Pallottiner in Kälberau – Abschied nach 62 Jahren Seelsorge

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Pater Bernhard Pieler SAC
Pater Bernhard Pieler SAC
Kuratie Kälberau
Kuratie Kälberau
Gottesmutter von Stalingrad
Gottesmutter von Stalingrad

Pallottiner in Kälberau verabschieden sich

Grußworte von Pater Pieler zum Abschied nach 62 Jahren Seelsorge

Pater Bernhard Pieler SAC, Pallottiner und derzeitiger Pfarradministrator in Kälberau mit „Maria zum Rauen Wind“ resümiert zur Verabschiedung aus der Kuratie über das jahrelange Engagement der Pallottiner am Wallfahrtsort.

Vielfältige Tätigkeitsfelder

Am 01. September 1955 kam der erste Pallottiner als Seelsorger nach Kälberau, zum 31. Oktober 2017 wird die sogenannte „Klause“ als Niederlassung der Pallottiner aufgelöst.

In dieser Zeit bot die „Klause“ bis zu fünf Pallottinern mit einer Haushälterin Wohnraum und Zuhause. Sie waren in der Mehrzahl Priester, unter ihnen waren aber auch jeweils ein Laienbruder. Dieser betreute die Sakristei und die Anmeldungen für die Wallfahrten.

Die Patres betreuten die Teilnehmer diese Wallfahrten priesterlich und begleiteten sie für die Stunden ihres Aufenthaltes. Darüber engagierten sich die Patres vor Ort im Religionsunterricht an den Berufsschulen in Alzenau und arbeiteten als Seelsorger im Krankenhaus in Wasserlos und in den Altenheimen der näheren Umgebung.

Sie griffen auch den Ortsseelsorgern unter die Arme, wenn Not an Mann war. War es das, was die Pallottiner bewog, sich in Kälberau zu „etablieren“? Die Antwort findet sich im Ortsschild:

„Kälberau – ein Wallfahrtsort – grüßt seine Gäste“

Diese Gäste waren weniger Touristen – es waren Wallfahrer, Menschen unterwegs zu „Maria zum Rauen Wind“ und das in einer Vielzahl, Häufigkeit und Menge, die ein Arbeitspensum einforderten, das einfach „so nebenbei“ von der Ortsseelsorge nicht zu leisten war; zumal Kälberau, trotz Wallfahrtsort, von Pfarrer und Kaplan in Alzenau seelsorglich betreut wurde.

Es waren die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – das Erlebte des Schrecklichen, Chaotischen, des Grausamen, Willkürlichen bis zum wortlosen Entsetzen bestimmte das Denken und Empfinden der Menschen wie auch der Christen weitaus intensiver als heute.

Das Vergangene war noch hautnah und weckte bei allen Überlebenden einen Sinn für Dankbarkeit und zugleich eine feste Hoffnung auf eine dauerhafte Menschlichkeit, die nach den einhelligen Erfahrungen ohne glaubende Verantwortung vor Gott nicht möglich sei.

Wallfahrtsorte erfuhren eine ungeahnte Aufwertung, von der auch Kälberau profitierte.

Die Suche seitens der Verantwortlichen für Betreuung und Begleitung dieser Menschen war Thema Nummer eins. Suchend, fragend und zum Teil durch Flucht und Vertreibung belastet, aber auch Menschen, die ein Inferno wie Bombardierungen in unvorstellbarem Maß oder den Kessel von Stalingrad mit anschließender russischen Gefangenschaft überstanden hatten. Sie suchten nach Orten, an denen sie ihre Dankbarkeit gegenüber Gott aussprechen konnten.

Diesen Ort fanden sie in den Wallfahrtsorten, wie beispielsweise Kälberau. Eine Nachahmung der Gottesmutter von Stalingrad, jene Kohlezeichnung auf der Rückseite einer russischen Landkarte mit dem Worten „Licht-Leben-Liebe“ Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad spricht für die Dankbarkeit der Überlebenden von damals.

„Wallfahrtsorte sind das Werk gläubiger Menschen für suchende Menschen“, so wage ich einmal zu formulieren. Ihre Bedeutung und Wertschätzung wird von jener Gläubigkeit bestimmt, die den glimmenden Docht einer biblischen Hoffnung bewahrt hat und nach Vertiefung sucht.

Kaplan Zobel in Alzenau hat diese Situation klar erkannt: Kälberau braucht hierfür eine eigene Seelsorge und er machte seinem damaligen Bischof Julius Döpfner den Vorschlag, ihn für diese Aufgabe freizustellen. Er bot an, den Religionsunterricht an den Berufsschulen in Alzenau zusätzlich zu übernehmen. Der Vorschlag wurde abgelehnt mit der Begründung „Priestermangel“. So blieb der Kaplan zunächst in seiner Position, bis er sich zum Pfarrer hochgedient hatte.

Aber ein Stein kam ins Rollen

Jenseits des Hahnenkamms auf dem Reuschberg bei Schöllkrippen hatten Pallottiner sich schon vor längerer Zeit „eingenistet“ und waren als priesterliche Mitseelsorger in der Umgebung geschätzt und gefragt. Bei ihnen „klopfte“ der Alzenauer Pfarrer Hörning mit dem zuständigen Dechanten an. Die Pallottiner wiederum gaben dieses Anliegen ordnungsgemäß an die Provinzleitung, damals mit Sitz in Limburg, weiter.

Dieser „rollende Stein“ weckte reges Interesse bei der Provinzleitung und am 1.September 1955 trat P. Hermann Müller im Auftrag der Provinzleitung und im Einverständnis mit dem Ortsbischof seinen Dienst als Wallfahrts- und Ortsseelsorger an. Kälberau wurde kirchlich gesehen aufgewertet: von der Filiale zur Kuratie. Von Kaplan Zobel ist der Satz überliefert: „Kälberau ist der beliebteste Acker der Alzenauer Kapläne“.

Eine Wertschätzung, die insofern auf die Pallottiner überging, dass wie eingangs erwähnt, bis zu fünf Patres zeitweise in der „Klause“ wohnten, die allerdings erst 1960 von der Gemeinschaft erworben wurde. Aus der ehemaligen Zigarrenfabrik wurde Wohnraum für die pallottinische Kommunität.

Leben verlangt Veränderung

 Veränderung, die auch eine kleine Gemeinschaft wie die der Pallottiner in der „Klause von Kälberau nicht verschont. So wechselten Gesichter, so wechselten Aufgaben und wenn die eine abgegeben wurde, kam eine andere hinzu: die Seelsorge der Pfarrei St. Laurentius in Michelbach. Aber im Laufe der Jahre ereigneten sich Veränderungen, die mit „Umschichtungen“ nicht zu lösen sind; sie verlangen Einschnitte.

Ein Einschnitt bedeutet für die Pallottiner „Abschied von Kälberau“ und Abschiednehmen von Aufgaben, die offensichtlich nur noch für „Ergraute“ faszinierend sind, nicht aber für „Lockenköpfe“, oder anders gesagt: auch die Pallottiner in Deutschland bzw. in Mitteleuropa sind bei aller ihrer Modernität und Offenheit für Christen in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft keine „Insel der Seligen“!

Die Jungen bleiben aus und die Alten können nicht mehr. So gibt es nur eine Konsequenz: Abschied nehmen selbst von dem, was ans Herz gewachsen ist: von Kälberau mit „Maria zum Rauen Wind“ und den übernommenen seelsorglichen Aktivitäten.

Abschied feiern

 Dieser Abschied findet statt am Sonntag, den 22. Oktober 2017. Die bestehende Kommunität und Mitbrüder, die einmal hier gelebt und gearbeitet haben, werden beim Gottesdienst um 10 Uhr mit dabei sein, dem Pater Vizeprovinzial vorstehen wird.

Der Sonntag danach gibt jedem von uns drei Pallottinern in Kälberau Gelegenheit, sich von unseren „Arbeitsfeldern: Pfarrseelsorge in Michelbach und Wallfahrts- wie Ortsseelsorge in Kälberau zu verabschieden und dann steht die „Klause“ leer, offen für anderweitige Verwendung.

Die Pallottiner kamen – die Pallottiner gehen – was bleibt?

 Die Orte mit ihren Einwohnern, die Kirchen mit ihren Einrichtungen und Kälberau als Wallfahrtsort; wie diese Gebäulichkeiten als Orte gelebten Evangeliums erfahren werden, bestimmen Christen, denen Jesus Christus als Evangelium „ans Herz gewachsen“ bleibt.

So scheinen die Sätze aus der Osterbotschaft wegweisend: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“ und „Geht zu seinen Brüdern nach Galiläa, dort werdet ihr ihn finden“. Es bleibt seine Zusage: “Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende dieser Welt!“ und es bleibt seine Praxis: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Gerade mit dieser seiner Praxis widerlegt er den gängigen Slogan: „Ich kann auch ohne Kirche“, will sagen: „ohne Gemeinschaftlichkeit Christ sein!“ Zum Ab- und Aussterben schon, aber nicht zu kraftvollem Weiterleben.

Was bleibt? Das Leben geht weiter, aber anders: Messfeiern werden weniger, was nicht zur Folge haben muss, dass die Kirchen vor Ort am Sonntag leer bleiben müssen. Wenn das zutrifft, dann nur, weil Christen sie leeren und die gebotene Möglichkeit, Glauben als Wortgottesdienst zu feiern, nicht wahrnehmen, aus welchen Gründen auch immer.

Was bleibt? Die Richtschnur: nicht der Priester garantiert für die Gemeinschaft der Glaubenden, sondern die Gemeinschaft der Glaubenden leben mit einem Priester das Evangelium. Ganz nach dem Geschmack von Jesus Christus. Und wie so oft im Leben, hat erst die Krise auf den wegweisenden Geschmack gebracht.

Luftbild Kuratie Kälberau: © Bavaria Luftbild Verlags GmbH
(GC, 10.10.2017)

Nachtrag – auf vielfachen Wunsch:

Die Ansprache am 22. Oktober 2017, von Vizeprovinzial Pater Michael Pfenning SAC , zum Nachlesen.

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2017-11-10T14:00:59+00:00