"Pfarreien der Zukunft" - wie geht es weiter?

Großes Interesse am 2. Akademietag der Vallendarer Pallottiner

„In unserem Bistum wurde die Synode von unserem Bischof genutzt, um möglichst viele Synodale am ‚Bau‘ der neuen Kirchenstruktur zu beteiligen“, sagte Prof. Dr. Paul Rheinbay SAC, Leiter des Instituts für Wissenschaftliche Weiterbildung (IWW) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) und damit Organisator der jährlich stattfindenden Akademietage. „Damit wurde eine grundlegende Umorientierung festgeschrieben: unter anderem größere Seelsorgeeinheiten, Abschied von traditionellen Gemeindestrukturen, viele kleine Zentren als Glaubensorte, in der Leitung ein Team aus Priestern und Laien.“
Aufgrund der aktuellen Aussetzung des Umsetzungsgesetzes der Bistumssynode, saß das neue Leitungsteam nicht wie geplant vollständig auf dem Podium des 2. Akademietages, sondern im Publikum unter den rund 200 Teilnehmenden. An dem Akademietag ging es um die Synode, ihre Dokumente und die Sprache sowie um die Umsetzung ihrer Ergebnisse.

Der Elefant im Raum

Erster Referent zum Thema „Was wollen wir mit der Kirche? Weg von der Frustration hin zu Glaubens-Räumen in neuen Strukturen“ war Dr. Robert Plum, Pastoraltheologe an der Universität Bonn. In seiner „politischen Lesung des Textes“ ordnete er das Trierer Synodendokument „Heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen“ (2016) kritisch ein und analysierte den Text nach verschiedenen Punkten: der Sprache, „dem Elefant im Raum“ (dem Vorbehalt des Kirchenrechts) sowie irreführenden Karikaturen im Hinblick auf den Einzelnen, das Evangelium und die Geschichte.
Die Aussagen, die als Gründe für die „Neuorientierung“ gelten, bezeichnete er als „zu vage und allgemein“ formuliert. „Die Kirche ist hinter ihren Ansprüchen zurückgeblieben“; Wir haben uns schuldig gemacht an den Menschen und vor Gott“; „Es gibt eine Spannung zwischen dem ‚Drang zum Neuaufbruch‘ (Paulus) und der ‚Rückbindung an den Ursprung‘ (Petrus). „Was ist damit genau gemeint?“, fragte Dr. Plum.

Dem Leidenden eine Stimme geben

Anstatt die Ziele umzusetzen, vom Einzelnen her zu denken und Charismen vor Aufgaben zu stellen sowie weite pastorale Räume einzurichten und netzwerkartige Kooperationsformen zu verankern, komme es nun zu einer Prüfung, ob das Gesetz von Bischof Ackermann mit dem universellen Kirchenrecht übereinstimme, so der Referent. Er bezeichnete das Dokument als einen „Werbetext vom Konzern Kirche“, die Sprache darin sei übertrieben positiv, appellierend, manchmal trivial mit vielen Floskeln, z.B. „Schritte wagen“, „sich inspirieren lassen“, „Option für die Armen“. Auch hier fragte er: Was heißt das genau? Wer sind die Armen, Unterdrückten, Marginalisierten im Bistum Trier? Wie steht es um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf allen Leitungs- und Arbeitsebenen? „Was ist mit dem Einzelnen gemeint? Wie abweichend darf der Einzelne sein? Gibt es hier Denkverbote?“. Auch fragte er vor dem Hintergrund der pluralen Lebensentwürfe nach der implizit geforderten Verbindlichkeit der christlichen Lehre und ihrem Wahrheitsanspruch. Entscheidend sei letztlich, wie es gelingen könne, dem Leidenden eine Stimme zu verleihen.

Zweiter Akademietag der Pallottiner in Vallendar
Über 200 Besucher interessierten sich für die aktuelle Situation der Gemeinden im Bistum Trier

Bistum hat Zeit für den Wandel

Als Mitglied des designierten Leitungsteams in Koblenz sprach Frau Gabriele Kloep-Weber, Pastoralreferentin in Bad-Kreuznach und ehemalige Synodale. In ihrem Impuls berichtete sie von den gemischten Gefühlen hinsichtlich der Aussetzung: Einerseits habe es Frust und Enttäuschung gegeben, andererseits auch Erleichterung darüber, dass die Geschwindigkeit nun gedrosselt werde. „Strukturell ist es offen, wie es weitergeht, inhaltliches wird nicht in Frage gestellt“, sagte Kloep-Weber. Beides sei zur weiteren Organisationsentwicklung wichtig. In ihrem Impuls sprach sie über Glaubensräume und grundlegende Linien des Synodendokuments aus ihrer Perspektive.

Viele Menschen erkennen, dass sie mitgestalten wollen

Anhand des Modells der 5-Phasen moralischer Revolution von Kwame Anthony Appiah (Ignoranz – Anerkennung – Anerkennung des persönlichen Bezugs – Handeln – Rückblick) stellte sie den aktuellen Veränderungsprozess in der Kirche vor. „Wir befinden uns aktuell in der 3. Phase, beim Innehalten im Reformprozess: Hier erkennen viele Menschen, dass sie mitgestalten wollen und dass sie Teil des Prozesses sind“, so Kloep-Weber. „Heraus gerufen, das Synodendokument, dient als Wegweiser, der uns dazu ermutigt unseren eigenen Weg zu finden.“

Sie skizzierte drei Grundlinien des Dokuments: 1. Kirche in der Welt – wir haben was zu sagen. 2. Lass mich dich lernen – ein Wegweiser. 3. Diakonischer werden ist gläubiger werden. Es gehe darum, sich berühren zu lassen und sein Herz zu öffnen. Ziel sei nicht in erster Linie, tätiger zu werden, sondern vielmehr eine vertiefende Perspektive einzunehmen. „Dann sind Orte des Glaubens Räume, in denen wir gläubiger werden“, sagte Kloep-Weber. „Als Kirche stehen wir vor einer tiefgreifenden Veränderung, dem Ziel in die 4. Phase des Handelns zu kommen. Es braucht die radikale Wandlung“, so Kloep-Weber. „Es braucht Demut und Orte, an denen wir sie zusammen einüben. Demut und Wagemut gehören zusammen.“

Offen für Charismen
Als Kirche stehen wir vor einer tiefgreifenden Veränderung. Es braucht die radikale Wandlung.
2. Akademietag der Pallottiner in Vallendar an der PTHV
2. Akademietag der Pallottiner in Vallendar (v.l.n.r.): Prof. Dr. Paul Rheinbay SAC, Gabriele Kloep-Weber, Thomas Hüsch, Irene Wehlen-Schüßler, Dr. Robert Plum

Wir brauchen eine gute Erdung und eine gute Himmelung

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion ging es um Einblicke in die Situation vor Ort. Es diskutierten neben dem Referenten und der Referentin Thomas Hüsch, Dechant von Koblenz und ehemaliger Synodale, und Irene Wehlen-Schüßler, Gemeinde Maria Himmelfahrt, Koblenz. Sie ist Ehrenamtliche und seit 15 Jahren in der Gremienarbeit aktiv. „Ein Ort von Kirche sind wir längst, das haben wir geschafft. Was es jetzt angesichts von viel Unsicherheit, Frust und oft mangelnder Unterstützung braucht ist eine gute Erdung oder eine gute (Wortschöpfung) ‚Himmelung‘“, war ihr Statement.

Thomas Hüsch sprach über Schwierigkeiten, welche die Aussetzung mit sich bringt: „Es ist eine Zäsur.“ Auch er berichtete von gemischten Reaktionen auf die Aussetzung: „Der Frust ist die Herausforderung vor der wir stehen. Das Problem ist, dass gerade die Guten verloren gehen. Wir müssen dranbleiben und miteinander unterwegs bleiben“, erklärte Hüsch. „Bei der Prüfung geht es um Fragen des Umsetzungsgesetzes, und nicht um Kerninhalte der Synode.“

Einig seien sich alle darin gewesen, dass es so nicht weitergehen könne. Das Problem finde auf der emotionalen Ebene statt: im Abschied von den alten Pfarreien. „Wir müssen die jetzige Situation als Chance betrachten. Man kann noch korrigieren, unabhängig von dem, was von Rom noch vorgelegt wird.“ Fragen des Publikums waren unter anderem: Wie verändert der Glaube unser Handeln? Wo gibt es positive Beispiele für Glaubensräume? Was heißt in diesem Zusammenhang Demut – auch im Vergleich zum Wagemut? Begriffe wie Reformstau, Macht und Ohnmacht kamen zur Sprache.

„Der Akademietag hat das Bild von Wandlung aufgezeigt, das verschiedene Phasen hat“, so Prof. Rheinbay zusammenfassend. „Wir stehen aktuell auf unterschiedlichen Stufen der Entwicklung. Alle wünschen sich, dass wir zusammen jene Orte von Kirche stärken, wo Glaube und Leben lebendig sind.“

Wohin steuert unsere Wirtschaft? 2. Akademietag der Pallottiner in Vallendar 2020
Was wollen wir mit der Wirtschaft? Foto: Aktien Kurse von m.mphoto adobe stock

3. Akademietag am 25. Januar: Was wollen wir mit der Wirtschaft?

Am 25. Januar 2020 findet von 14.00-17.15 Uhr in der Aula der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) der für dieses Jahr letzte Akademietag der Pallottiner in Vallendar statt. Thema: „Was wollen wir mit der Wirtschaft?“. Die Rohstoffe und die Regenerationsfähigkeit der Erde sind begrenzt. Das Ziel unseres Wirtschaftssystems ist Wachstum, das Zauberwort der Unternehmen heißt „Skalierung“ oder schlicht „Vergrößerung“. Der Widerspruch liegt auf der Hand. Aber wie lässt er sich jenseits von Katastrophenszenarien auflösen? Alternative Wirtschaftsmodelle wie die Gemeinwohl-Ökonomie setzen hier an: Diese propagiert den Aufbruch zu einer ethischen Marktwirtschaft, deren Ziel nicht die Vermehrung von Geldkapital ist, sondern das gute Leben für Alle. Sie setzt Menschenwürde und -rechte sowie ökologische Verantwortung als Gemeinwohlwerte auch für die Wirtschaft in Kraft.

Der dritte Akademietag widmet sich dieser Thematik und beleuchtet, inwiefern wir uns aus der „Diktatur“ einer wachstumsfixierten Ökonomie befreien können, um uns der „Sorge um das gemeinsame Haus“ (Papst Franziskus) zu widmen. Es diskutieren Frau Prof. Dr. Engelen-Kefer, Professorin an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und Vizepräsidentin des Sozialverbandes Deutschland (SoVD), Dr. Hanno Heil, Theologische Fakultät der PTHV und Gemeinwohl-Regionalgruppe Koblenz / Mittelrhein, Frau Dr. Gabriele Wolff, coaching-wolff.de und Rhein-Ahr Campus Remagen, mit Moderator Daniel Steiger, Leiter der Fachstelle für Katholische Erwachsenenbildung Koblenz.

Die Akademietage werden in gemeinsamer Trägerschaft mit der Katholischen Erwachsenenbildung Fachstelle Koblenz und der Katholischen Erwachsenenbildung der Bildungswerke Westerwald und Rhein-Lahn geplant und umgesetzt. Nach den Veranstaltungen ist Gelegenheit zur Teilnahme an der sonntäglichen Vorabendmesse gegeben. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei; Spenden erbeten. Weitere Informationen bei Frau Stefanie Fein, IWW, Tel.: 0261/6402-255, E-Mail: sfein@pthv.de.

Dom zu Trier
Trierer Dom und Liebfrauenkirche Foto: pixs:sell adobe stock

Hintergrund - Bistumssynode Trier

Umsetzung der Bistumssynode ausgesetzt

Am 21.11.2019 hat Bischof Dr. Stephan Ackermann die Nachricht erhalten, dass die Kongregation für den Klerus entschieden hat, den Vollzug des „Gesetzes zur Umsetzung der Ergebnisse der Diözesansynode 2013-2016“ auszusetzen, damit der Päpstliche Rat für die Interpretation der Gesetzestexte eine sorgfältige Durchsicht und Prüfung des Gesetzes durchführen kann. Auslöser war die Beschwerde einer Priestergemeinschaft bei der Kleruskongregation. Zudem liegt dem Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte der Antrag einiger Gläubigen aus dem Bistum vor, die Übereinstimmung des Umsetzungsgesetzes mit dem universalen Kirchenrecht zu prüfen. Bischof Ackermann hat nun, wie von der Kongregation erbeten, Stellung genommen zu der Beschwerde, die die Priestergemeinschaft Unio Apostolica eingereicht hat. Bereits in seinem Brief zum 1. Advent an die Gläubigen im Bistum Trier äußerte er sich wie folgt: „Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass der mit der Synode eingeschlagene Weg, den wir mit dem Umsetzungsgesetz konkretisiert haben, ein guter Weg in die Zukunft ist.“

Erst wenn eine Entscheidung der Kleruskongregation nach der Prüfung des Gesetzestextes vorliegt, können weitere Schritte gemäß der abzuwartenden Entscheidung gegangen werden. Erst dann kann ein neuer Zeitplan für die Pfarreien der Zukunft vorgelegt werden. Inzwischen wurden Übergangsmandate für die Gremienmitglieder verschickt. Es gab zudem Gespräche mit den Mitgliedern des Leitungsteams über ihren Einsatz für die Zeit der Aussetzung.

Die Pfarreien der Zukunft: Ein Team in der Gesamtverantwortung

Zum 1. Januar 2020 sollten die ersten 15 Pfarreien der Zukunft errichtet werden, 35 sollten es insgesamt werden. Das Leitungsteam der Pfarrei der Zukunft soll die Pastoral koordinieren und die Verwaltung in der Pfarrei der Zukunft steuern. Es setzt sich zusammen aus einem Pfarrer, aus zwei weiteren Hauptamtlichen (leitende Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter des Bistums) und bis zu zwei Ehrenamtlichen. Die Ehrenamtlichen werden vom ersten Rat der Pfarrei gewählt und vom Bischof ernannt. Das Profil der Ehrenamtlichen soll im Team abgestimmt werden.

Text und Bilder: Verena Breitbach / PTHV
Kontakt zur PTHV: www.pthv.de

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