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ten, wurde der Arzt zu Rate gezogen. Dr. Stein merkte bald, dass
keine Aussicht mehr auf Genesung bestand. Seine Arzneien hatten
aber wenigstens den Erfolg, dass der Patient Erleichterung ver‐
spürte und wieder außer Bett sein konnte. Fast jeden Morgen las
er die hl. Messe. Und wenn er auch bei der Rückkehr aus der Kir‐
che mehrere Haltestationen auf der Haustreppe machen und wäh‐
rend des Tages einige Stunden ruhen musste, nahm er gewöhnlich
doch an den Mahlzeiten und der abendlichen Unterhaltung teil.
Die Missionare freuten sich über diese Wendung zum Besseren
und hofften wieder. Er selber war seit Jahren ans Kranksein ge‐
wöhnt, verhehlte sich aber doch nicht, dass sein Zustand bedenk‐
lich sei.
Noch mehr aber als die körperlichen Leiden drückte ihn die Sorge
um seine Christengemeinden an der Küste und die dort verbliebe‐
nen Missionare. Wohl war man bemüht, ihm jede aufregende
Nachricht vorzuenthalten. Aber alles ließ sich beim besten Willen
nicht verschweigen. Als ihm bekannt wurde, dass die Missionare
aus Duala und Edea vertrieben seien, sagte er: „Es ist besser, wenn
Gott mich zu sich ruft.“ Einmal war die Rede vom silbernen Jubilä‐
um der Mission, das im nächsten Jahre gefeiert werden sollte. Da
machte er die Bemerkung: „Ich werde es wohl nicht mehr erle‐
ben.“
Die Todesahnung scheint ihn in den letzten Wochen nicht mehr
verlassen zu haben. Zwei Tage vor seinem Hinscheiden äußerte er
der Schwester Pankratia gegenüber, die ihn pflegte: „Diese unseli‐
gen Zeiten sind nicht geeignet, mir die Gesundheit wiederzugeben.
Ich fühle mich immer schwächer und werde wohl auch plötzlich
sterben, wie mein Vater, der an der Wassersucht unversehens
starb.“ Die Missionare mochten nicht daran glauben, und doch,
Bischof Vieter war bereits bei der letzten Station seines Kreuzwe‐
ges angelangt.
In der Allerheiligenoktav betete er mehrmals außer dem vorge‐
schriebenen Brevier noch das Totenoffizium und erklärte, er tue
es, damit auch andere nach seinem Tode ihm denselben Liebes‐
dienst erwiesen. Waren seine Schmerzen besonders heftig, dann
tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er so sein Fegfeuer schon
auf Erden abbüßen könne. Dazwischen kamen aber auch Stunden,
wo es ihm besser ging, wo er sogar scherzen und lachen konnte.
Einmal, als P. Rosenhuber bei ihm im Zimmer war, deutete er auf
die vielen Medizingläser, die auf seinem Waschtisch standen und




