Aktuelles von den Pallottinern
Pallottiner im Gespräch: „Mit Weitblick, Charisma und offenem Herzen“ - Manfred Hermanns über 140 Jahre Raphaels-Werk
Folgte den Spuren von unzähligen Auswanderern und derjenigen, die sich für diese einsetzten: Professor Manfred Hermanns.
Friedberg/22.08.2011 - Der Autor des Buches "Weltweiter Dienst am Menschen unterwegs", Manfred Hermanns, bündelt und beleuchtet auf rund 240 Seiten 140 Jahre Auswandererfürsorge und -beratung durch das katholische Raphaels-Werk. Nicolas Schnall sprach mit Professor Hermanns über den Initiator und die Anfänge, ebenso wie über die Schwierigkeiten dieser Institution während des Dritten Reichs und die Perspektiven des Hilfswerks heute.
Die Gründung des St. Raphael-Vereins (heute Raphaels-Werk) vor 140 Jahren war der Initiative des Limburger Kaufmanns Peter Paul Cahensly zu verdanken. Was genau waren die Triebfedern für sein politisches und karitatives Engagement?
Die Zustände vor und während der Überfahrt nach Amerika waren menschenunwürdig. Die sogenannten Zwischendeckspassagiere mussten sechs bis acht Wochen zusammengepfercht und in Dunkelheit auf engstem Raum leben. Bereits auf der Anreise zu den Hafenstädten wurden die Auswanderungswilligen von Agenten und Logierwirten ausgebeutet. Peter Paul Cahensly hat dieses Elend der Auswanderer mit eigenen Augen gesehen. Cahensly erkannte schon früh die sozialen Gefahren und sittlichen Risiken, denen die Auswanderer ausgesetzt waren. Und er kämpfte stets uneigennützig für die Verbesserung ihrer Lage bei der Anreise zu den Hafenstädten, bei der Überfahrt und an den Zielorten in Übersee. Es waren rein humanitäre und christlich-caritative Motive, denen er sich als Motor der Auswandererfürsorge zeitlebens verpflichtet fühlte. Für ihn war die Auswanderungsfürsorge und -beratung sowohl eine wichtige kirchliche als auch gesellschaftspolitische Aufgabe.
Und wie lauteten die Antworten, die er als „Motor der Auswandererfürsorge“ auf die drängenden sozialen Fragen der Zeit gab?
Cahensly gründete mit Gleichgesinnten aus dem öffentlich katholischen Leben 1868 das Comité zum Schutze deutscher Auswanderer und 1871 den St. Raphaels-Verein. Mit Hilfe des Vereins schuf er Auswandererstationen in Bremen und Hamburg, gewann Vertrauensmänner in Nord- und Südamerika, Afrika und Australien, die die Einwanderer in Empfang nahmen und für einen gelingenden Start in das neue Leben sorgten. Zudem war sein Ziel, Beratungsstationen in allen Diözesen Deutschlands zu gründen, an die sich die Auswanderungswilligen schon vor ihrer Ausreise wenden konnten. Ferner warb er für gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Auswanderer bei den Staaten Hamburg und Bremen, in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten, später auch im Deutschen Reich.
Stichwort Internationalisierung: Welche weiteren Schritte ging Cahensly mit seinem Werk auf dem Weg zur weltumspannenden Institution?
Der deutsche Kaufmann Cahensly begann seine karitative Arbeit ja schon 1865 in der französischen Hafenstadt Le Havre. Als Großhandelskaufmann pflegte er gesellschaftlich-wirtschaftliche Kontakte in vielen Ländern Europas. Auf Katholikentagen und Kongressen warb er in diesen Ländern eindringlich für den Schutz der Auswanderer. Er gewann in Italien den sozial engagierten Bischof von Piacenza, Giovanni Battista Scalabrini, für seine Ideen und sicherte sich auch die Unterstützung durch die Päpste Leo XIII. und Pius X. Das war eine geeignete Grundlage für die Gründung von Raphaels-Vereinen auch in anderen europäischen Ländern. Auch in den Vereinigten Staaten wurde mit der Unterstützung von Bischöfen ein Raphaels-Verein gegründet. So entstand binnen weniger Jahrzehnte ein internationales und eng geknüpftes Netzwerk zur Förderung und Integration von Migranten.
Seit den 1920er Jahren lenkten Pallottiner als Generalsekretäre über mehrere Jahrzehnte mit großem Einsatz die Geschicke des Auswandererhilfswerks. Pater Max Größer riskierte in den finsteren Zeiten des Dritten Reichs sogar sein Leben...
Im Einsatz für ausreisewillige Juden riskierte er sein Leben: Pallottinerpater Max Größer.
Die Limburger Pallottiner, die Cahensly gut kannte und kommunalpolitisch förderte, setzten sein Lebenswerk in der Zeit der Weimarer Republik fort – in einer Zeit, in der der Auswandererstrom stark anwuchs. Pallottinerpater Georg Timpe, ein gebürtiger Hamburger, verlegte das Generalsekretariat in seine Heimatstadt, die als Welt- und Hafenstadt der Brennpunkt deutscher und osteuropäischer Auswanderung war. Die nationalsozialistische Herrschaft stellte Timpes Nachfolger als Generalsekretär, Pater Max Größer, und den St. Raphaels-Verein vor sehr große Herausforderungen. Schon 1933 begannen die Nazis mit der Entrechtung und Verfolgung von Juden. Zahlreiche Juden drängten daraufhin ins Ausland. Der Verein schuf noch in diesem Jahr ein „Sonderhilfswerk“ zugunsten der jüdischen Auswanderungswilligen und gründete 1935 zusammen mit dem „Caritas-Notwerk“ einen „Hilfsausschuß für katholische Nichtarier“, der die Ausbildung jüdischer Jugendlicher und die Umschulung von jüdischen Erwachsenen organisieren und in Übersee Siedlungen für Juden planen sollte. Dazu reiste Pater Größer in zahlreiche europäische Länder und in die Vereinigten Staaten, um dort die Bereitschaft für jüdische Immigration zu wecken, zu fördern und Einreisevisa zu ermöglichen. Ab 1937 schränkte die Geheime Staatspolizei den Handlungsspielraum des Raphaels-Vereins jedoch immer mehr ein, durchsuchte die Räume des Generalsekretariats und nahm den Generalsekretär Max Größer zweimal gefangen. Bei den polizeilichen Vernehmungen kam es möglicherweise auch zur Folterung. Trotzdem setzte Größer nach der Haftentlassung seine Tätigkeit zugunsten auswanderungswilliger Juden fort und reiste dazu unter anderem nach Holland und in den Vatikan, wo er wegen Ausreisevisa für Juden Verhandlungen führte, bei denen er auch durch Papst Pius XII. in seinem Anliegen unterstützt wurde.
Und dennoch wird die Rolle des Papstes in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande seit Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ bis heute noch immer kritisch beurteilt …
Das Bild, das der Dramatiker Rolf Hochhuth von Pius XII. gezeichnet hat, ist von Historikern längst widerlegt. Der Jude Pinchas Lapide hat schon vor Jahrzehnten aufgezeigt, dass der Papst durch sein diplomatisches Geschick und Engagement Hunderttausende Juden gerettet hat. Erst im vergangenen Jahr hat auch die ARD einem breiten Publikum die durch Pius XII. ermöglichte Rettungsaktion für römische Juden in Klöstern der Stadt deutlich vor Augen geführt. Erheblich weniger bekannt ist die von mir erforschte Brasilaktion, durch die der Pacelli-Papst nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Vargas 3000 Visa für die Auswanderung katholischer Juden über den Raphaels-Verein erwirkte. Deren Ausführung wurde dann allerdings durch brasilianische – antisemitisch eingestellte – Konsularbeamte in Berlin und Hamburg vereitelt. Etwa 700 Juden, die sich schon im Ausland aufhielten, konnten über die vatikanische Botschaft nach Brasilien ausreisen. Pius XII. hat im Rahmen seines begrenzten politischen und diplomatischen Handlungsspielraums das Bestmögliche für die Juden bewirkt.
Schon bald nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nahm das Werk, dessen Tätigkeit 1941 durch die Gestapo verboten und dessen Vermögen beschlagnahmt wurde, seine Arbeit, von der es jede Menge gab, wieder auf. Wie gestaltete sich dieser Neuanfang?
Der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg war sehr schwierig. Deutschland hatte seinen Ruf in der Weltöffentlichkeit verspielt. Gleichzeitig war der Wille zur Auswanderung sehr groß, besonders unter den deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen. Bis 1949 war Deutschen aber die Auswanderung weithin verwehrt. Die internationalen Kontakte der Pallottiner halfen jedoch dabei, schon 1946/47 wieder aktiv zu werden. Bereits im April 1946 wurde der St. Raphaels-Verein um tatkräftige Unterstützung bei der geplanten Auswanderung von Juden gebeten. 1947 konnte ein Durchgangslager für Auswanderer nach Kanada eröffnet werden. Und schon bald entwickelten sich Kooperationen mit internationalen Flüchtlings- und Migrationsorganisationen.
Migrationsbewegungen in den unterschiedlichen Formen gibt es seit Menschengedenken und wird es sicherlich auch zukünftig geben. Welche Perspektiven sehen Sie in der seit Jahrzehnten erfolgreich geleisteten Arbeit des Raphaels-Werks?
Neben den unzähligen Migrationsströmen durch Flucht und Vertreibung, insbesondere in Afrika und Asien, stoßen wir in der globalisierten Wirtschaftswelt von heute auf millionenfache Migration auf freiwilliger Basis. Wenn letztere auch nicht von Armut und Verzweiflung bestimmt sind – wie dies häufig im 19. Jahrhundert der Fall war –, so bedürfen auch diese Auswanderungswilligen fachgerechter Beratung. Auswanderungswillige müssen auf die Fremde und das Fremdsein vorbereitet werden, sie sind auf Hilfe und Rat bei ihrer Suche nach der besseren Zukunft und dem Lebenssinn angewiesen. Auswandernde müssen über fremde Mentalitäten, ausländisches Arbeits- und Sozialrecht informiert und aufgeklärt werden. Dabei bedarf es eines wachen Gespürs für die heutigen Sorgen und Nöte der auswandernden Menschen, der gesamten mobilen Welt. Raphaelsarbeit heute braucht nach wie vor weit blickende Menschen wie Peter Paul Cahensly – mit Charisma und einem offenen Herzen.
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