Ansteckungsgefahr – bis heute

Eine Erzählung über Kälte, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit, die für Pater Henkes Interesse wecken will:

Der Wind drang schneidend kalt durch die Ritzen der Holzbaracken von Dachau. Sein endloses Heulen vermischte sich mit den Seufzern der Häftlinge. Es war November 1944. Draußen brachen die Fronten ein, drinnen – in der Hölle von Dachau – schwanden nicht nur die Kräfte vieler, sondern auch ihr innerer Halt. Der letzte Funken Hoffnung drohte zu erlöschen – die Quelle für Menschlichkeit und Lebendigkeit zu versiegen.

Die „innere Ansteckung“: Abstumpfung und Gleichgültigkeit

Auch Richard Henkes, ein Pallottiner aus dem Westerwald, spürte die Gefahr der Abstumpfung. Kein Wunder unter diesen Umständen! Tag für Tag hatte er zerlumpte und abgemagerte Mithäftlinge vor Augen, blickte er in Gesichter voller Leere.

Wie lange hält man diesen Anblick aus, ohne sich anzustecken – ohne selbst abzustumpfen und ebenfalls teilnahmsloser, kälter und leerer zu werden?

Die menschenverachtende Lagerordnung setzte den Insassen nicht nur körperlich zu, sie vergiftete auch ihre Seelen. Erniedrigung und Unterdrückung hatten System. Innere Lebendigkeit, Mitgefühl und Solidarität wurden bewusst zermürbt und erstickt. Mit jedem Brüllen der SS-Aufseher versanken die Häftlinge tiefer in Resignation, Lähmung und Apathie. Brach einer vor Hunger zusammen, zuckten immer weniger zusammen. Brach einer aus, um dann als Flüchtiger erschossen zu werden, erzeugte das zunehmend weniger Erschrecken und Mitgefühl.

Widerstand im Kleinen: Menschlichkeit als Entscheidung

Henkes – selbst von den Strapazen mitgenommen – kämpft immer wieder gegen dieses Absterben der Menschlichkeit. Das Brot, das er mit einem Sterbenden teilt, ist auch ein Schrei gegen die Gleichgültigkeit. Wenn er nachts einem Mithäftling die fast erfrorenen Füße massiert, liegt darin auch ein Aufruf zur Mitmenschlichkeit.

Sieht doch der Pallottiner in diesen erbärmlichen, zu Nummern degradierten Kreaturen immer noch, ja vor allem Menschen, Abbilder Gottes – Lebewesen mit unzerstörbarer Würde.

Flecktyphus: Quarantäne und Isolation als neue Grenze

Eines grauen Novembertages steigerte sich das Grauen noch einmal. Eine neue, lautlose und unsichtbare Gefahr kroch durch die Blocks: Flecktyphus. In den überfüllten Baracken hatte die tödliche Seuche leichtes Spiel.

Die Reaktion des Systems kam schnell und mit äußerster Brutalität: Isolation. Mehrere Blocks, darunter die Baracke 17, wurden unter Quarantäne gestellt. Stacheldraht riegelte die Holzgebäude ab. Niemand durfte hinein. Und niemand wollte noch hinein. Angst vor Ansteckung trennte die Häftlinge augenblicklich voneinander. Die Eingeschlossenen waren sich selbst überlassen, zum einsamen Sterben verurteilt.

Die Grenze des Mitgefühls und der Menschlichkeit schien erreicht. Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit wurden zur eigentlichen Seuche und zum letzten seelischen Schutzschild.

„Ich kann nicht achselzuckend zusehen“: Der Entschluss von Pater Henkes

An diesem Punkt, als die Isolierten von Mitgefühl und menschlicher Anteilnahme abgeschnitten zu werden drohten, tritt Pater Henkes dem scheinbar Unabwendbaren entgegen. Er bespricht sich mit vertrauten Mitgefangenen: „Sie sterben da drinnen allein“, sagt er, „ohne Beistand. Sie verenden regelrecht. Ich kann nicht achselzuckend zusehen, dass wir ihnen unsere Hilfe vorenthalten. Mein Gewissen meldet sich: deutlich und unüberhörbar. Diesem Ruf kann und will ich nicht ausweichen.“

Viele versuchten, ihn abzuhalten. Sie argumentierten mit dem nahezu sicheren Tod, mit dem vielen Guten, das er außerhalb der Quarantäne noch leisten könne, mit seinen Plänen für die Zeit nach dem Krieg. Doch Richard Henkes blickt über den begrenzenden Stacheldraht hinaus. Er sieht das Nein zu Mitgefühl, zu Liebe und Würde, das die Nazis gerade hier im Lager systematisch züchteten. Er weiß: In Dachau wird nicht nur um Überleben und Freiheit, sondern auch um Menschlichkeit und Haltung gekämpft.

„Wenn die SS uns die äußere Freiheit nimmt“, erwidert Henkes, „müssen wir die innere umso entschlossener verteidigen. Ich bin Priester, bin gerufen, Sterbenden beizustehen – für die Achtung ihrer Würde einzustehen. Da darf ich nicht ausweichen: Der Satz ‚Einer muss da sein, es zu sagen‘, gilt auch jetzt. Diese dem Tod geweihten Kranken sind doch nicht weniger Mensch, nicht weniger wert als wir. – Einer muss da sein, dies zu bezeugen.“ Henkes weiß, was er sagt – weiß, was er zu tun gedenkt. Seine Bereitschaft ist keine momentane Gefühlswallung, kein Strohfeuer. Diese Entscheidung hat er sich abgerungen – gegen die Angst, gegen die weltliche Logik und Vernunft.

Der Schritt in Block 17: Gegen Angst und System

Henkes’ Entschluss stand fest. Die Reaktion der anderen im Priesterblock war eine Mischung aus Schauder und Bewunderung. Einem gelang es, (für Henkes) Impfstoff gegen Typhus ins Lager zu schmuggeln.

Henkes ging zum „Kapo“, einem Aufseher, dem seine Mithäftlinge ziemlich ausgeliefert waren und dessen Herz meist recht skrupellos geworden war. „Ich möchte in Block 17“, sagt Henkes. „Ich will mich um die kranken Kameraden kümmern.“
Der Kapo sieht ihn an, als sei er verrückt geworden. „Geh weg, Priester, halt dich da raus. Das ist dein Todesurteil. Niemand wird es dir danken.“ „Es geht mir nicht um Dank“, erwidert Henkes. „Ich tue es, weil auch diese abgemagerten, todkranken Skelette Menschen mit Würde sind. Ich will nicht tatenlos zusehen, wie sie einfach sich selbst überlassen werden.“

Schließlich – vielleicht weil es ihm letztlich gleichgültig war, vielleicht aber auch aus einer letzten Regung von Respekt vor dieser Haltung – gibt der Kapo nach. Richard Henkes holt seine wenigen Habseligkeiten aus dem Priesterblock und siedelt in Block 17 um.

Neun Wochen Dienst: Pflege, Beistand, Würde

Der Gestank von Schweiß, Krankheit und Tod schlägt ihm entgegen. Doch er weicht nicht zurück. Bewusst und frei zieht er ein in dieses Gefängnis innerhalb des Gefängnisses. Als sich die Tür hinter ihm schließt, hat er sein Leben unwiderruflich mit dem Schicksal der Typhuskranken verbunden.

In den nächsten neun Wochen ist er ein unermüdlicher Helfer, ein Bote des Himmels. Er wäscht die Kranken, verbindet die Wunden, reicht den Sterbenden Wasser und betet mit ihnen. Jede seiner Taten ist ein leidenschaftliches Aufbegehren gegen die Nazi-Ideologie des wertlosen Lebens. Inmitten der Hölle von Dachau wird Henkes zum Zeugen einer anderen Welt. Mit seinen begrenzten Kräften verwandelt er die Todesbaracke in einen Ort der Menschlichkeit, der wiederbelebten Hoffnung, der Ermutigung zum Glauben an die eigene Würde.

Sein Dienst ist eine Botschaft an jeden seiner Mitgefangenen: Bis zu Deinem letzten Atemzug bist du Mensch – einzigartig, wertvoll und geliebt.

Tod und Vermächtnis: „infiziert und inspiriert bis heute“

Trotz Impfung infiziert sich Henkes nach 9 Wochen – später als viele erwartet hatten. Mit seinem Tod am 22. Februar 1945 wurde er zum Märtyrer der Nächstenliebe. Die äußere Schlacht gegen das Regime und die Seuche hatte er verloren, doch die Schlacht gegen Abstumpfung und Gleichgültigkeit, den Kampf für Wahrheit, Würde und Liebe, den hatte er gewonnen.

Seine Haltung ist sein Vermächtnis: Henkes Leben bezeugt, dass selbst inmitten der nationalsozialistischen Hölle diese ur-menschliche und zutiefst christliche Haltung nicht kleinzukriegen war. Im Gegenteil: Sie hatte die Kraft, Menschen in ihrer tiefsten Sehnsucht nach Wert und Wertschätzung anzusprechen, zu ermutigen, ja zu verwandeln.

Der Typhus von Dachau steckt heute längst nicht mehr an. Die Liebe von Pater Henkes hingegen, die infiziert und inspiriert bis heute.

Erzählung: © HALTUNG heute
Bilder: © Pallottiner Archiv

Gedenken zum 125. Geburtstag von Pater Richard Henkes und an all die anderen Verfolgten, gedemütigten und ermordeten Pallottiner.

Aktuelles zum seligen Pater Richard Henkes

Anlässlich seines Todestages am 22. Februar und seines Gedenktages am 21. Februar gibt es auch in diesem Jahr wieder eine herzliche Einladung von „Haltung heute“ und den Pallottinern zu zahlreichen Veranstaltungen und Terminen.

Mehrere Sendungen bei Radio Horeb
beschäftigen sich mit unserem Mitbruder Pater Richard Henkes und der Stiftung Haltung heute. Unter dem Titel „Haltung zeigen – Haltung steckt an“ gibt es folgende Sendetermine:
16.02. bis 21.02.2026: täglich um 7:30 Uhr Morgenimpuls von P. Hubert Lenz (ca. 8 – 10 min)
21.02.2026: Interview des Tages (morgens und mittags)
22.02.2026: 10:00 Uhr: „Neu für Gott und Mensch sensibel werden“ – Vortrag von P. Hubert Lenz zu Wirkung und Erfahrungen mit dem Theaterstück ABGERUNGEN und der Ausstellung MEHR LEBEN ENTDECKEN
22.02.2026: 14:00 Uhr: Solo-Theater ABGERUNGEN (als Hörspiel) mit Einführung und Nachgespräch

„Ansteckungsgefahr – bis heute“
lautet der Titel der vorstehend vorgestellten Erzählung, der für Pater Henkes Interesse wecken und auf das Theaterstück ABGERUNGEN einstimmen soll. Die Erzählung steht auch in Kürze zum Anhören auf YouTube zur Verfügung.
(Wege erwachsenen Glaubens (WeG) – Projektstelle Vallendar – YouTube)

HALTUNG heute im Landtag des Saarlandes
Auf Einladung des saarländischen Innenministers und des Landtages wird „HALTUNG heute“ mit Ausstellung und Theater im dortigen Landtag zu Gast sein:
Solo-Theater ABGERUNGEN:
23.04. 17:00 Uhr und 08.05.2026, 09:00 Uhr und 11:30 Uhr
Die Ausstellung MEHR LEBEN ENTDECKEN ist zu sehen vom 20.04.- 08.05.2026

Theatertalk “Sag, wie hältst du‘s mit Würde und Haltung?”
Unter dem Titel “Sag, wie hältst du‘s mit Würde und Haltung?” steht die Aufführung von ABGERUNGEN mit anschließendem Theatertalk am Samstag, 14.3.2026 von 17-19 Uhr in der Vallendarer Hochschulkirche.

www.haltung-heute.de

Mehr zu „HALTUNG heute“, einer Initiative der Vinzenz Pallotti University gGmbH, zum Solo-Theaterstück „ABGERUNGEN“ und der Ausstellung „MEHR LEBEN ENTDECKEN“ finden Sie hier:

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