Politischer Friede: Ein Dienst an der Gerechtigkeit
Ein Reflexionsimpuls über den „Ruf nach Frieden in einer zerrissenen Welt“, von Thomas Philipp Reiter aus Deutschland und Belgien
Liebe Mitglieder der pallottinischen Familie, liebe Leserinnen und Leser weltweit,
wir haben dieses Jahr 2026 unter das Generalthema „Friede“ gestellt. Nachdem wir uns im Januar mit dem Frieden des Herzens beschäftigt haben, weiten wir nun unseren Blick auf die Gemeinschaft, das Zusammenleben der Völker und die Verantwortung derer, die unsere Gesellschaft gestalten sollen: den politischen Frieden.
Wir leben in einer Zeit, in der weltweit 56 bewaffnete Konflikte toben und über 100 Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt sind. Als jemand, der im Herzen Europas – zwischen Deutschland und Belgien – lebt, sehe ich täglich, wie zerbrechlich dieser Friede ist. Brüssel, der Sitz der wichtigsten europäischen Institutionen wie auch der NATO, ist nicht nur ein Ort der Verwaltung, sondern ein Symbol für das Bemühen, aus den Trümmern zweier Weltkriege eine dauerhafte Friedensordnung zu schaffen. Doch auch hier spüren wir die Spannungen: Die Angst vor äußeren Bedrohungen fordert uns heraus. Sie zieht gesellschaftliche und soziale Spaltung nach sich, die zu Populismus auf der linken wie auf der rechten Seite des politischen Spektrums führt. Inmitten dieser Zerrissenheit erinnert uns Papst Leo XIV. an ein radikales Konzept: Wir brauchen einen Frieden, der „entwaffnet und entwaffnend“ ist. Politischer Friede ist keine Utopie für „die anderen“, sondern eine Realität, die in jedem von uns wohnen muss, da wir alle an ihrer Verwirklichung beteiligt sind.
Das biblische Fundament: Gerechtigkeit als Weg zum Frieden
Um zu verstehen, wie wir „gerechte Menschen“ für einen politischen Frieden werden können, hilft uns ein vertiefter Blick in die Heilige Schrift:
- Die Treue zum Gesetz Gottes: „Großen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben; auf ihrem Weg finden sie keinen Anstoß“ (Ps 119,165). Im politischen Kontext bedeutet dies: Friede ist kein bloßes Ergebnis von Verträgen oder Abschreckung. Er wächst dort, wo das Gemeinwohl und die göttliche Ordnung der Gerechtigkeit über eigennützige Machtinteressen gestellt werden. Wer das Gesetz der Liebe in sein politisches Handeln integriert, findet einen festen Weg.
- Die Rüstung des Evangeliums: Der Apostel Paulus fordert uns auf, nicht mit Waffen aus Stahl, sondern mit der „Rüstung der Gerechtigkeit“ und dem „Eifer für die Verkündigung des Evangeliums des Friedens“ voranzugehen (Eph 6,14–16). In einer Welt, die nach Aufrüstung ruft, ist der „Schild des Glaubens“ unsere wichtigste Verteidigung, um den Hass zu löschen.
- Die radikale Feindesliebe: Jesus stellt uns vor die größte Herausforderung: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44). In der Politik bedeutet dies eine Revolution: Den Gegner nicht als Vernichtungsobjekt zu sehen, sondern als Partner im Dialog. Das ist „geistliche Nahrung“ für den harten politischen Alltag.
Politischer Friede als Dienst (Servizio)
Politischer Friede ist untrennbar mit dem Begriff des Dienens verbunden. Dienen ist ein Ausdruck von Liebe und Demut, der den Wert des anderen über die eigenen Interessen stellt. Wenn Politiker und Bürger gleichermaßen beginnen würden, Politik als einen Dienst am Nächsten zu verstehen, verwandelt sich die Logik der Macht in eine Logik der Verantwortung.
Ein „gerechter Mensch“ im politischen Sinne ist jemand, der die „strukturellen Wunden“ unserer Gesellschaft sieht und heilt. Aus meiner politischen Erfahrung z.B. im Europäischen Parlament in Brüssel weiß ich, wie wichtig der Kompromiss ist – nicht als Schwäche, sondern als hochrangiger Dienst am Frieden. Es bedeutet, sich für jene einzusetzen, die keine Stimme haben – die Opfer von Rezession und Gewalt, die Armen in unseren Städten, die vergessenen Alten, die Ungehörten und Marginalisierten.
Der pallottinische Impuls: „Allen alles werden“
Der Heilige Vinzenz Pallotti ist für uns ein leuchtendes Vorbild. Sein Leitspruch „Allen alles werden“ (farsi tutto a tutti) war kein leeres Wort. Er sah in jedem Menschen, unabhängig von Rang oder Herkunft, die Gegenwart Gottes. Für unser heutiges Bemühen um politischen Frieden bedeutet Pallottis Erbe:
Gemeinsam handeln: „Das gemeinsam getane Gute ist dauerhafter und wirksamer“, sagte unser Gründer. Politischer Friede braucht das „Zusammen“ der gesamten Menschheitsfamilie.
Ein Zeichen der Einheit sein: Die UAC ist gerufen, die Welt mit der Kraft der apostolischen Liebe zu erneuern. Wenn wir innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft Einheit und Respekt vorleben, werden wir glaubwürdige Akteure für den Frieden im öffentlichen Raum.
Wie werden wir „gerechte Menschen“ für den Frieden?
Politischer Friede beginnt im Kleinen. Er zeigt sich in unserer Fähigkeit zu vergeben, zuzuhören und ohne Erwartungen zu geben. Die Bischöfe der Europäischen Bischofskonferenz „COMECE“, ebenfalls in Brüssel beheimatet, mahnen uns, dass wir als Christen in Europa eine besondere Verantwortung haben, Brücken in andere Teile der Welt zu bauen. Ein „gerechter Mensch“ für den politischen Frieden zu sein bedeutet heute:
- Den Mut zu haben, die Logik der Gewalt abzulehnen.
- Sich die Hände „schmutzig zu machen“, indem man in den Dialog mit Andersdenkenden tritt.
- Sich für eine gerechte Verteilung der Ressourcen einzusetzen, denn wie Papst Franziskus sagte: Friede ist nicht nur das Schweigen der Waffen, sondern ein Leben in Fülle für alle.
Fragen zur persönlichen und gemeinschaftlichen Reflexion
Zum Abschluss dieses Monats März lade ich Euch ein, liebe pallottinische Schwestern und Brüder, über folgende Fragen nachzudenken:
- Wo erlebe ich in meinem Umfeld (Familie, Nachbarschaft, Arbeitsplatz, Gemeinde) Spannungen, die aus unterschiedlichen politischen Einstellungen resultieren, und wie kann ich dort als „gerechter Mensch“ ausgleichend wirken?
- Was bedeutet die Forderung nach einem „entwaffneten Frieden“ für meine eigene Sprache zum Beispiel in sozialen Medien?
- Wie können wir als pallottinische Gemeinschaft das „gemeinsame Gut“ in unserer lokalen und europäischen Politik fördern?
- Wo sehe ich heute – trotz aller Krisen – Zeichen für die fortwährende Hoffnung auf Frieden?
Ein konkreter Vorschlag
Lasst uns das Angelusgebet wieder neu entdecken und es jeden Tag um 12:00 Uhr beten, wie es von alters her Brauch ist und auch von Papst Franziskus zuletzt noch einmal inständig gefordert wurde, und dabei besonders für die Politiker und Entscheidungsträger aller Welt um Weisheit und ein „Herz aus Fleisch“ bitten, damit sie Wege der Versöhnung finden.
Möge der Friede Christi in unseren Herzen wohnen und unser Handeln in der Welt leiten.
Thomas Philipp Reiter UAC aus Deutschland und Belgien
Der Autor ist Deutsch-Belgier, katholischer Journalist und Geschäftsführer des „Medienhauses Brüssel“

Quelle: Apostel heute, Monatliche Reflexion für die Mitglieder der pallottinischen UNIO im März 2026, Hrsg.: Union des Katholischen Apostolats (Pallottinische Unio), Rom. Übersetzung: Pater Wolfgang Weiss. Symbolbilder: evgavrilov (Friedenslicht); mbolina (Angelus); beide Adobe Stock.
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