Doppelbelastung, fehlende Kontakte, Arbeitslosigkeit, Not

Ein Virus geht unter die Haut

Familien erzählen den Pallottinern ihre Corona-Geschichte

Die Corona-Krise stellt viele Menschen vor große Herausforderungen. Kontaktbeschränkungen führen zu Einsamkeit, zu wirtschaftlichen Beschränkungen gesellen sich Arbeitslosigkeit und finanzielle Not. Die Doppelbelastung von Kinderbetreuung und Sorge um die eigenen Eltern bringen manche Familien an die Grenzen ihrer Kräfte. In einer Urlaubsaktion der Pallottiner zusammen mit der Kirchenredaktion K!P in Stuttgart und in NRW erzählten Menschen ihre Sorgen, aber auch ihre Kraftquellen.

Gerade Familien mit Kindern, sind in der Corona-Krise oft untergegangen – ganz real unter dem Druck des Alltags, aber auch medial. Wer hat ihre Geschichten und Nöte erzählt? Daher haben die Pallottiner zusammen mit der Kirchenredaktion K!P der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Radio 7) und K!P NRW einen Aufruf an die Hörer gestartet, ihre Corona-Geschichte zu erzählen.
Was haben die Menschen erzählt? Besonders hart getroffen hat es Familien, die einen Angehörigen zu betrauern hatten. Eine Familie, die den Vater bzw. Schwiegervater verlor, beklagt das kurze Abschiednehmen und die noch kürzere Beerdigung. „Kein Abschiedsgebet, Gottesdienst, nichts, und alles war auf einmal anders, und dazu die Sorge um die Ansteckung“ schreibt die Familie und klagt: „Wir durften einander nicht zum Trost in die Arme nehmen.“
Eine Frau berichtet, dass ihre Schwiegermutter schwer gestürzt sei und zwei Mal operiert werden musste. „Wir durften sie nicht besuchen. Selbst im Seniorenstift nicht! Es war sehr traurig.“

Das Schlimmste: Die Angehörigen fehlen

Wie sehr die emotionale Beziehung zwischen Angehörigen vermisst wird, hat eine Betreuerin in einem Seniorenzentrum erlebt: „Zu spüren wie den Bewohnern die Angehörigen fehlten, das war das Schlimmste für mich“, erzählt sie. „Obwohl wir fast alles Menschenmögliche getan haben, ging es emotional sehr unter die Haut.“
Isoliert: So fühlten sich viele Familien. Eine Mutter schildert den Fall ihrer Tochter, die in Ausbildung ist, wochenlang keine Schule mehr hatte und sich selbst durch den Stoff kämpfen musste. Und oftmals war es die Summe der Probleme, die Menschen zur Verzweiflung brachte. Eine vierköpfige Familie erzählt, dass der Kindergarten der beiden kleinen Mädchen geschlossen war, Oma und Opa aufgrund des Alters und einer Herzkrankheit nicht als Babysitter einspringen konnten. Der Mann arbeitete in Schicht, die Frau musste ihr Homeoffice oft unterbrechen.
Eine andere Frau erzählt, sie habe nach längerer Krankheit einen Arbeitsplatz gefunden. Dann kam Corona. Sie musste ihren Gesundheitszustand dem Arbeitgeber preisgeben und bat um Homeoffice. Schließlich wurde sie gekündigt.
Ähnlich erging es einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, die als Reinigungskraft arbeitet. Als sie krank wurde, wurde ihr gekündigt. Ihre 16-jährige Tochter habe aufgrund der Schulschließung völlig den Anschluss verloren und saß den ganzen Tag allein in ihrem Zimmer, so dass sie in Depressionen verfiel.

Das Schlimmste ist die Einsamkeit

Beim Wort „Corona“ bricht Sohn in Tränen aus

Ein hartes Schicksal traf eine Altenpflegehelferin: Kurz nach Trennung und Umzug musste sie Ende März in Quarantäne. Ihre Mutter hatte sie schon zuvor nicht mehr besucht, um sie nicht der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen. Am Karfreitag musste die Mutter dennoch ins Krankenhaus, sie war an Covid 19 erkrankt und starb. „Ich habe sie nicht mehr gesehen.“
Wie sehr die kleinen Kinder unter der Krise gelitten haben, zeigt das Beispiel einer Mutter. Sobald das Wort “Corona” im Fernsehen gefallen ist, ist ihr siebenjähriger Sohn in Tränen ausgebrochen. Er war mit der Situation völlig überfordert.
Eine andere Mutter, deren Sohn das Asperger-Syndrom hat, fühlte sich durch das Home-Schooling und die beginnende Pubertät ihres Sohnes sowie die wirtschaftliche Krise unheimlich auf die Probe gestellt. „Ich habe weniger Arbeit und dafür große Existenzängste bekommen, auch weil ich weiß, werde ich mal krank, fehlt auf einmal unser Lebensunterhalt komplett“ schreibt sie.
Eine sechsköpfige Familie erzählt: „Durch Corona sind wir total aus dem Alltag geworfen worden. Kein Turnen mehr, kein Schwimmen mehr, kein Tanzen oder Jungschar, alles wurde gestrichen! Auch unser Gottesdienstbesuch findet seitdem und bis heute nicht statt! Was macht man in der Zeit, die wir ja jetzt hatten, mit den Kindern?“

Die Krise als Chance für Gespräche

Manche zogen aus der Krise aber auch eine Chance: Zum ersten Mal in ihrem Leben ist eine Frau arbeitslos geworden, die eine Dame im Altenheim betreut hatte. Auch für ihren Mann, der Musiker ist, begann eine künstlerische Zwangspause. Dennoch ließen sich beide nicht beirren.
Sie nutzten die gemeinsam gewonnene Zeit für lange Spaziergänge durch Wald und Flur und erlebten dadurch die Natur intensiver denn je, freuten sich an Flora und Fauna und kamen innerlich zur Ruhe. „Wir hatten Zeit für uns, für ernsthafte, fruchtbare Gespräche, lernten, übten und spielten Gitarre und sangen dazu, und ließen das Auto stehen, um Fahrrad zu fahren“, erzählt sie. Mittlerweile hat sie auch eine neue Arbeitsstelle gefunden. Eine andere Familie, in der der Vater Schicht arbeitete und die Kinder den Papa fast gar nicht sahen, klammerte sich an den Gedanken, dass das alles nur vorübergehend ist.
Dankbar war eine Familie, bei denen der Opa gestorben ist, über das gute Gespräch mit dem katholischen Gemeindereferenten und den Zusammenhalt in der Familie. Als die Mutter dann noch krank wurde, Kurzarbeit und Krankengeld kaum ausreichten und ein Coronatest mit fast einer Woche Wartezeit dazu kam, seien alle Nerven angespannt gewesen. „Beten und viele Spaziergänge in Gottes freier Natur haben geholfen“, schreibt die Familie.
Wie schnell das Schicksal kippen kann, erlebt ein Pärchen, das die Schlüssel für ihr gekauftes Haus in der Corona-Zeit bekam, und dann mit der Notoperation des Mannes klarkommen musste. „Es war wirklich eine ganz knappe Entscheidung über Leben und Tod“, erzählt die Frau.
Eine andere Familie schöpfte Kraft durch Ausflüge in den Wald und den familiären Zusammenhalt. Und bei vielen schwingt die Befürchtung mit: „Jetzt nur nicht krank werden.“

Raus in die Natur

Die Natur und die Zusammengehörigkeit neu erlebt

Wenn Corona etwas Positives gebracht hat, dann das Gefühl der Entschleunigung, das Gefühl zusammenzugehören und die Möglichkeit, die Natur zu erleben. Die Mutter einer 4-köpfigen Familie, beschreibt es als Geschenk, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, die Kinder zu wenig zu sehen, weil beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Denn durch Homeoffice waren beide zu Hause.
Viele haben gemeinsame Spaziergänge genossen, kochten täglich miteinander und kamen ins Gespräch. Zwei junge Frauen schrieben, sie hätten sogar alte Bräuche wiederentdeckt und Weihbüschel mit Wetterkerzen sowie Sonnenblumen gebunden, diese in der Kirche weihen lassen und auf den Gräbern der verstorben Verwanden verteilt.
Unter den Teilnehmern der Aktion ist sechs Mal ein Wochenende in einem pallottinischen Gästehaus verlost worden. Dass die Auszeit bei den Pallottinern ihre Wirkung tat, zeigt die Rückmeldung einer Familie, die ein Wochenende in Meran gewonnen hat und der Sohn schrieb: „Das war der schönste Urlaub aller Zeiten.“

Interview

Interview mit Pater Hans-Peter Becker in Immenstaad

Einfach mal Danke zu sich selbst sagen
- Seelsorger Hans-Peter Becker über die Corona-Krise und die Familien

Es war nicht leicht für Familien, durch diese Corona-Krise zu gehen. Krankheiten, finanzielle Not und Belastungen in der Familie haben manche an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Pater Hans-Peter Becker ist Familienseelsorger und Rektor auf Schloss Hersberg. Er hat bei der Urlaubsaktion der Pallottiner einer Familie ein Wochenende in seinem Gästehaus geschenkt. Er weiß auch aus vielen Begegnungen, wie stark die Corona-Zeit belastet.

Pater Becker, viele Menschen haben uns ihre Sorge, Nöte und auch Kraftquellen während der Corona-Krise erzählt. Was empfinden Sie, wenn Sie die Schilderungen lesen?
P. Becker: Ich spüre, dass es gerade diejenigen getroffen hat, die krank sind oder finanziell schlechter gestellt. Man sagt ja gerne, dass jede Krise auch eine Chance ist. Aber für viele war und ist diese Krise einfach nur bedrückend. Ich spüre auch eine große Verunsicherung. Was kann ich denn noch planen? Andererseits: Dass viele Feste und Ereignisse in der Familie ausgefallen sind, hat manche Menschen einander auch wieder nähergebracht. Eltern und Kinder haben mehr Zeit miteinander verbracht. Manche fragen sich vielleicht, war es wirklich gut, mich so viel ehrenamtlich zu engagieren und nie zu Hause zu sein?

Hat die Kirche in der Zeit etwas versäumt?
P. Becker: Die Kirche hat sich natürlich an staatliche Vorschriften gehalten, hat Großveranstaltungen abgesagt, Gottesdienste reglementiert. Das war sicher richtig. Alles andere wäre ja unverantwortlich gewesen. Wichtig ist, dass Einzelgespräche jederzeit möglich waren.

Die Frage ist aber wahrscheinlich, wie erreicht man Menschen, wenn keine Großveranstaltungen möglich sind. Denken Sie, dass Seelsorger, Pfarrgemeinden und kirchliche Einrichtungen grundlegend etwas ändern müssen, um Menschen helfen zu können?
P. Becker: Ja. Das müssen wir. Aber eine endgültige Idee habe ich dazu noch nicht. Ich sehe es in der Firmvorbereitung. Die Leute haben Gesprächsbedarf. Aber die Kirche ist im Alltag oft weit weg. Eine Sprechstunde im Pfarrbüro reicht da nicht, der Stammtisch ist auch nicht das richtige. Wie können wir einfach da sein, da, wo die Leute sind? Ein Mitbruder von mir hat immer von der „Treppenseelsorge“ gesprochen. Denn bei ihm war es so, wenn er irgendwo die Treppe runterging, wollten die Leute immer etwas von ihm, so dass es ewig dauerte, bis er unten ankam. Darum geht es: Ohne Termin einfach Dinge fragen können.

Mir geht es auch so. Wenn ich am Fußballplatz oder beim Reittermin da bin, sagen Menschen: „Das wollte ich Sie eigentlich schon lange mal fragen.“ Während der Corona-Zeit haben wir oft auf der Veranda unseres Gästehauses gefrühstückt. Da bin ich plötzlich alles Mögliche gefragt worden: Was bedeutet die Zahl sieben in der Bibel? Warum ist dies oder jenes so und nicht anders? Diese Foren müssen wir gezielt schaffen. Niedrigschwellig, wie man so schön sagt. Einfache Fragen beantworten und nicht die Dreifaltigkeit erklären.

Welche Beobachtungen haben Sie in Ihrem Haus in dieser Corona-Zeit gemacht?
P. Becker: Bei uns sind ja viele große Kurse ausgefallen. Aber das Haus war dennoch einigermaßen gefüllt. Es kamen viele Einzelgäste, vor allem junge Leute. Abends sind wir dann im Pavillon bei einem Glas Wein gesessen und dann kamen die Menschen mit ihren Themen. Mich hat auch überrascht, wie die Kinder reagiert haben: Die Familien haben untertags oft Ausflüge unternommen hat und viele Sehenswürdigkeiten besichtigt. Aber wenn die Kinder gefragt wurden, was das Schönste am Tag war, sagten sie zum Beispiel: das Taubenfüttern morgens in unserem Park. Das zeigt: Einfach nur da zu sein, zusammen zu sein, reicht oft schon.

Welche Hilfen, Aufmunterungen und Trost können Sie den Menschen und vor allem den Familien mitgeben?
P. Becker: Dass sie als Familie einfach mal schauen, was ihnen guttut. Einfach mal danke sagen, dass sie die Zeit durchgestanden und das Beste daraus gemacht haben. Sich klar machen, dass das eine Zeit war und ist, die niemand einüben konnte, die neu war und sich dann sagen: „Mensch, da haben wir doch ganz schön viel richtig gemacht.“ Sich dafür zu bedanken, bei sich selbst, das kann Mut zum Weitergehen machen.

Links

Report und Interview: Alexander Schweda
Fotos: jackfrog (Homeschooling), Stephan (Gebäude), fotoduets (Einsamkeit), ARochau (Fahrradausflug) alle Adobe Stock, Alexander Schweda (P. Becker).

Zum facebook Account der Pallottiner

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