Bruder Ludwig Günther SAC

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Ich habe mir vieles selbst beigebracht

Bruder Ludwig Günther SAC

Willst du etwas von der Welt sehen, musst du bei den Pallottinern ins Kloster gehen. Was manchem als Widerspruch erscheint, war und ist in der Gesellschaft des katholischen Apostolats keine Ausnahme. Ein Paradebeispiel ist Bruder Ludwig Günther, der 55 Jahre lang auf Missionsstationen in Australien für Gott und die Menschen seinen Dienst verrichtete und im Januar dieses Jahres nach Limburg zurückgekehrt ist.

„Die Umstellung fällt mir schwer. Ich bin noch nicht ganz dabei. Am meisten vermisse ich die Wärme und das Autofahren“, sagt der 81-Jährige und fügt hinzu: „Jetzt würde ich drüben jeden Tag schwimmen gehen. Ich hatte dort eine große Werkstatt, hätte nun vielleicht Rasen gemäht. Hier gibt es jetzt keine Betätigung mehr für mich.“

Flucht nach Limburg
Günthers ganzes Leben war von den Pallottinern geprägt. Als jüngstes von fünf Kindern einer Landwirtsfamilie im thüringischen Wolfmannshausen, hatte der kleine Ludwig schon früh Kontakt mit einem Pallottinerpater, wurde Messdiener und fand im zarten Alter von zwölf Jahren den Weg ins Pallottinerkolleg in Rheinbach (Rhein-Sieg-Kreis). Dort bestand bis Juli 2016 ein Kloster mit Schule. Doch der Weg dorthin war für den Jungen ein Abenteuer, das er als Senior bis heute vor Augen hat und nicht vergessen kann.

Dazu muss man wissen, dass sein Wohnort Wolfmannshausen, der einst zu dem bayerischen Großherzogtum Würzburg gehörte, 1808 per Staatsvertrag an Sachsen-Meiningen gegeben wurde. Als einzige Pfarrgemeinde des Bistums Würzburg, die sich nicht innerhalb Bayerns befand, durfte das Dorf als katholische Enklave fortbestehen – bis die Zonengrenze kam. „Von da an gehörten wir zum Bistum Erfurt“, berichtet Günther. Heute gehöre das Dorf zu Thüringen.

Der Klosterbruder berichtet als wäre es gestern gewesen: „An einem Tag im April 1949 brachen wir um Mitternacht mit zwölf Leuten auf. Wir hatten nur Handgepäck und flüchteten über die Felder in den Westen. Wir kamen zu viert nach Limburg. Zwei von uns gingen hier in das Bischof-Vieter-Kolleg für Spätberufene; ein Kollege und ich besuchten die Schule in Rheinbach.

Lehrling in der Landwirtschaft
Zwei Jahre nach der abenteuerlichen Flucht kam Ludwig Günther 1951 zurück nach Limburg. „Ich war Bruderaspirant und wollte Schlosser oder Elektriker werden, doch in diesen Werkstätten war kein Platz mehr frei. Sie haben aber einen Lehrling in der Landwirtschaft gebraucht und so hab‘ ich die Ausbildung zum Landwirtschaftsgehilfen gemacht.“ Als Novize bereitete er sich auf den Eintritt in die Klostergemeinschaft vor, der er 1956 beitrat.

Schon am 2. Juni 1953 lernte er Bruder Berthold Erfort kennen. „Wir waren Nachbarn, ich habe das Schreinerhandwerk erlernt“, ergänzt Erfort. Seitdem verbindet die beiden Männer eine nunmehr 65-jährige Freundschaft. Sie gehören zu den immer weniger werdenden Zeitzeugen, die den Aufbau und Abriss der einst so renommierten Pallottinerbetriebe miterlebt haben und heute auf gemeinsamen Spaziergängen durch das Neubaugebiet „In den Klostergärten“ überrascht feststellen: „Jetzt sehen wir erst mal wie groß unser Gelände war.“

Kein Freiraum im Noviziat
Wenn Erfort und Günther aus früheren Tagen erzählen, wird ein heute undenkbares Kapitel Klostergeschichte lebendig: „Im Noviziat hatten wir unter der Woche wegen Arbeiten und Beten keine Zeit für andere Dinge. Für diejenigen, die mittwochs gesellig im Hause beisammen saßen, war sonntags Spazierengehen angesagt. Nur die Landwirte und Gärtner waren davon befreit, weil sie während der Arbeit sowieso draußen waren. Wir wurden angewiesen, immer zu dritt zu gehen, damit wir uns kennenlernten. Wir nahmen Kuchen mit und wanderten bis in ein Wäldchen nach Beselich. Dann hieß es‚ den Habit hoch (Tracht der Ordensgemeinschaft) und loslaufen; denn bis 17 Uhr mussten wir zurück sein. Am Abend war Betrachtung in der Kirche. Der Novizenmeister hat auf der Empore gesessen und geguckt. Wir hatten absolut keinen Freiraum. Heute könnte man auf diese Weise niemand mehr in ein Kloster bekommen. Manchmal durften wir im Linterer Weiher schwimmen. Hinter einer Hecke haben wir uns umgezogen.“

Vier-Wochen-Reise nach Australien
Nachdem er 1961 die Ewige Profess abgelegt hatte, befleißigte sich Bruder Günther zunächst auf dem Albrechtshof bei Bendorf, der die Hochschule der Pallottiner in Vallendar belieferte. Zurück im Limburger Mutterhaus, schipperte er am 10. Oktober 1962 mit dem Schiff von Bremerhaven nach Australien. „Ich war vier Wochen und ein Tag unterwegs über England, Spanien, Italien, Griechenland, durch den Suezkanal nach Aden und dann waren es noch elf Tage bis zum Zielhafen in Perth, der Hauptstadt des Bundesstaats Western Australia“, berichtet Günther.

1901 waren die ersten Pallottiner im Rahmen ihrer Missionsarbeit nach Australien gekommen. Sie hatten unter anderem in Tarden eine Farm für Weizenanbau und Schafzucht aufgebaut. „Ich sollte dort bei der Ernte helfen“, blickt Bruder Günther zurück. Es bestand auch ein Gymnasium für Aborigines, die Ureinwohner des Landes. Von dort mussten die Abiturjahrgänge mit Bussen in eine 70 Kilometer entfernt gelegene Schule gebracht werden. „Sechs Jahre lang war ich dort für die Instandhaltung der Busse zuständig bis ich 2.500 Kilometer nördlich nach Broome umgezogen bin; einem weiteren Missionsort, wo ich für die Wasser- und Stromversorgung wie auch für den Transport verantwortlich war. Hin und wieder kam ich auf Urlaub ins Mutterhaus nach Limburg.“

In „Technischer Mission“
Dann folgte für 13 Jahre ein weiterer Einsatz in Beagle Bay. Hier unterhielten die Pollottiner auch eine Fischerei. Bruder Günther war unter anderem für den Betrieb einer Lichtmaschine zuständig, die einen Generator antrieb und stundenweise Strom erzeugte. 1980 kam er – ebenfalls in technischer Mission – auf eine Station nördlich der Hauptstadt Melbourne. „Ich hätte meine technischen Kenntnisse gerne in einer entsprechenden Ausbildung erlernt, durfte es aber damals nicht. Ich konnte am Anfang nicht mal schweißen“, erinnert sich der 81-Jährige, der sich alles selbst beigebracht hat. Er lebte sodann in Dongara, einer Stadt in Western Australia, 351 km nordwestlich von Perth. Günther: „Es war der schönste Platz in Australien. Hier herrscht immer ein angenehmes Klima.“

1988 ging‘s für den Limburger Bruder wieder zum Ausgangspunkt zurück nach Tarten, bis die Pallottiner 2017 ihre Missionsstationen aufgaben, aus denen Pfarreien geworden waren, so dass die Gemeinden dort heute von Einheimischen verwaltet werden, die bei den Pallottinern gelernt haben: „So, wie es eigentlich sein soll“, sagen die Brüder Günther und der 84 Jahre alte Erfort. Er hatte seinen Freund 1983 und 1992 auf den Missionsstationen besucht und sagt: „Jetzt genießen wir hier unseren fest strukturierten Tagesablauf und die Gemeinschaft. Das ist uns sehr viel wert. Wir gehen viel spazieren und besuchen die alten Freunde auf dem Friedhof.“ Und Bruder Günther ergänzt: „Wir versuchen auch mal in Urlaub zu fahren.“

Text: Dieter Fluck, Limburg
Bild: privat

Bruder Berthold Erfort SAC und Bruder Ludwig Günther SAC
Pallottinerbruder Ludwig Günther (rechts) ist nach 55 Jahren von Missionsstationen in Australien nach Limburg zurückgekehrt. Dort zeigt er dem befreundeten Mitbruder Berthold Erfort (links) seine fotografischen Erinnerungen. Foto: Dieter Fluck

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2018-10-31T12:15:06+00:00