt.“
Pater Steffen Brühl wird sich am Sonntag, 26. Juli 2026, im Rahmen des Patroziniums von seiner Gemeinde verabschieden. Um 10 Uhr beginnt der Festgottesdienst mit Kirchenchor und Pfarrorchester in der Stadtpfarrkirche St. Jakob. Danach geht es mit dem Pfarrfest weiter.
Auf große Abschiedsreden wird am Sonntag bewusst verzichtet. Die offiziellen Dankesworte werden bereits beim sommerlichen Empfang des Pfarrgemeinderates am Vorabend gesprochen. Seinen letzten Gottesdienst in Friedberg feiert Brühl am Sonntag, 30. August 2026.


Beitrag & Bilder: Katholische Pfarrei St. Jakobus major, im bayerischen Friedberg
Fotografen: Julian Schmidt, Andreas Schmidt, P. Steffen Brühl, u.a.
Kontakt: Kath. Pfarramt Sankt Jakobus maj.
Kontakt: Divano – der Ort der Begegnung in der Mitte Friedbergs
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