Alle Kinder sollen aufblühen
Aufmerksamkeit, Geduld und Liebe: Das Projekt „Strahlende Zukunft“ in Timbiras
Das Kinderprojekt „Strahlende Zukunft“ entstand aus der Sorge einiger Mitglieder der Pfarrgemeinde in Timbiras – gemeinsam mit dem Pfarrer Padre José – in der Reflexion über die Situation der Mehrzahl der Kinder in unserer Stadt Timbiras (Maranhão, Brasilien).
Viele Kinder erhalten nicht die Aufmerksamkeit und Liebe, die sie als Kinder bräuchten – weder in der Familie noch in der Gesellschaft. Häufig sind sie sich selbst überlassen und bleiben in ihrer menschlichen Entwicklung zurück: entweder, weil sie früh arbeiten und zum Familieneinkommen beitragen müssen, oder weil sie in schlechter Gesellschaft und zweifelhaften Freundschaften ihre Tage auf der Straße verbringen und in Drogenszene und Prostitution abgleiten. Manche sperren sich stundenlang ein und werden mit dem Handy und den sozialen Medien sich selbst überlassen.
Oft werden Kinder behandelt, als seien sie ein Hindernis, als würden sie „im Weg stehen“. „Geh weg!“, „Sei still!“, „Halt den Mund!“, „Du störst.“ – das sind nur einige Ausdrucksweisen, die Kinder häufig hören müssen. Das führt zu Minderwertigkeitskomplexen: Die Kinder können ihren Selbstwert nicht spüren und entfalten; sie fühlen sich wie eine „übrig gebliebene Masse“. Vergleichen wir diese Wirklichkeit mit den Worten und Taten Jesu – „Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes“ –, dann sind wir als Christen herausgefordert, zu handeln und etwas zu tun. Kinder müssen in ihrer Kindheit ihren Wert spüren, sich geliebt und angenommen fühlen – so, wie Jesus sie behandelt hat –, um gesund reifen und später „ihren Mann“ bzw. „ihre Frau“ stehen zu können. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Geduld und Liebe. Das können sie vor allem dort erfahren, wo sie spüren, dass sie nicht nur im Weg stehen, sondern Talente und Fähigkeiten haben, mit denen sie etwas Positives beitragen können. Sie sollen erleben, dass sie „wer sind“, dass sie etwas zu bieten haben und dass sie wichtig und wertvoll sind. Zudem hat die Pandemie tiefe Schäden hinterlassen, die die Entwicklung vieler Kinder verzögert haben.
Kinder helfen sich gegenseitig und kommen gerne ins Projekt „Strahlende Zukunft“
Als Ergebnis von zahlreichen Gesprächen, wurde das Projekt „Strahlende Zukunft“ geboren. Es ist ein Nichtregierungsprojekt. Eine besonders dringende Notlage zeigte sich darin, dass viele Kinder – vor allem aus ärmeren Familien – während der Pandemie die Schule nicht ausreichend besuchen konnten. Online-Unterricht war für viele eine Überforderung, wenn nicht gar unmöglich. So blieben zahlreiche Kinder geistig zurück und konnten dem Unterricht nicht folgen, insbesondere bei der Alphabetisierung. Da diese jedoch die Grundlage für alle anderen Fächer ist, gerieten die Kinder insgesamt ins Hintertreffen, oft ohne realistische Chance, das Versäumte jemals aufzuholen. Kinder aus armen Familien haben zudem nicht das Privileg, bezahlte Nachhilfe zu Hause in Anspruch nehmen zu können. Nicht selten folgt auf eine unzureichende Bildung später eine Anstellung als Verkäuferin oder Verkäufer mit einer 80-Stunden-Arbeitswoche und einem Hungerlohn – oder, wenn man Glück und Beziehungen hat, die Möglichkeit, bei der Stadt (dem größten Arbeitgeber) eine Stelle zu finden.
Für den Beginn unseres Projekts planten wir daher, Kindern aus armen Familien zu helfen, ihren schulischen Anschluss wiederzufinden – sei es in der Alphabetisierung, sei es in einem anderen Fach, in dem sie besondere Aufmerksamkeit benötigen. Das Alter der Kinder legten wir zunächst auf sechs bis elf Jahre fest. Die Nachfrage nach Teilnahme ist groß. Nach einem Elternnachmittag, an dem Zweck und Ablauf des Projekts vorgestellt wurden und eine aktive Beteiligung der Eltern eingefordert wurde (Bringen und Abholen der Kinder sowie eine aufmerksame Begleitung der Hausaufgaben und die Beobachtung der geistigen Entwicklung), startete das Projekt Anfang Oktober 2024 mit 16 Kindern und der Leiterin des Projekts: einer 26-jährigen Jugendlichen, zugleich Leiterin der Ministrantengruppe. Die Gruppe trifft sich nachmittags von 14:00 Uhr bis 16:30 Uhr. Im Februar 2025 begannen wir aufgrund der großen Nachfrage eine zweite Gruppe mit 15 Kindern, die sich vormittags mit Franziska von 08:30 Uhr bis 11:00 Uhr trifft. Jede Unterrichtseinheit endet mit einer einfachen Mahlzeit: Früchte, Kakao und Kekse.



Heute können wir sagen, dass das Projekt ein voller Erfolg war und ist. Der Großteil der Eltern berichtet, dass ihre Kinder nicht nur ihre schulischen Leistungen wesentlich verbessert haben, sondern auch ihr soziales Verhalten zum Besseren verändern konnten: Sie öffnen sich mehr und sind teilnahmefähiger geworden. Es ist die Liebe, die den Kindern durch Zuwendung, Aufmerksamkeit und Geduld entgegengebracht wird. Auch unsere Leiterinnen bestätigen große Fortschritte – nicht nur im schulischen Lernen und Begreifen, sondern auch im menschlichen Bereich, insbesondere im Aufbau von Beziehungen. Verschlossene Kinder gehen aus sich heraus, sind fröhlicher, kommunikativer und ausgeglichener. Es wuchs zudem eine große Solidarität innerhalb der Gruppe: Kinder helfen sich gegenseitig und kommen gerne ins Projekt. Kraftausdrücke, die die Kinder in der Schule „lernten“, wurden zunehmend durch „magische Worte“ wie „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“ ersetzt.
Capoeira ist eine afrobrasilianische Kulturform, die Kampfkunst, Tanz und Musik vereint
Unser Projekt beschränkt sich jedoch nicht auf Nachhilfe – das ist nur der Anfang und die erste, dringendste Notwendigkeit. Wir träumten weiter. So kam die nächste Etappe des Projekts: Ende September 2025 begannen wir eine Capoeira-Gruppe mit 15 Kindern zwischen sieben und fünfzehn Jahren. Zweimal in der Woche schart Kleyton, ein erfahrener Instruktor, die Kinder um sich, die begeistert dabei sind. Capoeira ist eine afrobrasilianische Kulturform, die Kampfkunst, Tanz und Musik vereint und von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt wurde. Sie wurde von afrikanischen Sklaven in Brasilien als eine Art getarnte Verteidigungskunst in Form eines Tanzes entwickelt und ist zu einem Symbol für Widerstand und brasilianische kulturelle Identität geworden.
In der Schublade liegt bereits die Planung einer Theatergruppe für eine weitere Kinderschar, die spielerisch kreativ üben und irgendwann auch Vorstellungen und Aufführungen im Pfarrsaal geben wird. Darüber hinaus konkretisieren sich unsere Vorstellungen zur Gründung weiterer Gruppen: Häkeln, Handwerk (z. B. aus Plastikflaschen etwas Neues und Kreatives herstellen, Postkarten besticken usw.), liturgische und andere Tänze, das Erlernen von Instrumenten (Gitarre, Flöte …) sowie Gesangsgruppen. In diesen Aktivitäten sollen die Kinder auch wieder lernen, ihr Sozialverhalten einzuüben – etwas, das heute oft durch die sozialen Medien verloren gegangen ist. Sie sollen vielfach verlorengegangene Grundwerte wie Dialog, Zuhören und Verzeihen neu entdecken und praktisch leben.
Eine menschliche und katechetisch-religiöse Begleitung in Geduld und Aufmerksamkeit durch unsere Jugendlichen ist die spirituelle Basis unseres Projekts. Möge es weiterhin von Gott gesegnet sein, der will, „dass wir das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). War und ist nicht Er es, der jeden Menschen nach seinem Ebenbild und Gleichnis geschaffen hat?
Bericht und Bilder: Padre José Wasensteiner SAC, Pfarrer und Projektleiter
Quelle: Coroatá Brasilienbrief 2025, www.brasilienbrief.de
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