Auch aus diesem Heft:

Das Aschenkreuz erinnert an die Vergänglichkeit des Menschen und lädt zur Umkehr und Buße ein.

Geheimnis hinter dem Tuch

Verhüllen und Enthüllen. Nicht nur in den Wochen vor Ostern trägt das Verhüllen von Kreuzen und Bildern in katholischen Kirchen zu einem neuem Sehen bei

Wer in den Wochen vor Ostern die Moritzkirche in Augsburg besucht, um ihr Herzstück, die Skulptur des Christus Salvator von Georg Petel, zu bewundern, könnte enttäuscht sein. Denn die Figur des auferstandenen Christus’, die dem Betrachter von der Apsis her entgegenkommt, ist durch eine von der Decke bis zum Boden reichenden Tuchbahn verhüllt. Dass diese Christusfigur sichtlich fehlt – obwohl ja klar ist, dass sie nicht verschwunden, sondern nur verborgen ist – irritiert, mag manchen sogar schmerzen. Der verbergende Schleier stellt optisch eine Leerstelle dar: Der Christus Salvator fehlt.

Verbergen, Verhüllen – wieder Enthüllen, dies gehört zu einer Grunderfahrung des Menschen. Einer Erfahrung, die oft sogar, wie in den Wochen der österlichen Bußzeit, bewusst gestaltet wird. In unseren Kirchen findet sich der Brauch, dass ab dem Sonntag vor dem Palmsonntag die Kreuze mit Tüchern verhüllt werden. Dieser Brauch geht zurück auf das Konzil von Trient (1547 bis 1563), infolgedessen man von der ersten Vesper des Passionssonntags an die Kreuze und Bilder verhüllte. Die Gründe dafür liegen bislang noch im Dunklen, könnten aber damit zusammenhängen, dass man das Bewusstsein für den leidenden Christus vertiefen wollte. Das römische Messbuch von 1969 stellt diesen Brauch frei, plädiert aber dafür, ihn weiterhin zu pflegen. In der Karfreitagsliturgie werden die Kreuze wieder enthüllt, die Bilder jedoch erst in der Feier der Osternacht. Am Ostermorgen, in der Liturgie der Osternacht, fällt auch das Tuch vor dem Christus Salvator in der Moritzkirche in die Tiefe und gibt den Auferstandenen wieder den Blicken frei. Es ist ein wunderbarer Moment, mitzuerleben, wie dieses Tuch zu Boden gleitet und nun zu Füßen des Auferstandenen liegt, der aus dem Morgenlicht entgegenkommt. Schon länger gibt es die Tradition.

Etwas verhüllen, von dem gewiss ist, dass es gegenwärtig ist, klingt zunächst paradox. Das Verhüllen jedoch gibt dem, was (noch) verhüllt ist, einen höheren Wert. Warum verpacken wir Geschenke? Bei besonders kostbaren Geschenken, etwa Schmuck oder einem Duft, ist selbst die Verpackung aufwendig gestaltet. Im Akt des Auspackens, des vorsichtigen Entfernens des Geschenkpapiers, im Lösen der Schleifen, wachsen Vorfreude und Spannung auf das Geschenk selbst – bei den Beschenkten und auch den Schenkenden.

Warum verhüllen und enthüllen wir Denkmäler oder Kunstwerke, die zum ersten Mal von den Augen der Öffentlichkeit bestaunt werden sollen? Im Moment der Enthüllung wird deutlich, dass das, was gleich zu sehen sein wird, nicht einfach da ist, sondern dass durch den Prozess seines Erschaffens etwas Neues entstanden ist. Es versammeln sich davor Menschen, die dieses Neue nicht als selbstverständlich, als ein schon immer Dagewesenes ansehen, sondern es in diesem Moment gemeinsam bestaunen und sich daran erfreuen.

Warum braucht es im Theater einen Vorhang, der nach oben gehoben oder zur Seite geschoben wird und den Blick auf die Szenerie frei gibt? Solange dahinter auf der Bühne noch nicht gespielt wird, lässt der geschlossene Vorhang dem wartenden Publikum Raum, sich auf das Kommende einzulassen. Durch das langsame Auf- oder Hochziehen des Vorhangs wird behutsam auf das nun Folgende eingestimmt.

Welche Sensation war es, als im Sommer 1995 der Künstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude den Berliner Reichstag verhüllt hatten! Der Reichstag gewann durch seine silberne Hülle eine besondere Aufmerksamkeit. Man ging nicht einfach achtlos daran vorbei, sondern konnte nicht anders, als hinzuschauen.

Wenn etwas verhüllt ist, stellt es ein Geheimnis dar, das nicht Offensichtliche, nicht Greif- und Begreifbare. Auch Gott ist der für uns Unbegreifliche, nicht mit unseren menschlichen Sinnen Fassbare. Da kommt es einem manchmal vor, als sei ein Schleier vor Ihm und auch unseren Augen, der erst bei unserer Vollendung weggezogen sein wird, wenn wir Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Auf Erden könnten wir dies wohl kaum ertragen. Von Mose wissen wir, dass er am brennenden Dornbusch, im dem sich ihm Gott als der „Ich bin der Ich bin“ (2.Mose 3,14) offenbart hatte, sein Gesicht verhüllte, weil er sich „fürchtete, Gott anzuschauen“ (2.Mose 3,6). Nachdem Elija im „sanften, leisen Säuseln“ (1.Könige 19,12) des Windes Gott erkannt hatte, „hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich in den Eingang der Höhle“ (1.Könige 19,13). Es ist ein wechselseitiges Verhüllen und Enthüllen, von dem die Bibel erzählt: Es verhüllt sich Gott, aber niemals so weit, dass er nicht vom Menschen erkannt und erahnt werden kann. Es verhüllt sich der Mensch in staunender Ehrfurcht vor Gottes Größe.

Wenn uns etwas immer vor Augen ist, kann es sein, dass wir uns an seinen Anblick so sehr gewöhnen, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen. Es für eine gewisse Zeit bewusst aus unserem Blickfeld nehmen, es verhüllen, kann die Chance sein, etwas wieder mit neuen Augen zu sehen und neu wertzuschätzen. Ist etwas eine Zeitlang verhüllt, fällt vielleicht auch mehr auf, wenn es uns fehlt. Wie der vertraute Blick auf Jesus Christus am Kreuz oder den Auferstandenen, der uns entgegenkommt. Ihn wieder enthüllt zu sehen, kann wie ein herrliches Wiedersehen nach langer Zeit sein.

Gerlinde Knoller

ist Journalistin. Sie studierte Germanistik und Geschichte (M.A.) und Theologie des Geistlichen Lebens (M.A.). Derzeit promoviert sie zu einem Thema, in dem es um die Spiritualität in der Literatur geht.

Bild: Moritzkirche Ausgburg, Christian Wild

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