Eine Schule im Wandel der Zeit

Die Pallottiner in Rheinbach: von 1935 - 2021

85 Jahre Pallottiner in Rheinbach bedeutet vor allem 85 Jahre pallottinische Bildungsarbeit. Pater Alexander Holzbach, selbst Schüler am VPK fasst die Geschichte zusammen:

Seit die in Rom entstandene Gemeinschaft der Pallottiner 1890 die katholische Mission in der Kolonie Kamerun übernommen hatte, boomte der Nachwuchs in Deutschland. Immer neu wurden Nachwuchsschulen gegründet. 1914 machte der damalige Bürgermeister von Rheinbach, Karl Commeßmann, auf seine Stadt als Schulstandort für die Pallottiner aufmerksam. Aber erst 1935 wurde dieses Ansinnen Wirklichkeit. Zwischen 1923 und 1930 hate man bereits andernorts sieben Konvikte übernommen.

Das Erzbistum Köln wollte sein Konvikt „Collegium Hermannianum“ veräußern und verkaufte es den Pallottinern. So kamen im Januar 1935 zwei Patres und sechs Brüder nach Rheinbach und übernahmen das Konvikt, das damals 88 Schüler zählte. Dernbacher Schwestern, dann Schönstatt-Schwestern leiteten die Küche. Da das Gebäude auf 160 Schüler ausgelegt war, nutze die Gemeinschaft die leerstehenden Räume für die philosophische Ausbildung ihrer Studenten, da die Häuser in Olpe und Limburg aus allen Nähten platzten. Von 1935 bis 1937 beherbergte das Hermann-Josef-Kolleg, wie es jetzt genannt wurde, 115 Studenten. Auf Druck des NS-Regimes musste die Philosophische Hochschule geschlossen werden. Es gelang, das Internat bis 1944 zu erhalten. Im Schuljahr 1939/40 zählte man 160 Schüler.

Marienkapelle auf dem Trümmerberg

Die Bombardierungen Rheinbachs zum Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten auch Teile des Hermann-Josef-Kollegs. Die Trümmer wurden später zu einem Hügel aufgeschüttet, auf dem 1949/50 die Marienkapelle erbaut wurde.
Der Wiederbeginn nach dem Krieg brachte bedeutende Veränderungen mit sich: Die Hochschule der Pallottiner wurde von Limburg nach Vallendar verlegt. Die dortige Nachwuchsschule nach Rheinbach in das Hermann-Josef-Kolleg. Das bestehende Konvikt zog in das ehemalige Finanzamt an der damaligen Tomburger Straße, wo es als „Konvikt St. Albert“ bis 1967 bestand. Die Schüler, die keinem Berufsziel verpflichtet waren, besuchten das Städtische Gymnasium.

Das Hermann-Josef-Kolleg war nun offiziell Nachwuchsschule der Pallottiner und wurde nach und nach schulisch und gebäudlich ausgebaut. Die staatliche Anerkennung erhielt es 1961. Nach der Heiligsprechung Vinzenz Pallottis 1963 wurde die „Konviktsgasse“ in „Pallottistraße“ umbenannt. Das galt als Wertschätzung der Stadt den Pallottinern gegenüber, galt doch damals noch das Verbot der Stadt, Rheinbacher Schüler aufzunehmen, weil man Nachteile für das Städtische Gymnasium befürchtete. In der Tat besuchten bis Ende der 1960er Jahre ausschließlich Internatsschüler das Gymnasium des Kollegs, das ab 1965 mit der endgültigen staatlichen Anerkennung „Vinzenz-Pallotti-Kolleg“ hieß. 1969, im Jahr des ersten „eigenen“ Abiturs, hatte das Kolleg 359 Schüler.

Das Internat wanderte mit der Zeit aus dem alten, dem wiederaufgebauten Haus, und den Baracken in drei Internatsgebäude, die zwischen 1965 und 1971 errichtet wurden. Die erste Schulneubau war 1964 fertig gestellt; die großzügige Erweiterung folgte 1976. 1998 baute Schulleiter P. Werner Dohn die neue Sporthalle, auch mit starker Unterstützung des Erzbistums Köln.

Nach den Patres Heribert Nentwig und Rolf Erhard war P. Dohn der dritte und letzte Pallottiner als Schulleiter. Nach ihm übernahm 2002 Ostd. Helmut Kirfel die Leitung. Nur noch wenige Patres gehörten zum Lehrerkollegium. Die höchste Schülerzahl hatte das Kolleg 2006 mit 821 Schülern. Der Höchststand der Pallottiner in Rheinbach war 1973. Damals gehörten 32 Patres und 14 Brüder zum Haus. 1971 war die Pallotti-Kirche mit ihren 400 Plätzen als „Haus- und Internatskirche“ eingeweiht worden. Wichtigste Aufgabe der Pallottiner war das Kolleg: die Schule (ca. 25 Patres waren Lehrer), die Erziehung im Internat, die Schülerseelsorge – dazu kam seelsorgliche Hilfe in der Umgebung. Von 1972 bis 2012 stellten die Pallottiner auch den Pfarrer von Rheinbach.

Der Wandel von der Nachwuchsschule zur Bildungsstätte

In den 1990er Jahren verschoben sich die Gewichte. Die Zahl der Internatsschüler sank stark. 2009 wurde das Internat geschlossen. Von 1987 bis 2000 hatte es ein „Tagesinternat“ gegeben, vorher schon ein „Silentium“ (Hausaufgabenbetreuung). Die Zahl der „externen“ Schüler war stark gewachsen. Ebenso die Zahl der Nicht-Pallottiner im Lehrerkollegium. Nach der Oberstufenreform veränderte sich seit Beginn der 1980er Jahre das Bild der Schule durch die Zusammenarbeit mit dem Mädchen-Gymnasium St. Joseph. Das Vinzenz-Pallotti-Kolleg war schon längst nicht mehr Nachwuchsschule der Pallottiner; bereits in den 1970er Jahren hatte man das Kollegsziel dahingehend geändert, dass hier Menschen Bildung erfahren sollten, die aus christlichem Geist Verantwortung in Staat, Gesellschaft und Kirche übernehmen können sollten. Es war von einem aus der Weite der Pallottiner-Provinz beschickten Kolleg zu einer regional hoch bedeutsamen Schule geworden.

Die dramatisch zurückgehende Zahl der Pallottiner bewog die damals Verantwortlichen in Rheinbach nicht, sich in die Schullandschaft des Erzbistums Köln zu begeben, wie es 1999 das Mädchengymnasium getan hatte. Erst 2012 kam es zu der Vereinbarung mit dem Erzbistum, dass das Vinzenz-Pallotti-Kolleg keine Schüler mehr aufnimmt, dagegen das Gymnasium St. Joseph auch Jungen aufnimmt, um Eltern, die das möchten, die Möglichkeit zu geben, ihre Kinder in eine katholische Schule zu geben. St. Joseph hat auch viele der Lehrerinnen und Lehrer des Vinzenz-Pallotti-Gymnasiums übernommen.

Was abzusehen war, wurde 2017 offiziell: die Pallottiner schließen ihre Niederlassung in Rheinbach. Die personelle Lage der Gemeinschaft lässt keine Alternative zu. Dennoch kann man dankbar sein für über 80 sehr gute Jahre mit viel Aufbau-Arbeit, Fleiß und nachhaltigem Einfluss auf viele Menschen!

(Mehr zur aktuellen Sitation in Rheinbach hier)

Zur Person

P. Alexander Holzbach: Jahrgang 1954. Schüler am VPK 1969 – 1974. Mitglied der Pallottiner-Hausgemeinschaft in Rheinbach 1985 – 1987. Mitglied der Provinzleitung seit 2013. Rektor des Missionshaues der Pallottiner in Limburg seit 1. September 2020.

Quellenangaben
Stefan H. Heuel (Hg): Pallottistraße 1, Das Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Rheinbach. Afasa Verlag, Rosenheim 2013:
S. 124 – 135: P. Wilhelm Steffans SAC: Wie kamen die Pallottiner nach Rheinbach?
S. 136 – 148: Helmut J. Kirfel: Die Pallottiner 75 Jahre in Rheinbach. Festrede zum Jubiläum 2010

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