Verunsichert – und überrascht

Die Pallottikirche in Friedberg

Die Pallotti-Kirche ist sehr einfach gestaltet. Der Raum ist nüchtern, zweckmäßig. Und er verunsichert zunächst. Denn von außen erwartet man einen Kirchenraum aus den 1950er Jahren. Drinnen wirkt er aber ganz anders. Wo ist vorn, wo hinten? Wie ist die Gebetsrichtung? Wohin geht mein Gruß, meine Kniebeuge? All die Verunsicherung, die der Glaube im 21. Jahrhundert durchlebt, wird hier gleichsam aufgegriffen oder gar verstärkt, zumindest widergespiegelt. In der Tat hat das Auge des von der Bilderflut modernen Lebens geprägten Menschen hier zunächst kaum etwas, an dem es sich festhalten kann. Es fehlen fast gänzlich die Glaubens- und Gottesbilder der Kirchengeschichte. „Wohin soll ich mich wenden?“, fragt die berühmte Schubert-Messe. Darauf gibt die Pallotti-Kirche zunächst keine Antwort. Keine Farbe schmückt den Kirchenraum; er ist sehr hell, ist weiß. Die dunkle Holzdecke ist geblieben, ein Element aus den 1950er Jahren. Ansonsten gestaltet sich der Raum in einer „Sakralität der Leere“ (Friedhelm Mennekes SJ), der nicht vorgibt, wie man sich Gott oder den Himmel vorzustellen hat.

Die vielen Gottesbilder, die teils bedrückend, teils beglückend für die Seele des Menschen sind oder die er heute kaum mehr versteht, kommen hier nicht vor. Nicht der barocke alte Mann mit weißem Bart, nicht der gute Hirte oder der Richter, kein Engel mit dem Schwert.

Reduktion schafft Raum

Reduktion heißt das Stichwort, das den Raum gut umschreibt. Weniger ist Mehr. Die Leere ist nicht ein Nicht-Wissen oder ein bitteres Stumm-Sein; sie ist wie eine offene Schale, die bereit ist, aufzunehmen; sie ist wie ein weißes Blatt, auf dem sich eine neue Skizze entwickeln darf, vielleicht sogar ein neues Bild.
Der helle Raum lädt ein ohne ein „So-sollst-du-glauben“, zu einem „Hier-kannst-du-glauben“. Hier darf der Einzelne auch seine eigene Leere zugeben, die zuweilen schmerzlich sein mag. Denn hier ist der Ort, der Sehnsucht zulässt und ernstnimmt und mitten in der Leere Antworten gibt im Lauschen nach Innen, im Hören auf das Wort Gottes. Denn die Pallotti-Kirche lässt den Einzelnen nicht allein; sie ist angelegt auf Gemeinschaft; das Ich im Miteinander der Vielen erlebt ein Wir. Hier feiert, hier vergewissert die Gottesdienstgemeinde ihren Glauben.

Künstler fördert Communio-Liturgie

Die Pallotti-Kirche in Friedberg bei Augsburg wurde zum Jahr 2013 umgestaltet im Geist der Communio-Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Damit will dieser Kirchenraum eine Erfahrung des Gottes-, Kirchen- und Menschenbildes vermitteln, wie es Vinzenz Pallotti (1795–1850) gelebt und verkündet hat. Federführend bei der Umgestaltung war der Wiener Künstler Leo Zogmayer, der sich seit den 1990er Jahren stark mit der Communio-Liturgie auseinandergesetzt hat. Zogmayer ist ein Mann der Reduktion. Das Helle, das Weiße, das Licht dominiert den Kirchenraum, kaum Farbe und Form, damit die Betenden sich unvoreingenommen den Fragen ihres Herzens stellen können.

Die Communio, der Kreis, lässt es nicht zu, dass es in der Pallotti-Kirche ein Vorne und Hinten gibt, eine Richtung. Dennoch gibt die Kirche Orientierung und Halt im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes in der Feier der Liturgie. Das hat Folgen. Die. die sich hier sammeln, um sich ihres Glaubens zu vergewissern, wissen sich dann auch gesendet, dem Glauben im Alltag Gestalt zu geben.

Die Pallotti-Kirche in Friedberg
Meer der Liebe - das Pfingstbild in der Pallotti-Kirche in Friedberg
Tabernakel in der Pallottikirche in Friedberg
Seitenschiff in der Pallotti-Kirche mit Madonna
Gottesdienst in der Pallottikirche in Friedberg
Luftbild des Pallotti-Hauses in Friedberg mit Pallotti-Kirche, Provinzialat, Provinzverwaltung, Kommunität, PthI, Gästehaus und Park

Aus der Sammlung in die Sendung – das Buch zur Pallotti-Kirche

Pater Alexander Holzbach erläutert in seinem aktuell erschienen Bildband die künstlerischen und theologischen Überlegungen, die zur Neugestaltung der Pallotti-Kirche geführt haben. Das Buch hilft, die Pallotti-Kirche neu zu entdecken. Der Text befasst sich auch mit den Pallotti-Porträts von Oskar Kokoschka im Kircheninneren und von Michael Triegel in der Unterkirche. Und es beschreibt die täglich von der Hausgemeinschaft genutzte, aber für die Öffentlichkeit nur selten zugängliche Hauskapelle der Pallottiner. Der Autor, Pater Alexander Holzbach (Jahrgang 1954), ist vielen Menschen bekannt. Er leitet die Redaktion der Pallottiner-Zeitschriften „das zeichen“ und „Pallottis Werk“. Seit 2011 ist er Rektor des Pallotti-Hauses und der Pallotti-Kirche im bayerischen Friedberg.

Buchtipp:
Pater Alexander Holzbach SAC
“Aus der Sammlung in die Sendung – Die Pallotti-Kirche in Friedberg”
Blick ins Buch beim Pallotti Verlag Friedberg

Kirchenführer Pallottikirche Friedberg

Fotografen: Bernd Müller, Andreas Schmidt, Herbert Gairhos

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