Frieden in der Welt

Ein Reflexionsimpuls über den „Einsatz für den Frieden, als höchster Form der Nächstenliebe“, von Dott. Luca Liverani aus Italien

Alles scheint den Frieden zu gefährden, dessen sich der Westen 80 Jahre lang erfreut hat: Die brutale russische Invasion der Ukraine. Die drohende Abkehr der USA von Europa, weniger Militär in Europa, Rückzug aus internationalen Organisationen und der „Wunsch“, Grönland zu besitzen. Die erschütternden Massaker an Zivilisten im Heiligen Land. Alles um uns herum sagt, dass Aufrüstung unvermeidlich ist, dass die Arsenale gefüllt werden müssen, dass auch die Rückkehr zur Wehrpflicht überdacht werden sollte. Natürlich auf Kosten der öffentlichen Mittel für Gesundheit (trotz aller Versprechen nach der Corona-Epidemie), Sozialstaat, Bildung und Forschung.

Ein nahezu einhelliger Chor, der sich über politische Lager hinweg erstreckt. Und wer Zweifel äußert, wird bestenfalls als „illusionär und weltfremd“ abgestempelt. Im schlimmsten Fall als „Freund Putins“ oder „pro-Hamas“. Ein bedrückender, düsterer und resignierter Gedanke, der das Gewissen jedes Menschen beunruhigt. Vor allem das der Christen, die mit dem Lehramt der Kirche aufgewachsen sind, das seit mehr als einem Jahrhundert warnt, dass „Krieg ein Abenteuer ohne Wiederkehr“ ist und dass die industrielle Entwicklung des Rüstungssektors ein „Markt des Todes“ darstellt.

Es ist also nur natürlich, zur Quelle unseres Glaubens zurückzukehren. Und in seiner erstaunlichen Aktualität sagt das Evangelium Dinge, die weitaus realistischer sind, als manche uns glauben machen wollen. Unter vielen ist wohl die direkteste Stelle aus der Bergpredigt, die Seligpreisungen. Der Evangelist Matthäus (5,9) schreibt : „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Der Friede Jesu, wissen wir, ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Es ist die Liebe zum Nächsten, die Harmonie mit dem Schöpfer, die Freude, sich als geliebtes Kind zu fühlen. Aber er ist auch – ohne Zweifel – die Abwesenheit von Konflikt.

Kein Krieg hat ein Land besser gemacht hat als es zuvor war

Und also der „Einsatz für den Frieden“, ist, so glaube ich, eine Aufgabe – komplex, aber konkret und realistisch – die auch für die Politik gültig ist, nicht umsonst wird diese von den Päpsten oft als „die höchste Form der Nächstenliebe“ bezeichnet. Ein viel realistischerer Ansatz also, als derjenige, der denkt, dass Krieg internationale Streitigkeiten lösen kann. Seit mindestens 80 Jahren zeigen die Fakten, dass kein Krieg ein Land besser gemacht hat als es zuvor war. Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen … eine lange Liste von Misserfolgen und zerstörten Leben; Regionen, die nun von steter Gewalt und andauernder Instabilität gekennzeichnet sind.

Es ist falsch, irreführend, unrealistisch zu wiederholen: „„Si vis pacem, para bellum.“

Und deshalb ist es falsch, irreführend, unrealistisch zu wiederholen: „„Si vis pacem, para bellum.“ Ein Satz, der auf den römischen Schriftsteller Vegetius, im 4. Jahrhundert n. Chr. zurückgeht: „Willst du Frieden, bereite den Krieg vor.“ Fast 2000 Jahre später wird dieses Sprichwort noch verwendet, sogar von einigen Politkern, um vor den Steuerzahlern massive Investitionen im Militärsektor zu rechtfertigen. Ein Satz, der im Kontext der damaligen Kultur zu betrachten ist, der Kultur einer großen Zivilisation der Vergangenheit, die jedoch auf Gewalt und Sklaverei gegründet war. Die «pax romana», vergessen wir das nicht, unterschied sich sehr stark von dem, was wir heute unter Frieden verstehen. Die Römer selbst wussten das nur zu gut. „Ubi solitudinem faciunt, pacem appellant“, schrieb Tacitus im Jahr 97 n. Chr., „Sie schaffen eine Wüste, und nennen es Frieden“. Und daher ist „Frieden garantieren, indem man Krieg vorbereitet“ eine Interpretation, die nicht nur zwei Jahrtausende Christentum und viele Jahrhunderte humanistischer Kultur und ziviler Errungenschaften ignoriert, sondern auch an der Realität vorbeigeht. Ganz einfach, weil die „Abschreckung“, die Angst vor einem bis an die Zähne bewaffneten Gegner, nicht mehr funktioniert, falls sie jemals funktioniert hat.

Die Fakten sprechen dafür. Es lohnt sich, einige Zahlen nachzuschauen, um die tatsächlichen Ausmaße der weltweiten Militärinvestitionen zu verstehen, die – nur um die letzten auffälligen Fälle im euro-mediterranen Raum zu betrachten – weder den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch die übertriebene Reaktion Israels auf das terroristische Massaker der Hamas im Oktober 2023 verhindert haben.

Konzentrieren wir uns auf das tragische Datum des 24. Februar 2022

Betrachten wir den blutigen russisch-ukrainischen Konflikt. Legen wir für einen Moment die acht Jahre des bewaffneten Konflikts in den russischsprachigen Gebieten der Ukraine beiseite, eines Konflikts mit „niedriger Intensität“, der von der internationalen Gemeinschaft weitgehend ignoriert und unterschätzt wurde. Konzentrieren wir uns auf das tragische Datum des 24. Februar 2022, als Kolonnen russischer Panzer auf Kiew vorrückten, mit dem Ziel, die unerwünschte Regierung zu stürzen und durch eine prorussische zu ersetzen. Ein Szenario, das übrigens gerade in Lateinamerika wieder aufgefrischt wurde. Der russische „Blitzkrieg“ scheitert jedoch und verwandelt sich aufgrund der massiven NATO-Unterstützung in einen verheerenden Stellungskrieg, der noch immer andauert. Um der Abschreckungstheorie Glauben zu schenken, hätte der Kreml den Angriff auf ein europäisches Land unter Ausnutzung einer Schwäche des Atlantischen Bündnisses beschlossen. Aber stimmt das? Keineswegs.

Um die Dimensionen der militärischen Investitionen der beiden gegnerischen Seiten zur Zeit der Invasion zu überprüfen, hilft uns die wertvolle Arbeit des SIPRI, des Stockholmer Internationalen Peace Research Institut. Das angesehene Forschungszentrum teilt uns mit, dass Russland im Jahr 2022 86 Milliarden Dollar für seine Streitkräfte ausgab. Fast das Dreifache der 33 Milliarden Italiens, um einen Vergleich zu haben. Mehr als die 68 Milliarden des Vereinigten Königreichs, die 56 Milliarden Deutschlands, die 54 Milliarden Frankreichs. Und die Vereinigten Staaten? Zur Zeit der russischen Invasion in der Ukraine gab Washington 877 Milliarden Dollar für seine Streitkräfte aus. Ja, zehnmal so viel wie Moskau. Nicht nur das: Die NATO insgesamt – Amerika plus Europa – hatte ihren Streitkräften insgesamt 1.232 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Also vierzehnmal so viel wie die russischen Ausgaben, 54 % der gesamten weltweiten Militärausgaben. Eine überwältigende militärische Macht also. Aber das hat den Kreml, der offenbar von ganz anderen strategischen Überlegungen geleitet wurde, keineswegs daran gehindert, den grausamen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beginnen.

Und heute? Russland hat seine Ausgaben für den Angriffskrieg gegen die Ukraine dank seiner Energieressourcen (Öl und Gas) und Chinas Unterstützung ständig gesteigert, wodurch es der Welle westlicher Wirtschaftssanktionen standhalten konnte. 2024 verdoppelte Moskau seine Militärausgaben auf nahezu 149 Milliarden Euro, was 7,4 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Das Wachstum im NATO-Raum ist ähnlich: Die Vereinigten Staaten nähern sich der beachtlichen Summe von 997 Milliarden Euro, was 3,45 des BIP entspricht. Und die NATO insgesamt verfügt über 1.506 Milliarden Euro, 274 Milliarden Euro mehr als in zwei Jahren. Eine beeindruckende Abschreckung. Es ist bedauerlich, dass heute niemand die intellektuelle Ehrlichkeit besitzt zu behaupten, wir lebten in einer sichereren Welt. Es ist offensichtlich, dass Waffen keine Sicherheit schaffen.

Auch in Israel, das 2024 beachtliche 23 Milliarden Euro ausgegeben hat, immerhin 4,5 % des BIP, mehr als der amerikanische Verbündete, ist die Abschreckung gescheitert. Die palästinensische Frage seit Jahren nur mit Gewalt und Unterdrückung anzugehen, anstatt eine mühsame und komplizierte politische und diplomatische Lösung zu suchen, hat zu den verheerenden Ergebnissen geführt, die alle vor Augen haben. Zuerst der Erfolg der Islamisten der Hamas, die zunächst vom Tel-Aviv-Regime zynisch und unbedacht unterstützt wurden, nur um die Palästinensische Autonomiebehörde zu delegitimieren. Dann das Massaker vom 7. Oktober 2023. Anschließend die verheerende israelische Reaktion, zwischen Versuchen der „ethnischen Säuberung“ und Vorwürfen des Völkermords. Mit Auswirkungen auf den gesamten Nahen Osten. Und nun das tragische Wiederaufleben des Antisemitismus in der Welt.

Krieg ist die ultima ratio, ein letztmöglicher Weg, und niemals ein politisches Werkzeug

Es wird nach Aufrüstung gerufen, als ob die Arsenale leer wären. Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass 600 Nuklearsprengköpfe ausreichen würden, um die gesamte Menschheit von der Erde zu tilgen. Heute gibt es 12.000 davon, zwanzigmal so viele, gehütet in neun Ländern. Übervolle Lager mit tödlichen Waffen haben in diesen Jahren keinen Krieg verhindert. Keine der Regierungen, die blutige Konflikte, Massaker an Zivilisten und Zerstörungen von Wirtschaft und Ökosystemen ausgelöst hat, wurde durch die Präsenz von Raketen, Panzern und Jagdbombern in den Ländern der Gegner eingeschüchtert.

Und so kommt es, dass in einer Epoche, die zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte über wissenschaftliche Kenntnisse, Technologien und Ressourcen verfügt, um Hunger, Armut, Epidemien, Unterentwicklung und Klimakrisen zu bekämpfen, die Regierungen weiterhin Mittel von der Errichtung einer befriedeten Gesellschaft abziehen, um Kriege vorzubereiten.

Gerade in einer Zeit, in der das Denken vieler „sich nur um Krieg“ dreht und diejenigen an den Rand drängt, die anders denken, sind die Bürger, denen der Frieden am Herzen liegt – insbesondere die Christen – aufgerufen, sich noch stärker einzusetzen, um eine verbreitete Kultur, die Aufrüstung als lebenswichtig für Staaten betrachtet, zu verändern. Es ist die Kriegswirtschaft. Ein Ansatz, der dem weise gewählten Weg der Gründerväter der Republik Italien nach dem Zweiten Weltkrieg entgegensteht. Artikel 11 der italienischen Verfassung lautet: „Italien lehnt den Krieg als Mittel, das die Freiheit anderer Völker bedroht und als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten, ab.“ Krieg ist die ultima ratio, ein letztmöglicher Weg, und niemals ein politisches Werkzeug wie ein anderes.

Und dann, wenn die Folgen dieser Politik zur vorhersehbaren Explosion von Konflikten führen, wird uns gesagt, dass „Krieg unvermeidlich“ sei. Eine Lüge. Und es bleibt unbeachtet, dass seit Jahrzehnten alle Päpste ein nur auf Profit ausgerichtetes Wirtschaftssystem als „Sündenstruktur“ und die Rüstungsindustrie als „Markt des Todes“ kennzeichnen.

Die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ der Vereinten Nationen angehen

Die Wahrheit ist, dass bewaffnete Konflikte nicht aus dem Nichts entstehen, nicht durch den Wahnsinn oder die Bosheit eines jeweiligen Autokraten, sondern die Folge konkreter politischer Entscheidungen sind, die weltweit getroffen werden: ungezügelter Kapitalismus, Imperialismus, Neokolonialismus, Ressourcenausbeutung, Klimakatastrophen. Immer weniger Mittel für Diplomatie, für den Kampf gegen Hunger und Epidemie, die Bekämpfung der globalen Erwärmung. Immer mehr Geld, um Instrumente des Todes und der Zerstörung zu kaufen. Und dann, wenn die Folgen dieser Politik zur vorhersehbaren Explosion von Konflikten führen, wird uns gesagt, dass „Krieg unvermeidlich“ sei. Eine Lüge. Und es bleibt unbeachtet, dass seit Jahrzehnten alle Päpste ein nur auf Profit ausgerichtetes Wirtschaftssystem als „Sündenstruktur“ und die Rüstungsindustrie als „Markt des Todes“ kennzeichnen.

Als Christen, als „Friedensstifter“ können und müssen wir also beginnen, eine andere Sicht der Situation zu verbreiten. Immer wieder darauf hinzuweisen, dass ein Krieg Probleme und Schwierigkeiten nicht löst, sondern verschlimmert. Dass Abschreckung nicht funktioniert, sondern nur dazu dient, die Rüstungsindustrien zu bereichern. Dass wir als gläubige Christen nicht nur das aus dem Lehramt übernehmen können, was uns gefällt, sondern auch den Frieden als unverzichtbare Verpflichtung betrachten müssen, ebenso wie Solidarität, den Schutz des Lebens und den Erhalt der Schöpfung. Wir können an vielen Initiativen mitwirken, die dazu beitragen, eine gerechtere und kriegsfreie Gesellschaft aufzubauen. Wir müssen uns gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit einsetzen, für die Umwelt, die Rechte der indigenen Völker, die Gesundheit, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ethische Finanzwirtschaft und Abrüstung.

Wunderbare Menschen

Ich kann Ihnen erzählen, wie es mir in meinem Leben als Chronist passiert ist, dass ich in den unterschiedlichsten und unvorhersehbaren Situationen wunderbare Menschen getroffen habe, die in der Lage sind, durch ihre Taten ein Licht im Dunkel des Leidens und des Schmerzes zu entzünden. Frauen und Männer, jung und alt. Christen, Juden, auch Anders- und Nichtgläubige, die uns manchmal sehr viel lehren können. Sie sind Zeugen, die zu Recht Friedensakteure sind, Menschen, die seit Jahren gegen die nukleare Aufrüstung und das Wettrüsten kämpfen, weil das Geld, das dafür ausgegeben wird, sehr viel effektiver genutzt werden könnte, um die von den Vereinten Nationen sogenannten „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ anzugehen und zu lösen, für die es jedoch nie genug Geld gibt: Hunger, Krankheiten, Analphabetismus, soziale Ungerechtigkeit, die Klimakrise, weil man lieber in Kriege investiert.

Es ist ein Volk von Frauen und Männern guten Willens, die sich jeden Tag hartnäckig organisieren, demonstrieren, Druck auf die Politik ausüben und versuchen, einen kulturellen Wandel zu gestalten. Friedensaktivisten, die in der Lage sind, auch große Kundgebungen auf den Plätzen gegen den Krieg zu organisieren und gleichzeitig „Friedenskarawanen“ aufzustellen, um Hilfe zu sammeln und sie den Zivilbevölkerungen, die unter Kriegen und Hungersnöten leiden, zu bringen.

Und wir können beten, ja, wir dürfen nicht aufhören zu beten. Mit Beharrlichkeit und Vertrauen, um von Gott das, was den Menschen unmöglich erscheint, zu erbitten. Durch die Fürsprache Mariens, der Königin des Friedens, möge er die Herzen der Mächtigen berühren und sie verwandeln, den Opfern der Kriege nahe sein und sie trösten und die Welt vom Übel des Krieges befreien.

Anregungen fürs Nachdenken in unseren Gemeinschaften:
1. Wie kann das Lehren und das Zeugnisgeben der Friedensstifter heute aktuell werden?
2. Wie können wir heute ein Zeichen, ein Werkzeug, des Friedens und des Guten sein?

Dr. Luca Liverani, Rom, Italien
Journalist der katholischen Tageszeitung Avvenire (Mailand/Bologna/Rom)
Chefredakteur der Pallottiner-Zeitschrift der italienischen Pallottinerprovinz „Regina degli Apostoli”

Frieden in der Welt

Quelle: Apostel heute, Monatliche Reflexion für die Mitglieder der pallottinischen UNIO im Februar 2026, Hrsg.: Union des Katholischen Apostolats (Pallottinische Unio), Rom. Übersetzung: Pater Wolfgang Weiss. Symbolbilder: Jacob Lund (Group of activists protesting silently); EduBFoto (Demonstration in Support of Ukraine against Russia).

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Apostel heute erscheint monatlich. Die Impulse stammen von Mitgliedern der pallottinischen Unio aus der ganzen Welt:

Ich erinnere mich daran, dass ich nach dem Besuch im Gefängnis, während ich auf den Bus wartete, geweint habe. Dieser Kontakt hat mein Leben geprägt
Ich denke oft, dass der Chor ein lebendiges Bild der christlichen Gemeinschaft ist
„Jubiläum der Welt der Bildung“ mit dem Thema: “Lasst die Kinder zu mir kommen”

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