„Warum ist Herr Brand arbeitslos?“

Wie wir zuverlässig zu Wissen gelangen - ein Methodenworkshop an der VPU

Am 21. Januar 2022 fand die traditionelle Winterakademie des Lehrstuhls „Methodologie und Qualitative Methoden in der Pflege- und Gesundheitsforschung“ statt. JProf. Dr. Sabine Nover freute sich, dass die Vinzenz Pallotti University den Methodenworkshop in Präsenz anbieten konnte. Dieses besondere, in vor-Corona-Zeiten zweitägige Veranstaltungsformat startete bereits zum fünften Mal. Auch die Möglichkeit zu Übernachtung im Forum Vinzenz Pallotti bestand wieder und wurde von den meisten Teilnehmenden genutzt.

Als Gast war Professor Dr. Jo Reichertz eingeladen, einer der Hauptvertreter der hermeneutischen Wissenssoziologie und des kommunikativen Konstruktivismus in Deutschland. Professor Reichertz ist bekannt durch seine Arbeiten zur qualitativen Methodologie und zu einem breiten Spektrum interpretativer Methoden.

Wissenschaftliche Analyse empirischer Daten

Professor Reichertz startete am Freitagmorgen sein interaktiv gestaltetes Programm mit einem Input zu Fragen des inhaltsanalytischen und des hermeneutischen Vorgehens bei der Analyse empirischen Materials. Der Tag war den unterschiedlichen Analyseebenen, die je nach der Art des Vorgehens erreichbar sind, gewidmet. Im Mittelpunkt stand dabei ein Interview mit „Herrn Brand“. Die Teilnehmenden übten sich bei dieser ganztägigen Veranstaltung unter Anleitung von Herrn Reichertz in der Interpretation dieses Interviewtranskripts und gingen der Frage nach „Weshalb ist Herr Brand arbeitslos?“.

Die Unterschiede in der Analysetiefe, je nachdem, ob inhaltsanalytisch oder hermeneutisch vorgegangen wird, wurden dabei besonders plastisch herausgearbeitet. „Die mitreißende und alle Teilnehmenden einbeziehende Gestaltung des Workshops hat zu nachhaltigen Eindrücken und profunden Erkenntnissen geführt“, so JProf. Dr. Sabine Nover, Organisatorin des Veranstaltungsformats.

Autoritäre Regime “fragen bevorzugt die Alten”

Die Unterschiede im Vorgehen hätten auch damit zu tun, wie wir an unser Wissen gelangen. Die Epistemologie stellt dazu drei Wege zur Verfügung: deduktiv, indem wir, wie Professor Reichertz es ausdrückte, „die Alten fragen“, induktiv, durch eigene Erfahrungen, oder abduktiv, durch Nachdenken oder Phantasieren. Alle Formen würden gebraucht; kulturell unterschiedlich sei aber, in welcher Gewichtung das geschehe. Die Art der Wissensaneignung korrespondiere mit der gesellschaftlichen Umwelt, so bevorzugten etwa autoritäre Regime die deduktive Form der Wissensaneignung, erläuterte Professor Reichertz.

Und warum ist Herr Brand nun arbeitslos?

Auf inhaltsanalytischer Ebene kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Schluss, dass er einfach ein Pechvogel oder das Opfer übler Nachrede ist. Aus hermeneutischer Sicht deutet sich an, dass er eher aufgrund seiner Haltung Arbeitsstellen nie lang behält.
Als der Workshop am späten Nachmittag endete, hätten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gern einen zweiten Tag zur Vertiefung gehabt, es war für alle ein Tag voller Anregungen, Impulse und Erkenntnisse. Professor Reichertz verstand es, den Teilnehmenden neue Einsichten und Aha-Erlebnisse zu bescheren, was die Mitwirkenden in der abschließenden Reflexion zum Ausdruck brachten.

Bericht: VPU
Bild von Professor Dr. Jo Reichertz: Privat

PTHV Hochschule der Pallottiner in Vallendar

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