„Mitten in der Welt“
Die Kleinen Schwestern Jesu sind eine katholische Gemeinschaft, die – wie auch die Kleinen Brüder Jesu – im 20. Jahrhundert gegründet wurde. Eine „moderne“ Spiritualität begeistert sie, die sich ganz aus dem Leben Jesu inspiriert und deshalb ursprünglich christlich und hoch authentisch ist. Kloster gibt es keines, Ordenstracht auch nicht. Vorbereitet wurde der Weg durch den Franzosen Charles de Foucauld (1858-1916), der den wichtigsten Teil seines Lebens in Algerien unter Muslimen und Nomaden verbrachte, deren Leben teilte, bis er schließlich dort getötet wurde. 2005 wurde er heiliggesprochen. Bruder Karl, wie er auch genannt wird, suchte sein Leben lang vergebens nach Gefährten, die mit ihm das Los der Ärmsten teilen würden. Die Gemeinschaften in seinem Geist entstanden erst später. Kleine Sr. Magdeleine von Jesus ist die Gründerin der Schwesterngemeinschaft.
In Wien lebt Kleine Sr. Sabine. Es ist ein unauffälliges, normales Leben mitten in einem der von vielen MigrantInnen dicht besiedelten Bezirke Wiens. Die Schwestern sind berufstätig in einfachen Arbeiten, um dadurch mit vielen Menschen in Beziehung treten zu können und für sie da zu sein. Nach „Sichtbarkeit“ in der Kirche streben sie nicht und sind doch weithin wirksam durch ihre schlichte Präsenz als verlässliche und aufmerksame Freundinnen im alltäglichen Leben – starke Frauen, die mit ihrem Leben glaubwürdig Zeugnis geben. Auf meine Frage, was ihnen Kraft gibt, erzählt Kl. Sr. Sabine manch Überraschendes von ihrem Glaubensweg.
Gespräche, Begegnungen, Menschlichkeit: Ein Einblick von Kl. Sr. Sabine
Es ist mitunter ganz einfach und doch manchmal gar nicht leicht, einem Menschen wirklich so zu begegnen, dass etwas von seiner Wahrheit, seiner Originalität und Größe aufscheinen kann und dass ich mich davon berühren lasse. Vorgefasste Meinungen, Äußerlichkeiten, Ängste hindern uns oft, einander wirklich zu begegnen. Echte Begegnung ist immer Geschenk. Wenn sie gelingt, empfinde ich so etwas als Geschenk. Es entsteht eine Art Geborgenheit in dem, was zwischen uns geschieht. Liebevolle Gesten vermögen uns tief zu berühren. Echte Begegnungen verwandeln uns. Charles de Foucauld hat sich durch die Begegnung mit Muslimen auf die Suche nach Gott gemacht. Das war der Beginn seiner Begegnung mit Jesus Christus. Die Zuneigung seiner gläubigen Cousine und ihr Lebensstil hat ihn schließlich von der Wahrhaftigkeit des katholischen Glaubens überzeugt. Nicht von ungefähr wurde für ihn die Begegnung von Maria und Elisabeth im Lukasevangelium ein Leitmotiv. Es zeigt, dass Christus in uns lebt und wir ihn weiterschenken können.
In unserer Berufung ist Beziehung zentral, denn wir haben keine „Werke“ wie die meisten Orden. Unser Werk ist das Dasein, das Angebot der Freundschaft, die im besten Fall die Güte Gottes durchscheinen lässt. Dabei muss ich nicht immer etwas zu geben haben, sondern darf die Liebe, die Gott mir durch andere schenken will, empfangen.
Neulich saß ich in der U-Bahn neben einem Mann, der unglaublich müde war. Er schlief immer wieder ein, schwankte hin und her und stieß schließlich an mir an. Da fuhr er hoch, entschuldigte sich und erzählte, wie er schon seit Mitternacht auf dem Flohmarkt war, erst um sich einen guten Platz für seinen kleinen Stand zu reservieren, dann um ein wenig Geschäft zu machen. Seine Mühe, etwas Geld zu verdienen, berührte mich. Er war so erschöpft, dass ich fürchten musste, er würde seine Ausstiegsstelle verschlafen. So versuchte ich, mit ihm im Gespräch zu bleiben, worüber er dankbar war.
„Wichtiger als dein Dasein als Ordensfrau ist dein Dasein als Mensch und Christin. Lebe es in der ganzen Fülle und Schönheit, die in diesen Worten liegt. Sei ganz und gar Mensch, um Gott, dem Vater, der dich erschaffen hat, Ehre zu erweisen und um Zeugnis zu geben für die Menschwerdung Christi, deines geliebten Bruders und Herrn. Je tiefer und vollkommener dein Menschsein reicht, desto tiefer und vollkommener kannst du es Gott in den Ordensgelübden schenken.“ Kl. Sr. Magdeleine von Jesus
Einfache Bedingungen, bei den Armen sein, Gastfreundschaft
Wir wohnen meist in kleinen Gruppen, in normalen preisgünstigen Wohnungen und suchen einfache Arbeiten im Niedriglohnsektor. Später leben wir von kleinen Renten. Wir wollen unser Leben selbst finanzieren. So sind wir mittendrin im Alltag der „kleinen Leute“ und leicht ansprechbar. Ich lebe zurzeit mit zwei Mitschwestern in Wien in einer multikulturellen Umgebung. Unser Bezirk macht immer wieder durch Gewalt Schlagzeilen. Viele junge Männer sind arbeitslos und nachts auf den Straßen unterwegs. Unter ihnen gibt es Machtkämpfe, die auch uns beunruhigen. Vom täglichen, durchaus friedlichen Zusammenleben schreibt leider selten jemand. Wir Kleinen Schwestern gehören hier dazu und sind in Kontakt mit Menschen verschiedener Herkunft. Es ist bereichernd, in dieser kulturellen Vielfalt zu leben. Gastfreundschaft ist uns wichtig. Andere empfangen gibt uns selbst Heimat. Wir heißen willkommen, hören zu, helfen, wo es uns möglich ist, feiern gemeinsam, lassen uns einladen. Manche teilen gerne mit uns, was sie gerade bewegt. Andere sind zurückhaltender. Vertrauen braucht Zeit, um zu wachsen.
Ich staune, wie ein Gratis-Dasein, d.h. ein Dasein, das nichts einfordert, sondern schlicht die Hand ausstreckt, um ein Stück Weg mitzugehen, Menschen Hoffnung schenken kann. Wahrgenommen, gesehen und anerkannt zu werden, das kann Halt geben. Wir wollen denen Schwestern und Freundinnen sein, die sonst niemand hätten, der für sie da ist. Die Armen sind die Einsamen, alte Menschen, psychisch Kranke oder Menschen mit Migrationshintergrund. Armut ist oft versteckt und zeigt sich erst, wenn man näher in Kontakt kommt.
„Das Ordensleben verlangt nicht von dir, abgesondert von der Welt zu leben. Mach es wie Jesus, der für uns das Beispiel des vollkommenen Lebens ist: Nimm die Gastfreundschaft an, die dir angeboten wird, teile die Mahlzeiten deiner NachbarInnen und FreundInnen, freue dich mit ihnen, lebe als Kleine Schwester mit ihnen – du kannst ihnen dadurch etwas von der Größe und Schönheit des Christseins und des Ordenslebens nahebringen.“ Kl. Sr. Magdeleine
Freundschaft leben, unsere Weise der Verkündigung
Manche Beziehungen in meinem Leben dauern über viele Jahre. Sie sind durch gemeinsame Arbeit oder Nachbarschaft entstanden. Sie haben mich bereichert. In Klagenfurt habe ich einige Jahre in einer Wäscherei gearbeitet und Suada kennengelernt. Sie hat mich im Winter oft mit ihrem Auto mit in die Arbeit genommen. Bei ihr zuhause habe ich den türkischen Kaffee lieben gelernt. Wir haben einander gestärkt, wenn das Arbeitsklima rau und der Druck groß war. Suada hat viel von ihrer anstrengenden Ehe mit mir geteilt. Sie wusste, dass ich für sie bete. Von ihrer eigenen Religion, dem Islam, kannte sie wenig. Einmal war ich mit ihr im Kino. Es lief ein Film über die Wallfahrt nach Mekka. Davon spricht Suada heute noch, weil es ihr half, ihren Glauben zu vertiefen.
In Graz war ich Reinigungskraft im Krankenhaus. Die Pause verbrachte ich gern mit Jana. Ihr origineller Humor war mir sehr sympathisch. Oft war Jana aber auch deprimiert. Sie glaubte nicht mehr an sich. Eine tyrannische Beziehung machte sie total kaputt. Aber sie konnte sich nicht lösen. Meine Nähe gab ihr Kraft. Schließlich konnte sie sich aus der Abhängigkeit befreien, eine neue Wohnung finden, eine Ausbildung machen, ein neues Leben beginnen. „Ohne dich hätte ich das nie geschafft!“ Eigentlich war ich nur ermutigend da.
Verkündigung geschieht ganz unmittelbar durch unser Lebenszeugnis. Die Früchte unserer Absicht, in Liebe da zu sein, bleiben jedoch oft unsichtbar.
Leid und Kontemplation, stärkende Gemeinschaft
Manchmal halte ich die Not der anderen schwer aus. In unserer Nähe ist eine Frau aus dem Fenster gesprungen. Ich kannte sie nicht, aber ihr Schicksal rührte mich zu Tränen. Was war passiert? Welche Verzweiflung hat sie durchgemacht! Ich spüre meine Ohnmacht vor solchem Leid.
Regelmäßig ziehe ich mich zu stillen Stunden oder Tagen des Gebets zurück, nicht nur, um mich neu zu sammeln. Beim Herrn sein, in der Stille aushalten, Fürbitte halten, sein Wort und seine Zuwendung empfangen – das ist mir ein lieber Ort der Geborgenheit geworden. Hier findet auch meine Ohnmacht Raum. Im Schweigen wächst eine Verbundenheit, die mich im Alltag trägt.
Ohne die Gemeinschaft wäre meine Berufung unmöglich. Hier gehöre ich dazu und weiß mich in einer gemeinsamen Sendung. Hier bin ich angenommen mit Stärken und Schwächen und darf mich zuhause wissen, sei es in Wien oder überall in der Welt, wo Kleine Schwestern Jesu leben. Die Art und Weise unseres Daseins und Betens schafft ein solides gemeinsames Fundament. Ehrliche Kommunikation und Dialog helfen die Herausforderungen miteinander zu bestehen. – Eine „starke Frau“ in der Kirche? Wird schon so sein, aber die wahre Stärke kommt allein von Gott und den Menschen, mit denen ich lebe.
Brigitte Proksch
Bild: Severina Bartonitschek/KNA
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