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Aktuelles von den Pallottinern

Pallottiner im Gespräch: Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch - P. Norbert Possmann über die aktuelle Situation und die Herausforderungen für die Zukunft


P. Norbert Possmann, Provinzrat.

Friedberg/13.04.2010 - Im Laufe der Debatte um sexuellen Missbrauch und Misshandlungen an katholischen Ordensschulen sind auch Übergriffe an Einrichtungen der Pallottiner bekannt geworden, die sich in den 60-er und 70-er Jahren ereignet haben. Nicolas Schnall sprach mit P. Norbert Possmann, langjähriges Mitglied der Provinzleitung, über die aktuelle Situation und die Herausforderungen für die Zukunft. 

Wodurch hat die jetzige Provinzleitung von den bekannt gewordenen Fällen erfahren?

Im Jahr 2008 hat sich bei uns ein Opfer aus den 60-er Jahren gemeldet und mir in einem sehr persönlichen Gespräch seine Erlebnisse im Konvikt St. Albert in Rheinbach geschildert. Seine Erfahrungen von Gewalt, sexuellem Missbrauch und der Willkür eines Menschen hilflos ausgeliefert zu sein, erschütterten mich sehr. Es bewegt mich bis heute, was Kindern damals in unseren Einrichtungen angetan wurde. Die Taten sind zwar strafrechtlich alle verjährt, aber ich denke oft, dass die Wunden, die geschlagen wurden, beim Opfer wohl kaum verjähren. Jeder Fall ist ein Fall zu viel. Und mit jedem Missbrauchsopfer, von dem ich höre oder in der Presse lese, leide ich mit. Ich schäme mich, dass so etwas in einer kirchlichen Einrichtung durch Menschen geschehen konnte, die eigentlich Gott und den Menschen dienen wollten.

Wie hat die Leitung vor zwei Jahren auf die Vorwürfe reagiert?

Im Auftrag der Provinzleitung traf ich mich wiederholt mit dem Mann, der sich bei uns gemeldet hatte. Wir suchten gemeinsam nach Möglichkeiten der Aufarbeitung und Hilfe. In diesem Prozess stieß ich auf Namen weiterer Opfer, zu denen ich umgehend versuchte, Kontakt aufzunehmen, um mich im Namen der Pallottiner für das Erlittene zu entschuldigen und Hilfen anzubieten. Dies erwies sich nach fast fünfzig Jahren als sehr schwierig. Doch das Konzept der Provinzleitung war und ist es, die Opfer zu ermitteln, uns dem erfahrenen Leid zu stellen, Hilfen anzubieten und uns zu entschuldigen.

Provinzial P. Hans-Peter Becker hat bisher unbekannte Opfer dazu ermutigt, sich mit den Pallottinern in Verbindung zu setzen, um so zu einer vollständigen Aufklärung beizutragen. Haben sich daraufhin weitere Opfer gemeldet?

Bisher meldeten sich 14 Personen. Alle Taten, mit denen wir konfrontiert wurden, sind in den 50-er, 60-er und 70-er Jahren geschehen. Ein aktueller Fall ist uns nicht bekannt. Bei  zehn Personen handelt es sich um schlimme Gewalt, die ihnen in unseren Einrichtungen durch Patres widerfuhr oder auch um Ungerechtigkeiten, die sie bis heute schmerzen. Es kam noch nicht bei jedem Opfer ein Treffen zustande. Vier Personen wurden sexuell missbraucht. Zurzeit sind wir dabei, alle, die Kontakt zu uns aufgenommen haben, aufzusuchen und in der Begegnung miteinander zu schauen, welche Möglichkeiten der Hilfe es gibt.

Welche Konsequenzen zieht die Provinzleitung für die künftige Jugendpastoral aus diesen Enthüllungen?

Wir Pallottiner setzen nun alle Kraft in Aufarbeitung und Prävention. Unser neuer Vizeprovinzial, P. Helmut Scharler SAC, bereitet im Moment ein Treffen aller Verantwortlichen in unseren Schulen und Jugendeinrichtungen vor. Gemeinsam sollen Wege gesucht und aufgezeigt werden, wie Kinder und Jugendliche sensibilisiert werden können, Grenzüberschreitungen von Erwachsenen und Mitschülern zu erkennen und selbstbewusst darauf zu reagieren. Gleichzeitig überprüfen wir die vorhandenen Mechanismen zur Verhinderung von Missbrauch und Gewalt, um diese - wenn nötig - zu verbessern. Dabei holen wir uns gezielt Unterstützung von Experten. 

Thema Prävention: Welche Mechanismen gibt es in den pallottinischen Jugendeinrichtungen denn heute schon, um Missbrauch zu verhindern?

Schon seit langem werden in unseren Einrichtungen Fragen von Missbrauch und Gewalt thematisiert. Bereits 2002 hatte die Limburger Provinzleitung alle Einrichtungen gebeten, die vorhandenen Präventionsmaßnahmen zu eruieren und zu verbessern. Gott sei Dank hat sich die Pädagogik seit den 60-er und 70-er Jahren stark verändert. Weg von der Verantwortung eines Einzelnen für eine große Gruppe von Jugendlichen hin zu einem Team von Pädagogen, das sich gemeinsam um die Jugendlichen kümmert. So stehen mehrere pädagogische Fachkräfte - Frauen und Männer - in Notsituationen für die Kinder und Jugendlichen als Ansprechpartner zu Verfügung. Auch ist das System der Vertrauenslehrer und -lehrerinnen seit den 70-er Jahren wesentlich verbessert worden. Wie gesagt: Für uns ist es wichtig das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken und ihnen bewusst zu machen, dass Grenzüberschreitungen von ihnen nicht hingenommen werden dürfen.

Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK), der auch die Pallottiner als Mitglied angehören, hat sich im Jahr 2003 Leitlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch" gegeben. Welche Rolle spielen diese heute konkret?

Die Leitlinien - auch in der 2009 überarbeiteten Version - sind für unsere Provinz in Kraft gesetzt und deshalb bindend. Sie schenken den Opfern größte Aufmerksamkeit. Es wird darin eindeutig klargestellt, dass sexueller Missbrauch eine Straftat ist, dass mit den staatlichen Behörden zusammengearbeitet werden soll und dass Täter keinerlei Gelegenheit mehr gegeben werden darf, nochmals so schändlich an Kindern und Jugendlichen zu handeln. Grundsätzlich gehen wir - entsprechend der Leitlinien - allen Hinweisen, die uns erreichen, konsequent nach. Unser erstes Interesse gilt dabei dem Opfer. Gemeinsam mit ihm versuchen wir geeignete Wege zu finden, um zu helfen. Dann muss der Täter ermittelt und sofern dies noch möglich ist, zur Verantwortung gezogen werden. Es muss sichergestellt werden, dass der Täter therapeutisch behandelt wird und keine Möglichkeit zur Wiederholung seiner Tat erhält. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Auswahl und Ausbildung unserer Mitbrüder, die pastoral und pädagogisch tätig sind und sein werden. So muss die Motivation, den Priesterberuf zu ergreifen, geklärt sein, und während der Ausbildung darauf geachtet werden, dass die eigene Sexualität bewusst akzeptiert und integriert wird. Auch bei den Mitarbeitern in unseren Einrichtungen müssen wir darauf achten, dass sie eine Ausbildung haben, die sie befähigt, mit Kindern und Jugendlichen in verantwortungsvoller Weise umzugehen. Wir müssen organisatorisch sicherstellen, dass alles Mögliche unternommen wird, damit auffällige Personen nicht mit Kindern und Jugendlichen arbeiten können.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die Zukunft vor allem pallottinischer Jugendarbeit?

Kinder und Jugendliche, die unseren Einrichtungen anvertraut sind, müssen dort erfahren, was grundlegend christliche und pallottinische Überzeugung ist: „Jeder Mensch ist Gottes grandioses Geschöpf, sein Unikat. Jedem Menschen ist so zu begegnen, dass er erfährt, ich habe eine Würde, die Gott mir verliehen und dieser Würde entsprechend muss mit den Kindern und Jugendlichen umgegangen werden." Das Handeln in manch christlicher Einrichtung hat die Würde von Kindern und Jugendlichen mit Füßen getreten. Das alles muss offen benannt werden. Ich bin froh, dass Menschen, denen das widerfuhr, ihr Schweigen gebrochen haben. Für die Zukunft erhoffe ich mir, dass daraus ein Lernprozess entsteht, der nicht nur für Deutschland, sondern in allen Ländern der Erde, wo im Auftrag der Kirche, Kinder und Jugendliche erzogen werden, die notwendigen Konsequenzen gezogen werden: Keine Gewalt an Kindern und Jugendlichen, höchste Aufmerksamkeit für die Opfer, keine falsche Toleranz für Täter!

Mehr zum Thema "Sexueller Missbrauch und Misshandlung" und die Kontaktdaten der externen Ansprechpartner.


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