
„Mission bedeutet für mich Partnerschaft auf Augenhöhe“
Pater John Ndidi Nwaocha über seinen neuen Auftrag als Missionssekretär, globale Solidarität und das „Ubuntu-Denken“
Unsere Provinz hat einen neuen Missionssekretär. Zum 1. August 2026 hat Pater Reinhold Meise die Verantwortung für die Missionsarbeit an Pater John Ndidi Nwaocha übergeben. Pater Nwaocha stammt aus Nigeria. Geboren wurde er in Emekuku im Südosten des Landes. Gemeinsam mit zwei Schwestern und zwei Brüdern wuchs er in der Millionenstadt Owerri auf. Nach dem Schulabschluss studierte er an der Hochschule in Oko. Seine Priesterausbildung absolvierte er im südafrikanischen Merrivale, bevor er für ein Studium der Moraltheologie und Ethik nach Washington, D.C., ging.
2018 kehrte er aus den Vereinigten Staaten nach Nigeria zurück und wurde zum ersten Delegaten der neu gegründeten Delegatur Nigeria ernannt. Vor fünf Jahren holte ihn der damalige Provinzial Pater Helmut Scharler nach Deutschland. Als Spiritual war er zunächst für die Ausbildungsgemeinschaft in Friedberg und Vallendar verantwortlich. Gleichzeitig nahm er an der Vinzenz Pallotti University ein Promotionsstudium im Fach Interkulturelle Theologie auf. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit den interkulturellen Projekten unserer Provinz sowie deren Verständnis von Mission und Ausbildung.
Pater Nwaocha, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie gefragt wurden, dieses Amt zu übernehmen?
An dem Tag, als mich mein Provinzial Pater Markus Hau zu einem Gespräch bat und mir von dieser Aufgabe erzählte, war meine erste Reaktion: „Warum gerade ich?“ Nach vielen Gesprächen und einigen Tagen des Nachdenkens habe ich die Anfrage schließlich als Teil meiner Berufung angenommen. Nun möchte ich dazu beitragen, das missionarische Erbe der Pallottiner weiterzuführen und die internationale Zusammenarbeit auszubauen.
Seit wann sind Sie bei den Pallottinern, und was hat Sie auf diesen Weg geführt?
Vor 24 Jahren bin ich zu den Pallottinern gekommen. Schon bevor ich zum Studium zugelassen wurde, hatte ich den Entschluss gefasst, Priester zu werden. Während meiner Zeit an der Federal Polytechnic in Oko lernte ich die Pallottiner durch den damaligen Kaplan, Rev. Dr. Msgr. Martin C. Ezeokoli, kennen. Diese Begegnung hat meinen weiteren Weg entscheidend geprägt.
Was sind die wichtigsten Aufgaben eines Missionssekretärs?
Ein Missionssekretär koordiniert und begleitet die missionarischen Aktivitäten einer Provinz. Unser Missionsbüro in Friedberg steht in engem Kontakt mit den Mitbrüdern in den verschiedenen Missionsgebieten weltweit. Gleichzeitig pflegen wir die Verbindung zu unseren Wohltäterinnen und Wohltätern sowie zu unseren Unterstützerinnen und Unterstützern in Deutschland.
Darüber hinaus besuchen wir regelmäßig die Projektstandorte, beispielsweise in Afrika, Asien, Südamerika oder Europa, etwa in der Ukraine. Diese persönlichen Begegnungen sind wichtig, um die Situation vor Ort kennenzulernen und die Zusammenarbeit zu stärken.
Welche Herausforderungen bringt diese Aufgabe mit sich?
Die größte Herausforderung besteht derzeit darin, ausreichend finanzielle Mittel bereitzustellen, um unsere sozialen Projekte langfristig zu sichern. Da die verfügbaren Ressourcen begrenzt sind, müssen wir immer wieder schwierige Entscheidungen treffen: Welche dringenden Projekte können sofort unterstützt werden, und welche Bedürfnisse müssen noch warten?
Dabei prüfen wir sorgfältig die Situation vor Ort, die vorhandenen personellen und finanziellen Möglichkeiten sowie die Anliegen unserer Spenderinnen und Spender. Im kommenden Herbst möchten wir beispielsweise um Unterstützung für landwirtschaftliche Initiativen in Malawi, Nigeria und möglicherweise auch Südafrika werben. Diese Projekte sollen die lokale Nahrungsmittelversorgung verbessern und nachhaltige Perspektiven für die Zukunft schaffen.
Wie verstehen die Pallottiner heute ihren Missionsauftrag?
Ganz im Sinne unseres Gründers Vinzenz Pallotti verstehen wir Mission als gemeinsame Aufgabe aller Getauften. Deshalb arbeiten Kleriker und Laien gemeinsam daran, das Evangelium zu verkünden, Nächstenliebe zu fördern und auf die sozialen und geistlichen Herausforderungen unserer Zeit zu antworten.
Dies geschieht durch Bildungsarbeit, Seelsorge sowie den Einsatz für Frieden, für Gerechtigkeit und für die Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Internationale Solidarität spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Herausforderungen wie Armut, Migration, bewaffnete Konflikte oder die Folgen des Klimawandels machen nicht an Landesgrenzen halt. Durch gegenseitige Unterstützung können Menschen und Gemeinschaften gemeinsam zu Frieden, Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung beitragen.
Für uns sind Partnerschaft und Begegnung auf Augenhöhe unverzichtbar. Sie fördern gegenseitigen Respekt, gemeinsame Verantwortung und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. So entsteht keine Abhängigkeit, sondern eine echte Zusammenarbeit. Damit Hilfe dort ankommt, wo sie am dringendsten benötigt wird, arbeiten wir eng mit lokalen Partnern, Kirchengemeinden und Projektverantwortlichen zusammen. Zudem sind an vielen Projektorten unsere Mitbrüder direkt vor Ort tätig.
Was können wir in Deutschland von den Menschen in den Missionsgebieten lernen?
Die Menschen in den Missionsgebieten lehren uns Widerstandskraft, Dankbarkeit und einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn, oft trotz schwieriger Lebensumstände. Sie erinnern uns daran, dass Glaube, Hoffnung und Solidarität nicht vom materiellen Wohlstand abhängen, sondern davon, wie wir füreinander sorgen und Verantwortung übernehmen.
Was können die Kirchen in Europa von den Kirchen des globalen Südens lernen?
Viele Kirchen in Afrika verbinden das traditionelle Ubuntu-Denken mit dem christlichen Glauben. Dabei wird betont, dass das Christsein nicht nur die persönliche Beziehung zu Gott umfasst, sondern immer auch Verantwortung für die Gemeinschaft bedeutet.
Der Geist des Ubuntu ist für mich ein wichtiger Schlüssel. Ich würde ihn mit der „Spiritualität der Zusammenarbeit“ vergleichen, die unser Gründer Vinzenz Pallotti geprägt hat. Beide betonen, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind und gemeinsam mehr erreichen können als allein.
Welche Schwerpunkte möchten Sie in den kommenden Jahren setzen?
Ein besonderer Schwerpunkt wird weiterhin auf sozialen Projekten liegen. Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit unseren Mitbrüdern in Nigeria am Aufbau einer Augenklinik. Viele Menschen in der Region leiden unter Augenerkrankungen, gleichzeitig fehlt es an medizinischer Versorgung. Deshalb möchten wir dort ein dauerhaftes Angebot schaffen. Für dieses Projekt hat der König der Stadt, Igwe Peter Anugwu, der selbst zunehmend sein Augenlicht verliert, ein Gebäude zur Verfügung gestellt. Diese Unterstützung ist für uns ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit.
Darüber hinaus fördern wir beispielsweise ein zukunftsweisendes Landwirtschaftsprojekt in Malawi. Es soll dazu beitragen, die Auswirkungen von Nahrungsmittelknappheit zu mildern und die Lebensbedingungen der Menschen langfristig zu verbessern.

Das Interview führte: Josef Eberhard
Fotos: Josef Eberhard
Kontakt zum Missionssekretariat
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