Todesengel im Sonnenuntergang

Engel als „Wesen“ der Transzendenz im Zeitalter der Immanenz

Sind Engel metaphysische Wesen oder ein Sinn- und Hoffnungsbild?

Die Menschheit macht sich seit Jahrtausenden Vorstellungen von Engeln, die als reale, übernatürliche und vermittelnde Wesen zwischen Mensch und Gott verstanden wurden. In allen monotheistischen Religionen erscheinen Engel als Boten, Beschützer und Vollstrecker göttlichen Willens. Doch die Moderne hat die Voraussetzungen dieses Weltbildes grundlegend verändert. Der Siegeszug der wissenschaftlichen Rationalität, die gesellschaftliche Säkularisierung und die Entzauberung der Welt (Max Weber) haben den Glauben an transzendente Wesen zunehmend in Frage gestellt.

Engel waren ursprünglich eine Sprache für Erfahrungen, die moderne Rationalität zwar erklären, aber nicht erschöpfend deuten kann. Die Frage lautet daher, ob Engel heute noch als metaphysische Wesen verstanden werden können oder ob ihr tiefer Sinn nicht vielmehr in einer symbolischen, psychologischen oder sozialen Funktion zu suchen ist. Im Folgenden wird versucht, Engel nicht als übernatürliche Entitäten zu denken, sondern als ein kulturelles Sinnbild für menschliche Erfahrungen von Sinn und Hoffnung.

In der klassischen Angelogie wird eine hierarchische Ordnung der Wirklichkeit vorausgesetzt, die über der materiellen Welt eine göttliche Sphäre annimmt, in der Engel als eigenständige Geistwesen fungieren. Ohne materiellen Körper sind sie der leib-seelischen Verankerung entzogen, was sie in Bezug auf Erkenntnis und Praxis von den Menschen abhebt, die auf Grund ihrer leiblichen Gebundenheit stets auf diese Materialität zurückverwiesen sind. Durch das moderne Weltverständnis gerät die dualistische Sicht der Wirklichkeit allerdings in eine Krise, da sich die Welt als ein System geschlossener Zusammenhänge zeigt und übernatürliche ontologische Deutungen als nicht plausibel erscheinen. Transzendenz kann daher nicht nur Jenseits bedeuten, sondern auch innerhalb der Immanenz erfahren werden, wie beispielsweise Liebe, Schönheit oder Gewissen.

Engel zwischen Individuum und Gesellschaft

Die Psychologie hat uns im 20. Jahrhundert gelehrt, dass religiöse Bilder Ausdruck psychischer Prozesse sind, die menschliche Erfahrungen ordnen, Schutz bieten und eine moralische Führung gewährleisten. Der Schutzengel wurde durch die „Innere Stimme“ übersetzt, nicht abgeschafft. Hier wird der Engel nicht als äußere Gestalt bezeichnet, sondern als Symbol der menschlichen Selbstübersteigung. Da der Mensch nach Wahrheit und moralischer Vollkommenheit sucht, überschreitet er ständig seinen gegenwärtigen Zustand und ist daher nie mit sich selbst identisch.

Die Gefahrensituation, vor der uns der Schutzengel oder die „Innere Stimme“ warnt, ist eine Begegnung mit einer nicht verfügbaren Wirklichkeit, die uns mit unserer eigenen Psyche konfrontiert, auch wenn diese Stimme oft als etwas Fremdes erfahren wird.

Auch die Soziologie hat ein säkulares Verständnis für das Engelerlebnis gebracht. Gesellschaftliche Werte und Hoffnungen wurden in der Geschichte von Religionen generiert, um das Gemeinschaftliche auszudrücken. Engel wären somit Personifikationen sozialer Ideale, die Mitgefühl, Fürsorge und Verantwortung gegenüber anderen Menschen verkörpern. Aus der faktischen Ungerechtigkeit der Welt wird ein caritatives Ideal abstrahiert, das man ontologischen Entitäten zuschreibt. Moderne Gesellschaften verweisen jedoch nicht auf göttliche Helfer, sondern auf menschliche Solidarität. Die Engelsidee ist soziologisch gesehen sozusagen das Gewissen als Stimme der Gemeinschaft ins uns, die wir zu kreieren haben. Wiederum wird der Engel nicht abgeschafft, sondern dessen tiefste Bedeutung für die Gesellschaft erfasst. Ein lebensrettender Arzt oder ein Fremder, der in Not hilft, werden als „Engel“ bezeichnet, weil sie verweltlicht die soziologische Bedeutung der Engelsidee erfüllen.

Engel nach der Entzauberung der Welt

Das Phänomen der Engelspopularität in der heutigen Zeit weist darauf hin, dass die Idee des Engels eine anthropologische Funktion hat, da sie in allen Kulturen auftaucht. Erfahrungen von Sinn, Hoffnung und Verbundenheit, die über die gegebene Realität hinausweisen, wollen ausgedrückt werden. Diese Idee fungiert somit als Symbol der Transzendenz innerhalb der eigenen Welt, die auf biologische und ökonomische Prozesse fokussiert bleibt. Engel waren daher schon immer Bilder einer Dimension des Menschen, die über seine bloße Selbsterhaltung hinausweisen. Im Zeitalter des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitalismus ist daher diese Idee wichtiger denn je, da sie den tiefsten Kern menschlicher Existenz berührt, um deren Beherrschung sich Technologie, Ökonomie und Kapital streiten.

Engel sind daher keine Illusionen oder überholte Relikte einer religiösen Tradition, sondern ihre Symbolik verweist auf menschliche Grundfragen, die immer bleiben werden. Wie kann der Mensch die Erfahrungen ausdrücken und die Erlebnisse deuten, die seine Verzweckung in der Welt übersteigen? Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse haben uns zwar (zum jetzigen Zeitpunkt) zum großen Teil aufgeklärt, aber auch sie besitzen nicht die Fähigkeit, die tiefen existenziellen Erfahrungen, die wir machen, adäquat auszudrücken. Die moderne Geisteswissenschaft verweltlicht das Verständnis von Engeln, ohne deren kulturelle Relevanz zu zerstören. Wir haben es also mit einer Wandlungsfähigkeit religiöser Symbole zu tun, die auf vielfacher Ebene heutzutage weiterleben. Diese überleben nicht trotz der Moderne, sondern in neuer Form innerhalb der Moderne. Es bleibt die Frage offen: Wenn Engel über Jahrtausende die menschliche Begegnung mit der transzendenten Wirklichkeit zum Ausdruck brachte, ob die modernen Erklärungen wirklich tiefer sind oder lediglich eine andere Sprache für dasselbe Phänomen verwenden?

Was versteht man unter Immanenz und Transzendenz?

🟦 Immanenz bezeichnet alles, was innerhalb der erfahrbaren Welt liegt. Die Wirklichkeit wird durch natürliche, wissenschaftliche, soziale oder menschliche Ursachen erklärt. Wer immanent denkt, sucht die Antworten „in dieser Welt“ – etwa in Naturgesetzen, historischen Entwicklungen oder menschlichem Handeln.
🟨 Transzendenz meint demgegenüber eine Wirklichkeit, die über die sichtbare und erfahrbare Welt hinausreicht. Dazu zählen beispielsweise Gott, das Jenseits oder eine geistige Dimension, die sich nicht vollständig mit wissenschaftlichen Methoden erfassen lässt.
Beispiel:
Nach einem schweren Unwetter fragt die immanente Sicht nach meteorologischen Ursachen. Die transzendente Sicht kann darüber hinaus nach einem tieferen Sinn oder einer religiösen Bedeutung des Ereignisses fragen.
Das „Zeitalter der Immanenz“ bezeichnet die moderne Gesellschaft, in der die Welt überwiegend durch innerweltliche Erklärungen verstanden wird. Religiöse und transzendente Deutungen sind weiterhin möglich, gelten jedoch nicht mehr als selbstverständlich, sondern als eine von mehreren möglichen Sichtweisen.

Quelle: Wikipedia

Das Angelus Gebet

Originaltitel in das zeichen Heft : Engel als „Wesen“ der Transzendenz im Zeitalter der Immanenz
Autor: Simon Kressel
Bilder: Josef Eberhard (Verkündigungsengel vom Hersberg); zwiebackesser (Todesengel), mbolina (Engel des Herrn) beide adobe stock.

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