Wer war Hanna-Renate Laurien?
Die Politik war ihr Arbeitsfeld, die Kirche ihre Heimat
Hanna-Renate Laurien ist 1928 in einem gutbürgerlichen protestantischen Elternhaus in Danzig geboren. Nach ihrer Konversion 1952 wurde sie zu einer markanten Person des deutschen Katholizismus, standfest in der Ökumene, streitbar und versöhnlich.
1944 zog ihre Familie nach Berlin. Dort begann Hanna-Renate Laurien 1946 an der Humboldt-Universität mit dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie und wechselte 1948 als studentische Mitbegründerin zur Freien Universität. Nach dem Staatsexamen 1951 trat sie in den höheren Schuldienst in Nordrhein-Westfalen ein. Wegen ihres schulpolitischen Engagements wurde sie bald vor allem durch Bernhard Vogel und Helmut Kohl gefördert. Höhepunkte ihres politischen Lebens waren ihre Tätigkeit als Kultusministerin von Rheinland-Pfalz (1976–1981), anschließend als Senatorin, Bürgermeisterin und von 1991 bis 1995 erste Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin.
Von Männern gefördert, aber königlich unabhängig
Schon seit ihrer Kindheit achtete sie echte Autorität, mochte aber auch kontroverse Debatten – vor allem mit dem Vater. Ihm attestierte sie später schelmisch: „Politisch durchsetzungsfähige Frauen haben autoritäre Väter.“ Von Frauenquoten hielt sie nichts, vielmehr rief sie Frauen dazu auf, „zu zeigen und zu tun, was sie können“.
Fast überheblich und selbstkritisch zugleich sagt sie von sich: „Ich bin eine Intelligenzbestie. Das genieße ich sogar, weil es eine königliche Unabhängigkeit gibt.“ Als Helmut Kohl mitten in der Nacht durch Bernhard Vogel bei ihr anfragen ließ, ob sie bereit sei, in seine CDU-Wahlkampfmannschaft einzutreten, machte sie zur Bedingung, zuvor zum Friseur gehen zu können. So musste der Beginn des Parteitages um zwei Stunden verschoben werden.
Die katholische Kirche ist ihre Heimat
Zum Entsetzen ihrer Eltern konvertierte Hanna-Renate mit 24 Jahren zur katholischen Kirche. Ein wichtiges Motiv war: „Ich weiß um meine Fehler. In der katholischen Kirche gibt es die Beichte und den Neuanfang!“ Im Alter erzählte sie: „Wenn ich heute jungen Leuten schildere, wie das war, als ich katholisch wurde, ist dies meist unverständlich. Da gab es zum Beispiel noch verbotene Bücher. Als ich davon eine Liste vom Kardinal in Köln erhielt, schrieb ich darunter: ‚Die Bücher, die mir nun angeblich verboten sind, habe ich schon alle gelesen und bin trotzdem katholisch geworden.‘“ Durch langjährigen Kontakt mit Dominikanerpatres fand sie den Weg zur dominikanischen Laiengemeinschaft, der sie 1960 beitrat. Dazu gehört die Verpflichtung zum täglichen Stundengebet. Zwei Jahre später legte sie das „Gelübde der Ganzhingabe auf Lebenszeit“ ab. Für sie bedeutete dies, „nicht zu heiraten, sein Geld nicht nur für sich auszugeben und seine Zeit nicht nur für sich zu verbringen“.
Für das Leben der Menschen
Einmal nach ihrem größten Erfolg gefragt, antwortete sie, dass sie 1967 als Chefin eines Kölner Gymnasiums den Ausschluss einer schwangeren Schülerin vom Abitur verhinderte, ebenso die disziplinarische Abstrafung einer unverheirateten schwangeren Lehrerin. Das war damals ein handfester Skandal; später hat sie dies als Kultusministerin gesetzlich geregelt.
Die Politik betrachtete sie als ihre Lebensaufgabe, stets mit dem Kompass der christlichen Ethik. Das Wohl der Menschen war ihr wichtiger als jede Ideologie. Sie zeigte sich mutig bei Demonstrationen, auch wenn diese gegen sie selbst gerichtet waren. Dafür verlieh ihr der Kabarettist Wolfgang Neuss den Spitznamen „Hanna Granata“. Konflikte in Politik und Kirche blieben nicht aus. So rief sie als Vizepräsidentin der Würzburger Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland einem renommierten Prälaten mit ihrer „Schulhofstimme“ zu: „Auch Abstimmungsergebnisse, die Ihnen nicht gefallen, haben Sie zu respektieren!“ Heftig kritisierte sie die Enzyklika „Humanae vitae“, protestierte gegen den Ausstieg der Kirche aus der Schwangerschaftsberatung und unterstützte „Donum Vitae“, ließ sich die Diskussion über das Priesteramt der Frau nicht verbieten und trat für den „Synodalen Weg“ ein. Ihre engsten Freunde kamen aber aus der Kirche, nicht aus der Politik (Bernhard Vogel war eine Ausnahme).
Liebesbrief an ihre Gemeinde
Bewegend ist ihr „Liebesbrief an meine Gemeinde Mater Dolorosa in Berlin“. Darin erzählt sie, dass sie 1981 bei ihrer Rückkehr nach Berlin von einer Frau auf der Straße angesprochen und auf die Gemeinde Mater Dolorosa hingewiesen worden sei: „Die ist ganz toll!“ „Probeweise“ ging Frau Laurien dort hin – „und seitdem gibt es keinen Sonntag, an dem ich nicht – soweit es möglich ist – in Mater Dolorosa war … Erster Grund dieses Liebesbriefes ist: Hier werben Gemeindemitglieder für ihre Gemeinde! Seitdem ich nicht mehr Auto fahren kann, fahren mich sechs Herren und eine Dame abwechselnd am Sonntag zur Kirche. Wo immer ich kann, lobe ich die Gemeinsamkeit in dieser Gemeinde. Sehr oft wird mir dann geantwortet: ‚In einer solchen Gemeinde möchte ich auch sein.‘“ Dort ist sie 2010 nach langer Krankheit in einem Pflegeheim verstorben.
Beitrag: Pater Peter Hinsen
Quelle: das zeichen Heft 04/2026
Foto: United Archives GmbH/Alamy (Hanna-Renate Laurien, 2001)
Pater Peter Hinsen
ist seit 1967 Pallottiner, Autor von zahlreichen Büchern und Zeitschriften (seit 1968 in „KA“ bzw. „das zeichen“), engagiert in der Seelsorge, Erwachsenenbildung und Priesterausbildung. Heute lebt er in Immenstaad am Bodensee.
Quellen:
Webseite der Konrad-Adenauer-Stiftung: Geschichte der CDU
Bernhard Vogel: Hanna-Renate Laurien OPL, Wort und Antwort, 60. Jg (2015), Heft 2, S. 85–87
Erlebte Geschichten mit Hanna-Renate Laurien, im WDR (Wolfgang Steil), 21.04.2003
Der „Liebesbrief“ an die Gemeinde Mater Dolorosa in Berlin ist abgedruckt auf der
Website: mater-dolorosa-lankwitz.de
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