Mea culpa – Meine Schuld
Warum wir zuerst auf uns selbst blicken sollten, als vorschnell andere zu verurteilen.
Für gewöhnlich haben wir ein gestörtes Verhältnis zum Thema Schuld. Dabei gehört die Tatsache, dass wir uns entscheiden und Entschlüsse fassen, doch zur geschöpflichen Würde des Menschen. Tiere unterliegen ihrem Instinkt, während der Mensch seinen Verstand und demzufolge die Wahl hat, wofür er sich im Leben einsetzt.
Es ist das Privileg des Menschen, schuldig werden zu können, ebenso wie Reue über seine Taten zu empfinden. Gleichzeitig sollten wir in der Lage sein, Entschuldigungen von anderen anzunehmen und zu verzeihen. Hat es damit zu tun, weil wir uns schwer tun, uns selber schuldig zu bekennen, da jeder von sich der Meinung ist: „Ich lasse mir nichts zuschulden kommen.“? Fürchtet man doch leicht, durch voreiliges Bekennen sein Selbstbild ins Wanken zu bringen. Dagegen lassen sich die Fehler an anderen Menschen auf Anhieb erkennen und noch lieber verurteilen.
Sehr bald hat sich herausgestellt, dass es in der menschlichen Gesellschaft nicht ohne Regeln, Gesetze und Vorschriften geht, weil sonst jeder seine subjektiven Ansichten von Gut wie von Böse durchsetzen möchte. Ein heilloses Tohuwabohu wäre das Resultat, und die Sicherheit keines einzigen Menschen wäre gewährleistet, wenn alle in Selbstjustiz aufeinander losgingen. Wir brauchen einen Vorschriftenkatalog, Verordnungen, an die wir uns zum Wohle aller halten müssen. Wer dagegen verstößt, muss mit Konsequenzen rechnen.
Schon Adam lenkt von sich ab
Bereits das Alte Testament der Bibel ist voll von menschlichem Versagen und Flucht vor der Eigenverantwortung. Kaum froh darüber, dass Gott ihm gerade eine Gefährtin gegen das Alleinsein im Paradies geschaffen hat, wälzt Adam sein Versagen gegenüber Gottes Vorgaben sogleich auf Eva ab. „Das Weib gab mir den Apfel“ rechtfertigt er sich, als Gott ihn zurechtweist und Adam sich eingestehen muss, dass beide gerade ungehorsam gegenüber einem Verbot ihres Schöpfers gehandelt haben.
Ehe Eva noch etwas einwenden konnte, war die Menschheit für lange Zeit der Überzeugung: „Durch eine Frau kam die Sünde in die Welt“ und das Paradies ein für alle Mal abhanden. Was offensichtlich einem fehlgeleiteten Männerdenken geschuldet war.
Die Unfähigkeit, etwas auf sich sitzen zu lassen, was einem unangenehm ist, scheint schon in der DNA der Jüngsten verankert zu sein. Auch wenn kleine Kinder ihr Tun noch nicht überblicken können, spüren sie doch das Verlangen, Unangenehmes von sich abzuwälzen, indem sie kurzerhand jemand anderen beschuldigen.
Mit Zwanzig verpflichtete ich mich für ein Jahr als Au pair bei einer Familie mit drei Kindern in der Schweiz. Tagsüber für die Kinder zuständig, setzte ich einmal den Zweijährigen aufs Töpfchen. Wohl weil es ihm zu lange dauerte, bis ich mich wieder um ihn kümmern konnte, kam er, das Töpfchen am Henkel baumelnd, aus dem Bad Richtung Küche, nicht ohne eine nasse Spur im Flur hinter sich her zu ziehen. Als Mutter und Au pair Jürgi auf die Bescherung hinwiesen, sagte der kleine Kerl, ohne die geringste Verlegenheit: Hat Herma macht! Was hätten wir da anderes gekonnt, als uns über den kleinen Schlauberger zu amüsieren? Dennoch war es wichtig, dem Kind klarzumachen, dass es selbst die Pfütze im Flur verursacht hat, und nicht das Au pair. Und dass man sein eigenes Versehen nicht auf jemand anderen abwälzen darf.
Mit der Gewissensbildung kann man nicht früh genug beginnen, wenn man keine kleinen Tyrannen und später narzisstisch gestörte Menschen heranziehen will.
Jesus lehrte echte Selbstkritik
Im Neuen Testament berührt mich eine Erzählung immer besonders tief: Einmal wollten einige Männer Jesus auf die Probe stellen, ob er die Gesetze seiner Religion überhaupt vorschriftsgemäß befolgt. Sie schleppten eine Frau vor ihn, von der sie behaupteten, sie beim Ehebruch erwischt zu haben. Nach jüdischem Recht müsse diese Frau gesteinigt werden.
Jesus hörte sich die Männer, (von geschlechtswegen die „Stützen der Gesellschaft“) an, durchschaute ihre Absicht und sagte wie ganz nebenbei:
Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster einen Stein auf sie. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.
So leicht können Ankläger selbst zu Angeklagten werden! Immerhin ist es erstaunlich, dass sich offenbar jeder selbst ernannte Sittenwächter sogleich erkannt fühlte und von dem mörderischen Vorhaben abließ.
Das finde ich bewundernswert, weil es für echte Selbstkritik spricht, die zudem hier vorbildlich gewirkt haben muss. Und da sich das Ganze wortlos vollzog, ist es umso beeindruckender.
Beten wir nicht im „Vaterunser“: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern?“ Geben wir Gott hier nicht leichtfertig eine Zusage, von der wir kaum sicher sind, dass wir sie auch einhalten können? Denn was das Verzeihen und Vergessen angeht, funktioniert unser Gedächtnis bekanntlich nie besser, als in Bezug auf das Unrecht, das einem einmal zugefügt worden war; und weniges nur lässt sich so leicht neutralisieren, wie den eigenen Groll, selbst über jahrealte Kränkungen und Verletzungen.
Wahrscheinlich werden wir alle weniger durch unsere Taten schuldig, als vielmehr durch unsere Unterlassungen.
Herma Brandenburger
hat viele Jahre als Redakteurin religiöses Programm für den Hörfunkgemacht. Heute schreibt die Großmutter von sieben Enkeln nur noch für „das zeichen“ und das seit über 30 Jahren.
Bild: Adam Ján Figel/AdobeStock
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