Aktuelles von den Pallottinern
Zwischen Freiheit und Verbindlichkeit - Movimento Pallotti in Berlin
Eine Gemeinschaft, die das Spirituelle und das Soziale sucht: Die sechzehn Mitglieder versammeln sich regelmäßig zu Gebet und Gottesdienst, gehen aber auch ..
Berlin/23.02.2010 - Es war die „Sehnsucht nach mehr", die die junge Medizinstudentin aus Aachen antrieb. Und auch ein Stück Orientierungslosigkeit. Denn auf der Suche nach kirchlicher Heimat in der für sie unbekannten neuen Umgebung in Berlin fühlte sich Susanne Reinöhl oft allein gelassen. Dabei hatte sie so viele Fragen, die ihr auf den Nägel brannten. Evangelisch getauft, in katholischem Milieu aufgewachsen fing die heute 35-jährige Mutter von einem Sohn schon zu Schulzeiten an, sich für christliche Philosophie zu interessieren. Immer wieder fragte sie sich: Wie kann ich auch als Laie näher an Jesus herankommen?
Antworten auf diese - nicht gerade einfache - Frage fand sie in der Pallottiner-Pfarrei St. Christophorus in Berlin-Neukölln. Hier erlebte die junge Frau bei und nach einem Aschermittwochs-Gottesdienst die ihr aus der westfälischen Heimat bekannte „typisch katholische Freundlichkeit". Susanne Woo-Ling, wie sie seit ihrer Hochzeit heißt und heute in Newcastle lebt, erinnert sich, als wäre es gestern gewesen: „Trotz meiner teilweise unmöglichen Fragen wurde ich damals nicht davon gejagt, sondern eingeladen, wieder zu kommen." Und sie kam wieder, wuchs über ihr soziales Engagement mehr und mehr in die Gemeinde hinein und entschied sich für den Eintritt in die katholische Kirche. Zehn Jahre sind seitdem vergangen.
Der außergewöhnliche Name entstand in launiger Runde beim Italiener
Ein Jahrzehnt, das nicht nur in ihrem Leben vieles veränderte. Denn ihr Wille, ihr Drängen, ihre Suche waren Impuls für die Gründung von „Movimento Pallotti - eine Hand voll Leben". Am 11. Oktober 2003 wurden die Gründungsmitglieder Susanne Reinöhl und die beiden Eichert-Schwestern, Ursula und Lissy, von Unio-Präsidentin Sr. Adelheid Scheloske als Gruppe in die Vereinigung des Katholischen Apostolates aufgenommen. Der außergewöhnliche Name entstand einige Wochen zuvor in launiger Runde beim Italiener, wie das kartonierte Zeitdokument, orangefarbene Visitenkärtchen mit dem Schriftzug „Ristorante da Lucca" in Lissy Eicherts Bibel noch heute bezeugt.
Seit 1993 lebt die gebürtige Pastoralreferentin, die an der Hochschule der Pallottiner in Vallendar Theologie studierte, zusammen mit Br. Klaus Schneider und Pater Kalle Lenz in Glaubens-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft in der Neuköllner Gemeinde St. Christophorus. Die sozialen Projekte wurden gut angenommen, das Gemeindeleben blühte auf. Doch plötzlich sahen sich die drei Pallottis - wie sie hier im Reuter-Kiez genannt werden - von den drängenden Fragen einer Medizinstudentin herausgefordert. Wie lässt sich „alltagstaugliches Laienapostolat" heute konkret umsetzen?
... dorthin, wo Not herrscht. Marion Sabel UAC (rechts) und Simone Mronga schmieren Brote, die sie – immer samstags – den Obdachlosen am Bahnhof Zoo bringen.
Das Programm von „Movimento Pallotti", Pater Lenz nennt es „die Koordinaten", wurde dann von einer fünfköpfigen Pilgergruppe auf einer Fahrradwallfahrt in Richtung Santiago de Compostela entwickelt. Das Rezept funktioniert folgendermaßen: Man nehme die Freiheit jedes Einzelnen garniert mit einem Schuss Verbindlichkeit. Die weiteren Zutaten waren schnell gefunden. „Bewegung aus der Gottes- zur Menschenliebe und umgekehrt", „Hände, die zupacken", „religiöses Leben in Gemeinschaft" - und Vinzenz Pallottis Geist, der alles durchdringt.
Ein römischer Priester, der vor mehr als 150 Jahren lebte, versetzt Menschen in Bewegung und „hilft herauszufinden, was will Gott von mir und wo kann ich mich einbringen". Pallotti wird innerhalb der Gruppe von Kopf bis Fuß durchbuchstabiert. Sein Gottesbild, das nicht Angst schürt, sondern Liebe lehrt. Sein Kirchenbild, das die Verantwortung des Laien als Apostel betont. Und sein Menschenbild, das jeden Einzelnen als Ebenbild Gottes ernstnimmt. Diese „pallottinischen Fingerzeige" werden ernstgenommen.
Vor Ort in Berlin oder "entsendet in die Welt"
Und das Ergebnis lässt sich sehen. Bunt wie der Berliner Stadtteil, in dem sich die Gruppe beheimatet fühlt: Von der Reinigungskraft über die Gefängnisseelsorgerin bis hin zur Ärztin, von Mitte 20 bis Mitte 50, vom katholisch Sozialisierten bis hin zur Konvertitin: Sechzehn Frauen und Männer haben sich bis heute durch ihren persönlichen „Selbstverpflichtungsakt" bewusst und verbindlich auf den Weg gemacht - vor Ort in Berlin oder „entsendet in die Welt", wie der Status für Externe genannt wird.
Sechzehn Mitglieder, die bei der Aufnahme versprochen haben, Woche für Woche „die fünf Finger der Hand mit Leben zu füllen", erklärt P. Lenz, der anfangs eher skeptisch war, als es um die Neugründung ging. Doch seine Bedenken lösten sich schnell in Luft auf. Die Gruppe sei rasch zusammengewachsen, ein „starkes Wir-Gefühl", das sich positiv auf das Gemeindeleben auswirkte, habe sich eingestellt. Um mit den Worten der Impulsgeberin zu sprechen: Ein Glaubens- und Lebensstil, der der persönlichen „Sehnsucht nach mehr" neuen Antrieb gab (Susanne Woo-Ling).
Sie hat es nicht bereut, sich enger an „Movimento Pallotti" zu binden: Susanne Woo Ling, die heute mit Mann und Kind in Newcastle lebt.
Ob bei der täglichen „Happy hour mit Gott" - im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet - oder durch die Arbeit mit Obdachlosen am Bahnhof Zoo. Die Mitglieder geben ihren „kleinen Finger für die Armen", zum Beispiel in Form einer regelmäßigen Spende an die Caritas, oder treffen sich bei den sogenannten „Casas", den monatlichen Treffen mit familiärem Charakter, die neben Kulinarischem vor allem gegenseitigem Austausch Raum geben wollen. Auch interessierte Nicht-Mitglieder sind dazu eingeladen - wie auch an diesem Abend.
Nach der Vesper in der Kirche versammeln sich die sieben Teilnehmer um den Esstisch in der pallottinischen 3er-WG. Der Ablauf der Casa folgt - wie jedes Mal - keinem starren Muster. „Hier wird Vielfalt zugelassen", sagt Unio-Mitglied Marion Sabel, die sich als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte nebenbei noch im Pfarrgemeinderat von St. Christophorus engagiert. Und ergänzt: Bei den regelmäßigen Treffen und Aktivitäten der Gruppe sei Phantasie gefragt und der Mut, etwas Neues auszuprobieren.
Sie hat es nicht bereut, sich enger an „Movimento Pallotti" zu binden. „Bei mir hat sich schon das Gefühl eingestellt, meinen eigenen Glauben tiefer und verbindlicher zu leben". Dies verwundert nicht, denn bei allen Aktivitäten stehen Gott und der Mensch stets gleichermaßen im Mittelpunkt des Geschehens.
aus: KA+das zeichen (März 2010)
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