163
Jahren eingewandert, Portugiesen) finden sich dazwischen. Spra‐
che und Sitte ist dort überall deutsch, doch sprechen die meisten
Deutschen außerdem die Landessprache, das Portugiesische, gut,
oder wohl manche auch schlecht. Die Ortschaften haben meist
zwei Namen, einen von der Regierung gegebenen brasilianischen
und einen von der deutschen Bevölkerung gegebenen deutschen.
So findet sich dort ein Ort „Kronenthal“, ein „Affenthal“ (weil die
Frau des ersten Ansiedlers gefragt, wie es ihr auf der Farm, die in
einem Tal gelegen war, gefalle, geantwortete hatte: „Ach Gott, es
sind so viele Affen da, es ist das reinste Affenthal.“), ein „Hambur‐
ger Berg“ etc.
Die Bevölkerung war damals durchgehend wohlhabend und lebte
in ungebundener Freiheit. ‐ Sein Leben, Eigentum etc. musste aber
auch jeder selbst zu schützen wissen. Am wohlhabendsten waren
die „Vende“‐Besitzer. Vende ist ein Kaufhaus. Man kann dort so
ziemlich alles kaufen und verkaufen: Getreide, Erdnüsse, Mais,
Tierhäute, Schweineschmalz etc. ‐ Man kauft dort Kaffee, Reis,
Zucker, Kleiderstoffe, Schirme, Sättel, Schuhe, Hüte, Häringe, Äxte,
Sägen, Handwerkszeug, Bier, Wein, Schnaps etc. und man kann ein
Zimmer haben zum Schlafen und Stallung für den Gaul, Mais und
Futter für diesen und Essen und Trinken für sich selber. Die Land‐
schaft ist recht hübsch, oft flach, doch fehlen auch Hügel und Ber‐
ge nicht. Mais, Bohnen, Maniok, und dergl. wächst gut, dagegen
Weizen und dergl. nicht dort unten in der Ebene (wohl oben im
Gebirge bei den Italienern), Orangen, Feigen, Aprikosen, und derlei
Südfrüchte gibt es in Hülle und Fülle, auch Bananen fand ich dort.
Palmen erheben ihre stolzen schönen Kronen in die Lüfte, jedoch
gibt es keine deutschen Hölzer. Wein wächst nicht gut, weil der
Winter fehlt und so die Rebe jahraus jahrein ihr Laub behält.
Schweinezucht ist für die Landbevölkerung die Hauptsache, mit
Schweineschmalz, ein Grundhandelsartikel. In den Venden erhält
aber der Verkäufer nach Vereinbarung nur einen Teil in bar, den
anderen Teil in Waren ausbezahlt, wodurch der Kaufmann natür‐
lich 2‐mal Profit hat.
Ich fragte einen dort geborenen jungen Deutschen, ob er sich nicht
sehne, in Deutschland zu leben, von dessen Schönheit und hohem
Kulturstand ihm seine Eltern doch viel erzählt hätten. Er antworte‐
te, es scheine ihm schrecklich, dort zu leben, wo jedes Dorf einen
Polizisten habe, nur Gendarmen umherstreifen, wo es keine Ur‐
wälder gebe, wo man nicht einmal das Wild schießen dürfe und




