
Das „Massaker von San Patricio“ am 4. Juli 1976
Gedenken zum 50. Todestag von fünf argentinischen Mitbrüdern
In Buenos Aires und Rom wurde der fünf Pallottiner gedacht, die am 4. Juli 1976 von der argentinischen Militärdiktatur ermordet wurden. Das Gedenken war nicht nur ein dankbarer Rückblick auf die Lebensleistung der Mitbrüder. Es richtete den Blick zugleich auf das Leid vieler Menschen an zahlreichen Orten der Welt – und verstand sich als Selbstverpflichtung von Christinnen und Christen, für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung einzutreten.
Die Priester Alfredo Leaden, Alfredo Kelly und Pedro Dufau sowie die Seminaristen Salvador Barbeito und Emilio Barletti wurden in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 kaltblütig ermordet. Ihre Leichname wurden am frühen Morgen mit Einschusslöchern im Pfarrhaus der Pfarrei San Patricio im Stadtteil Belgrano der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires aufgefunden.
Nach heutigen Recherchen war die damalige US-Botschaft bereits vier Tage später überzeugt, dass das Massaker von der argentinischen Bundespolizei verübt worden war. Auch 50 Jahre nach dem Verbrechen besteht die Forderung nach vollständiger Aufklärung und strafrechtlicher Verfolgung weiter – bisher ohne Erfolg.
Das Massaker von San Patricio gilt als eines der symbolträchtigsten Ereignisse des staatlichen Terrors in Argentinien. Bereits am 2. Juli 2026 fand deshalb im argentinischen Senat eine Gedenkveranstaltung für die fünf ermordeten Pallottiner statt. Der Mord wird mit dem pastoralen Einsatz der pallottinischen Gemeinschaft für die sozial Schwächsten sowie mit ihrer Kritik an Menschenrechtsverletzungen während der damaligen Militärdiktatur in Verbindung gebracht.
Der Seligsprechungsprozess für die fünf Märtyrer wurde am 1. August 2005 auf Anordnung des damaligen Erzbischofs von Buenos Aires, Kardinal Jorge Bergoglio, des späteren Papstes Franziskus, offiziell eröffnet.
Zentrale Gedenkfeier in San Patricio, Buenos Aires
Am 4. Juli 2026 feierte die katholische Kirche in der Pfarrei San Patricio im Stadtteil Belgrano eine große Gedenkmesse zum 50. Jahrestag. Geleitet wurde sie vom Erzbischof von Buenos Aires, Jorge García Cuerva. Zahlreiche Gläubige, Pallottiner, Priester, Ordensleute und Laien nahmen daran teil.
Vor dem Altar standen die Porträts der fünf Ermordeten mit der Aufschrift:
„Su valor fue semilla que por siempre florecerá“
– „Ihr Mut wurde zum Samen, der für immer blühen wird.“
Erzbischof García Cuerva deutete die Erinnerung nicht nur rückblickend, sondern als Auftrag. Erinnerung müsse „zur Prophetie“ werden; Heilung der Wunden könne nur über Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden gelingen. Das „Verbrechen“ der fünf sei es gewesen, so der Erzbischof, „das Evangelium zur Unzeit zu verkünden“ und Leben und Menschenwürde zu verteidigen.

Eingebrannt in die Geschichte der pallottinischen Familie
Mit dem Eintrag in das Totenbuch der Pallottiner sind der Einsatz und das tragische Ende der Mitbrüder tief in die pallottinische Geschichte eingeschrieben. In allen Niederlassungen der Pallottiner wird täglich im Gottesdienst der Mitbrüder gedacht, die am jeweiligen Tag verstorben sind.
So wurde am 4. Juli 2026 nicht nur beim Tag der Provinz in Salzburg und im Provinzialat der Pallottiner im bayerischen Friedberg, sondern auch in zahlreichen Gottesdiensten weltweit der ermordeten Mitbrüder gedacht. In den Totenbüchern, die regelmäßig aktualisiert werden, sind auch jene Pallottiner verzeichnet, die während des Nationalsozialismus gequält und ermordet wurden. Zu den im deutschen Sprachraum bekanntesten zählen die polnischen Mitbrüder Pater Josef Jankowski, Pater Josef Stanek und Bruder Paul Krawczewicz sowie der Österreicher Pater Franz Reinisch und der Deutsche Pater Richard Henkes.
„Die Hoffnung, die Widerstand leistet“
„Märtyrer sprechen nicht vom Tod, sondern von einem Leben, das auch dem Tod ins Auge sieht.“ Mit diesen Worten eröffnete Monsignore Marco Gnavi eine tiefgründige Betrachtung über die Bedeutung des christlichen Zeugnisses in Zeiten von Krieg und Verfolgung. Er sprach bei einer Studien- und Ausbildungsveranstaltung, die am 20. Mai 2026 vom St. Vincent Pallotti Institut in Rom veranstaltet wurde.
Die Veranstaltung trug den Titel: „Die Hoffnung, die Widerstand leistet: Verfolgte Christen im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart. Erinnerung, Anklage und Engagement für Gerechtigkeit und Frieden“. Sie fand im Hotel Ponte Sisto anlässlich des 50. Jahrestags des Martyriums der Pallottiner statt, die während der argentinischen Militärdiktatur ermordet wurden.
Pater Daniel Rocchetti SAC, Direktor des St. Vincent Pallotti Instituts, eröffnete die Versammlung und lud die pallottinische Familie und die gesamte Kirche ein, sich vom Zeugnis der Märtyrer herausfordern zu lassen. „Geben wir wirklich unser Leben für Jesus? Stehen wir wirklich an vorderster Front für Gerechtigkeit und Frieden?“, fragte er. Die Märtyrer, so erinnerte er, seien Männer und Frauen, die sich nicht von den Fronten des Evangeliums zurückgezogen hätten.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Ansprache von Monsignore Gnavi, Pfarrer der Basilika Santa Maria in Trastevere und Kaplan der Gemeinschaft Sant’Egidio. Seit Jahren setzt er sich für die Bewahrung des Andenkens an die neuen Märtyrer ein. Gnavi erinnerte an die großen Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts und bezeichnete das vergangene Jahrhundert als „ein Jahrhundert des großen Fortschritts, aber auch ein Jahrhundert des Blutes“ – geprägt von Weltkriegen, Völkermord, Totalitarismus und Gewalt gegen Christen auf mehreren Kontinenten.
In seiner eindringlichen Rede erinnerte er an Persönlichkeiten wie Maximilian Kolbe, die Mönche von Tibhirine in Algerien sowie an Missionare, die im Kongo, in Pakistan und im Nahen Osten getötet wurden. Er betonte, dass das christliche Martyrium stets mit der Entscheidung für Frieden, Brüderlichkeit und Nähe zu den Armen verbunden sei. „Die Märtyrer zogen sich nicht von den Fronten des Evangeliums zurück“, sagte er. Ihr Zeugnis erleuchte weiterhin eine Welt, die von Konflikten, Falschmeldungen und neuen Formen der Gewalt geprägt sei.
Auch den Wert des Gedenkens hob Monsignore Gnavi hervor: „Das Gedenken an die Märtyrer ist eine Frage des Glaubens, der Verpflichtung und der Dankbarkeit.“ Die Kirche sei aufgerufen, diese Zeugnisse nicht nur als historisches Andenken zu bewahren, sondern als Herausforderung für Gegenwart und Zukunft anzunehmen.
Prozession zum Ort des Verbrechens und Gebet am Grab
Die Gedenkveranstaltungen in Buenos Aires erreichten am Samstag, 4. Juli 2026, ihren Höhepunkt. Das Programm begann um 10.30 Uhr mit einer Prozession von der Metro-Station Mártires Palotinos der Linie B zur Pfarrkirche San Patricio, dem Ort des Verbrechens.
Um 19 Uhr fand in der Pfarrkirche die zentrale Messe zum 50. Jahrestag statt. Erzbischof Jorge García Cuerva stand der Feier vor. Ordensleute, Familienangehörige, Gläubige und Mitglieder der pallottinischen Familie kamen zusammen, um an das Glaubenszeugnis, die Treue zum Evangelium und den Einsatz der fünf Pallottiner für Gerechtigkeit zu erinnern.
Am Sonntag, 5. Juli 2026, leitete der Generalrektor der pallottinischen Gemeinschaft, Pater Zenon Hanas SAC, um 11 Uhr eine weitere Eucharistiefeier im Zentrum für Pallottinische Spiritualität (CEPA).
Fortgesetzt wurden die Feierlichkeiten am Montag, 6. Juli 2026, mit einem Gebet auf dem städtischen Friedhof von Mercedes, wo die fünf Pallottiner-Märtyrer begraben liegen. Diese Ehrung war ein Zeichen der Dankbarkeit und des Gedenkens. Zugleich bekräftigte sie das Vermächtnis jener, die ihr Leben für Christus gaben.
Die Jubiläumsfeier erinnerte an die Märtyrer als Zeugen des Glaubens und der Hoffnung. Sie ermutigt neue Generationen, das Evangelium mutig und engagiert zu leben. Das Motto der Gedenkfeier brachte dieses Zeugnis auf den Punkt: „Gemeinsam lebten sie, gemeinsam starben sie. Heute sind sie Licht und Leben.“

Bericht: Josef Eberhard
Quellen: St. Vincent Pallotti Institut, Rom; Webauftritt des Generalats der Pallottiner in Rom, www.sac.info; Agencia Informativa Católica Argentina (AICA), Katholische Nachrichtenagentur Argentiniens; Página/12, argentinische überregionale Tageszeitung mit Sitz in Buenos Aires; Irische Pallottiner, https://pallottines.ie/.
Bilder: AICA, www.aica.org; Santa Maria Provinz, Palotinos Brasilien, https://pallotti.com.br/; greens87 (Vektorillustration Buenos Aires).
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